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49. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer (11.08.2010)

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Parlamentspräsident Walter Momper: Die Geschichte nicht verblassen lassen

Anlässlich des 49. Jahrestags des Baus der Berliner Mauer eröffnete der Parlamentspräsident gestern Abend im Abgeordnetenhaus die Ausstellung „ Die Berliner Mauer aus Kreuzberger Sicht“. Wir veröffentlichen nachstehend seine Rede im Wortlaut:

„Ich begrüße Sie herzlich im Abgeordnetenhaus von Berlin zur Eröffnung der Ausstellung „Die Berliner Mauer aus Kreuzberger Sicht“, die mit viel Engagement von Günter Kokott kuratiert wurde, den ich daher besonders herzlich begrüße. Ebenso herzlich begrüße ich die anwesenden Künstlerinnen und Künstler. Es ist mir eine Ehre und eine Freude, Sie hier ausstellen und begrüßen zu dürfen.

28 Jahre Mauer – das ist auf eines Menschen Leben bezogen, fast ein halbes Leben. 28 Jahre Mauer – das heißt, viele Menschen wuchsen mit dem Eisernen Vorhang zwischen Ost und West, mit der Existenz zweier deutscher Staaten, der geteilten Stadt Berlin und einer schier unüberwindlichen und unmenschlichen Grenze mitten durch unsere Stadt und durch Deutschland auf. Der 13. August 1961 war einer der traurigsten Tage in der deutschen Geschichte und in der Geschichte unserer Stadt.

Unter strenger Geheimhaltung liefen die Vorbereitungen der DDR-Regierung für die Abriegelung West-Berlins an. Im ostberliner Polizeipräsidium wurde ein Stab unter Leitung des damaligen ZK-Sekretärs für Sicherheitsfragen, Erich Honecker, gebildet. Am 11. August kündigte Stasi-Chef Mielke den leitenden Kadern seines Ministeriums an, dass "in den nächsten Tagen entscheidende Maßnahmen beschlossen werden", die von der Staatssicherheit "höchste Einsatzbereitschaft" erforderten.

Das schreckliche Bild, das sich in den Morgenstunden des 13. August 1961 den Berlinerinnen und Berlinern an den Sektorengrenzen bot, löste bei vielen Wut und Fassungslosigkeit aus. Die Sperrmaßnahmen rissen von heute auf morgen Familien, Liebespaare, Freunde, Nachbarn und Kollegen gewaltsam auseinander und lösten Verzweiflung und Empörung bei den Betroffenen aus. Der Stacheldraht und die Mauer veranlassten Menschen zu Aktionen, die sie sich bis dahin wohl selbst kaum zugetraut hätten, aber der Wille, in Freiheit zu leben, war stärker als die Angst. Einige gingen lebensgefährliche Risiken beim Versuch ein, die Grenzsperren zu überwinden. Andere entwickelten ungeahnte Fantasie und Energie, um ihnen nahestehende Personen über die Grenze zu schleusen.

Insgesamt wurden 3041 gescheiterte sog. „Grenzdurchbrüche" mit Festnahmen allein vom 13. August bis 31. Dezember 1961 gezählt. Doch nicht nur die Trennung von "Ost" und "West", sondern auch die entstandene Insel West-Berlin musste mit der neuen, schwierigen Situation zurechtkommen. Und die Situation für die Teilstadt war wirklich dramatisch. Viele rechneten mit dem ökonomischen Niedergang. Vor allem Firmen verließen die Stadt. Die Möbelwagen rollten gen Westen. Das war eine dramatische Bedrohung der Lebensfähigkeit der eingemauerten Stadt West-Berlin.

Die Alliierten halfen. Lucius D. Clay kam nach Berlin und Lindon B. Johnsen, der Vizepräsident der USA. Und der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin Willy Brandt rief die Städte und Landkreise der Bundesrepublik auf, Partnerschaften mit Berlin zu bilden, um Berlin und den Berlinerinnen und Berlinern zu helfen. Später entwickelten sich auch Partnerschaften zwischen westdeutschen Gemeinden und den West-Berliner Bezirken durch die Kindern, Schülern, Jugendlichen und Senioren zu Ferienaufenthalten nach Westdeutschland kommen konnten. So besteht seit 1969 auch die Partnerschaft zwischen dem Kreis Bergstraße und dem Bezirk Kreuzberg. Lebendige Partnerschaften waren Ausdruck für die Verbundenheit mit den "eingemauerten" West-Berlinern. Und wir West-Berliner werden all den westdeutschen Gemeinden und Landkreisen für die damalige Hilfe in der schwierigen Situation stets dankbar bleiben. Das war nicht nur die dringend benötigte materielle Hilfe allein, sondern es war auch die praktische Solidarität: Wir lassen Euch nicht fallen, wir stehen zu Berlin!

