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Grußwort des Parlamentspräsidenten Ralf Wieland zur Eröffnung der Veranstaltung "Gesellschaftsform Genossenschaft: Wirtschaftliche Stärke, Bürgerschaftliches Engagement, Sozialer Nutzen"

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- Es gilt das gesprochene Wort -

Die Geschichte der Genossenschaft ist in Deutschland eine Erfolgsgeschichte. Ich denke, das lässt sich mit Fug und Recht behaupten. Noch immer haben die Genossenschaften als Wirtschaftsform eine große Bedeutung in unserer Gesellschaft: Im Einkauf, im Verkauf, im Verkehrsbereich, im Kreditwesen – und dort ganz besonders wichtig – im Wohnungswesen. Gerade in Ballungsgebieten, wie Berlin und Hamburg etwa, haben die Wohnungsgenossenschaften eine wichtige stabilisierende Funktion -  für den Bau und Erhalt von Wohnungen und für die Bereitstellung preiswerter Mietwohnungen. Wenn es die Genossenschaften als Gesellschaftsform noch nicht gäbe, man müsste sie schleunigst erfinden.

Was aus politischer Sicht Genossenschaften so interessant macht, ist für mich der Aspekt, dass die Gewinnmaximierung nicht im Vordergrund steht. Das unterscheidet sie elementar von Kapitalgesellschaften. Im Vordergrund steht der Zweck, steht das eigene Nutzungsinteresse, nicht die Rendite.

Es ist nicht aus der Luft gegriffen, wenn ich den Genossenschaften darüber hinaus eine ziemlich große Krisenresistenz bescheinige. Das hat uns die derzeitige Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt: Gerade die genossenschaftlich organisierten Finanzinstitute haben ihre Finger von allzu windigen Finanzgeschäften gelassen. Dort herrschte mehr ökonomische Vernunft. Die Gier war gezügelt. Das zeigt uns auch politisch: auf die Genossenschaften ist Verlass, weil sie eben nicht nur an die Gewinnmaximierung denken, sondern das Erwirtschaftete erhalten und behutsam wachsen lassen wollen.

Hieraus sollten wir meines Erachtens politisch eine Schlussfolgerung ziehen: Das Genossenschaftswesen muss mehr gefördert werden, weil es in jeder Hinsicht ein stabilisierender Faktor ist. Davon kann unsere Gesellschaft, aber eben auch die Wirtschaft profitieren: Verlässlichkeit geht vor Renditejagd. Das hat uns die jüngste Vergangenheit gezeigt.

Ich weiß, dass die staatliche Förderung der Genossenschaften verbessert werden muss. Genossenschaften erhalten keine Gründungsförderung. Die Förderprogramme zielen auf selbständige Tätigkeiten ab durch einen Unternehmensgründer. Das ist bei Genossenschaften bekanntlich anders. Und auch andere Förderungen wie beim Beteiligungskapital sind ausgeschlossen nach der derzeitigen Gesetzeslage. Hier muss es dringend zu Veränderungen des Gesetzes kommen, wenn wir die Genossenschaften unterstützen wollen. Wir können nicht auf der einen Seite die Genossenschaften als Erfolgsmodell preisen, ihrer Entstehung und ihrem Wirken dann Zügel anlegen. Das ist kontraproduktiv.

Wenn wir uns die Wirtschaftlichkeit von Genossenschaften anschauen, dann wird vor allem eines deutlich: Das Risiko der Insolvenz ist bei Genossenschaften nur halb so hoch wie bei Einzelunternehmen. Und das Insolvenzrisiko bei Aktiengesellschaften und GmbH’s ist sieben Mal so hoch. Das zeigt uns in aller Klarheit: Genossenschaften sorgen für Stabilität.

Besonders springt dieser Umstand ins Auge, wenn wir an die Wohnungsgenossenschaften denken. Das Wohnen, das sichere Dach über dem Kopf, ist ein hohes Gut für Menschen. Wer wohnt, will sicher wohnen – und dafür sorgen in besonderem Maße die Wohnungsgesellschaften mit ihrer Pflege und dem Bau von Wohnraum.

Wir alle sind uns einig: In Deutschland wollen wir die Energiewende. Das ist ein schwieriges Projekt. Die Energiewende lässt sich dabei nicht nur zentral regeln.

Das Umsteuern im Energiebereich wird auch dezentral und regional geschultert werden müssen. Teilweise sogar lokal.

Dass die Energiewende einen Innovationsschub auslösen wird, ist unter Experten unstrittig. Aber auch bei der Energieversorgung sollte die Sicherheit Vorrang haben vor den Verwertungsinteressen. Und da kommen dann wieder die Genossenschaften ins Spiel. Die Energiewende wird nur gelingen, wenn wir auf die dezentrale Energieversorgung setzen in Deutschland. Energiegenossenschaften können in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion übernehmen. Ein fruchtbarer Bogen zwischen Tradition und Moderne kann gespannt werden. Und so könnten neue Genossenschaften auf diesem Feld das werden, was die Veranstalter in ihrer Einladung generell zu den Genossenschaften sagen: Die Genossenschaft ist ein „Traditionsmodell mit Zukunft“.

Mit einer Genossenschaft sind die drei großen „S“ verbunden: Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Ich persönlich würde sogar noch ein viertes „S“ hinzufügen – die Solidarität. Dann wird deutlich, wieso die Genossenschaften nicht nur im Bürgertum des 19. Jahrhunderts Anklang fanden, sondern auch im Bereich der Arbeiterbewegung. Es ist interessant: Die damalige Klassengesellschaft hat mit den Genossenschaften eine Klammer geschaffen, deren Nutzeffekt größer war als der Klassenunterschied. So konnten sich die Genossenschaften als Modell entwickeln, das den Verfall der Klassengesellschaft überdauerte. Auch nach über 150 Jahren sind die Genossenschaften für die Menschen modern geblieben.

Wie modern es sein kann, eine Genossenschaft als Unternehmensform zu wählen – das soll Ihnen nun der heutige Abend näherbringen. Ich bin überzeugt davon, dass es der Berliner IHK und dem Genossenschaftsforum gelingen wird, Sie alle von der Modernität  einer Genossenschaft zu überzeugen. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen heute Abend viele neue Einsichten in die genossenschaftliche Welt des Wirtschaftens.

Vielen Dank.
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