Der Fall der Mauer 1989 bedeutete für Kreuzberg und seine Partnerschaften einen Einschnitt. Die Partnerschaft zwischen Kreuzberg und dem Kreis Bergstraße musste neu definiert werden, andere Felder des Austauschs, zum Beispiel in der Kulturarbeit boten sich an. Deshalb hat der Partnerschaftsverein Friedrichshain-Kreuzberg die Ausstellung "Mauerbilder" im November 2009 im Stadtmuseum Heppenheim veranstaltet, um ein Zeichen der Erinnerung und des Dankes zu setzen.

Ich freue mich, dass nun die Kunstwerke aus Anlass des 49. Jahrestages des Baus der Berliner Mauer noch einmal zusammen getragen und hier im Abgeordnetenhaus gezeigt werden. Dafür sei dem Partnerschaftsverein und dem Initiator Günter Kokott herzlich gedankt. In diesem Haus, das ehemals an der Mauer stand, hat seit 1993 das Abgeordnetenhaus von Berlin seinen Sitz. Deshalb ist es wie kaum ein anderes geeignet, eine Ausstellung zum Thema Mauer zu präsentieren. Die Mauer verlief 28 Jahre in der Niederkirchnerstraße direkt vor diesem Gebäude, dem ehemaligen Preußischen Landtag. Dieses Gebäude stand in Ost-Sektor. Der Martin-Gropius-Bau auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich im amerikanischen Sektor im Westteil der Stadt.

Auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Teilung der Stadt für manche noch ganz gegenwärtig. Aber für viele, gerade unter den Jüngeren, ist sie kaum noch vorstellbar. Für die Jungen ist Berlin eine Stadt, ihre Stadt. Die Mauer ist weg, ebenso der Todesstreifen. Die physische Trennung von "Ost" und "West" existiert nicht mehr. Wer heute durch Berlin geht, muss schon ganz genau hinschauen, um die letzten Spuren von Teilung, Gewalt und Unmenschlichkeit zu entdecken.

Daher ist es das Ziel dieser Ausstellung, die Geschichte nicht verblassen zu lassen und sie auch jungen Menschen nahe zu bringen. Es sollen auch diejenigen an die Geschehnisse erinnert werden, die damals noch gar nicht geboren oder Kinder waren. Sie haben inzwischen die Schule abgeschlossen, studieren oder gehen einem Beruf nach. Wir, die Älteren, verfolgen mit großer Freude, wie selbstbewusst diese jungen Menschen aufwachsen. Man kann nicht mehr unterscheiden, ob sie aus dem "Osten" oder dem "Westen" stammen. Es wächst eine neue Generation von Berlinerinnen und Berlinern heran, für die das geeinte Deutschland und das gemeinsame Europa eine Selbstverständlichkeit geworden ist.

Die Mauer in ihrer absurden aber bitteren Realität und das Geschehen entlang dieser lebensgefährlichen Trennlinie mitten durch Berlin waren für die hier vertretenen Künstler schon seit Jahren Motiv und Beweggrund für ihre Arbeit. In seiner unmenschlichen Monumentalität schien dieses Bauwerk wie für die Ewigkeit geschaffen. Es verhinderte die Kommunikation und den freien Blick auf die andere Seite. Die Mauer bildete zugleich die Nahtstelle zwischen zwei sich feindlich gegenüberstehenden Systemen.

Die Ausstellung „Die Berliner Mauer aus Kreuzberger Sicht“ zeigt Werke verschiedener Künstler, die durch unterschiedliche künstlerische Techniken Stimmungen dieser Zeit einfangen. Sicher werden sich viele von Ihnen an den Anblick der Mauer erinnern. Doch in diesen Bildern, die Sie hier sehen, findet der aufmerksame Betrachter eine ganz eigene Sicht – nämlich die Sicht des Beobachters, des Künstlers. Sie werden hier einerseits Mauer, Zäune, Wachtürme und Todesstreifen aus der Zeit des Kalten Krieges sehen, doch sie werden auch Kunstwerke finden, auf denen die Mauer als Tummelplatz für Kaninchen dargestellt wird.

Mit ihren Bildern tragen die Künstler dazu bei, die Erinnerung an die Teilung unserer Stadt und unseres Landes, an Unfreiheit und Unterdrückung wach zu halten. Ich freue mich, dass wir im Anschluss an Herrn Alexander Bölter, den 2. Vorsitzenden des Partnerschaftsvereins Friedrichshain-Kreuzberg, den Kunsthistoriker Michael Nungesser hören werden, der über die Kunstwerke selbst sprechen wird. Ich danke dem Partnerschaftsverein für das Engagement.

Mein Dank gilt auch dem Künstler Klaus Gutjahr für seinen musikalischen Beitrag auf dem Bandoneon für diesen Abend.

Ich danke allen hier ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern und wünsche Ihnen allen einen interessanten Abend mit zahlreichen Anregungen, persönlichen Begegnungen und fruchtbaren Gesprächen.

Der Ausstellung wünsche ich einen großen Erfolg, und viele interessierte Besucherinnen und Besucher.“

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Foto: Abgeordnetenhaus von Berlin

Der Präsident bei seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung „ Die Berliner Mauer aus Kreuzberger Sicht“

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