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Berlin nahm Abschied von Tino Schwierzina (15.01.2004)

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In der Trauerfeier für den früheren Oberbürgermeister von Ost-Berlin und ehemaligen Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses, Tino-Antoni Schwierzina, in der St.-Josef-Kirche in Weißensee sagte der Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper:

Das Abgeordnetenhaus von Berlin nimmt Abschied von seinem ehemaligen Vizepräsidenten. Berliner trauert um einen Mann, dessen Name mit der Wiedervereinigung unserer Stadt für immer verbunden bleiben wird.

Ich selbst - und viele hier unter uns - nehmen Abschied von einem Mitstreiter und politischen Weggefährten, dem wir immer verbunden bleiben werden. Wir alle nehmen Abschied von einem großartigen und liebenswerten Menschen.

Dies ist eine Stunde der Trauer, aber auch der Ermutigung. Denn Tino Schwierzina hat ein Beispiel dafür gegeben, dass man sich Herausforderungen auch unvorbereitet stellen und - vor allem - dass man sie auch unvorbereitet bewältigen kann.

Tino Schwierzina hat sich nach der Aufgabe, die er dann so souverän erfüllt hat, nicht gedrängt.

Er hat den Zeitpunkt seines politischen Engagements selbst gewählt: Noch vor Öffnung der Mauer - in jenen Monaten, als in der DDR die Bürgerbewegung Konturen gewann - gehörte er zu den Mitbegründern der SPD, die anfangs noch SDP hieß. Er wurde dann im März 1990 Spitzenkandidat für die Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 und schließlich am 30. Mai - seinem63. Geburtstag - zum Oberbürgermeister des damaligen Ost-Berlin gewählt.

Von diesem Tag an tat er, was der "Tagesspiegel" jetzt als Überschrift eines Gedenkartikels für Tino Schwierzina schrieb: "Er machte Geschichte in 32 Wochen".

Mai 1990 bis Januar 1991, - was war das für eine Zeit! Berlin war - bis zum3. Oktober 1990 - staatsrechtlich noch geteilt. Aber die Grenze war offen: Ost- und West-Berlin zogen einander mit Magnete an.

Was sich dieser Magnetkraft, diesem Sog der Einheit, entgegen stellte, konnte nicht Bestand haben. Der "Wind of Change", der im November 1989 weltweit besungen worden war, wehte auch in den Monaten danach. Die Stadt war voller Chancen und Möglichkeiten. Wer damals in Berlin politische Verantwortung trug, konnte dies nutzen. Mit etwas Mut und Courage brauchte man nur zuzupacken und konnte gestalten.

Tino erkannte das, und wir waren uns schnell einig. Durch Gemeinsamkeit war es uns in dieser Ausnahmesituation möglich, innerhalb kürzester Frist für die Menschen in Ost und West mehr zu erreichen, als wir zu hoffen gewagt hatten.

Tino Schwierzinas ausgleichendes Wesen und seine menschliche Ausstrahlungskraft trugen wesentlich dazu bei, dass die Zusammenarbeit zwischen Senat und Magistrat so unkompliziert, angenehm und erfolgreich war.

Er war stets offen für jede denkbare politische Lösung. Er war dagegen, die Dinge zu problematisieren: Er war ganz einfach pragmatisch, und er war ein pragmatischer Optimist, - vielleicht auch deshalb, weil er nicht über politische Erfahrung verfügte. Tino Schwierzina fand manche einfache Lösung, die andere mit politischer Routine gar nicht gesehen hätten.

Tino Schwierzina war - wie viele, deren politisches Engagement in der Zeit der Runden Tische begonnen hatte - kein Mann des harten Konflikts, aber das war damals auch nicht angesagt.

Gerade die Gelassenheit und Besonnenheit, mit der er Politik machte und Entscheidungen traf, überzeugte die Menschen.

Tino Schwierzina war der glaubwürdige Repräsentant der Menschen im Ostteil Berlins. Er vertrat ihre Interessen, aber er war auch immer ohne Vorbehalte oder Prestigedenken bereit, für den Osten zu übernehmen, was sich im Westen bewährt hatte. Entscheidend war, dass es den Menschen diente.

Über die Dauer seiner Amtszeit hat sich Tino Schwierzina nie Illusionen gemacht. Als seinen Auftrag sah er es an, die jahrzehntelang getrennten Teile Berlins wieder zusammenzufügen und die Menschen in der Stadt zusammenzuführen und sein Amt als Oberbürgermeister der Teilstadt überflüssig zu machen.

Seine Amtszeit als Oberbürgermeister von Ost-Berlin endete nach der Wahl des Gesamtberliner Abgeordnetenhauses und mit der Neuwahl des neuen Senats. Es entsprach der historischen Kontinuität, dass dieser hochangesehene Mann des Ausgleichs, einer der Repräsentanten der Einheit, dann Vizepräsident dieses ersten Gesamtberliner Parlaments nach der Wiedervereinigung wurde.

Der Kontinuität im politischen Engagement Tino Schwierzinas entsprach es auch, dass er im Abgeordnetenhaus von Berlin den Vorsitz des Petitionsausschusses übernahm: So hatte er weiterhin persönlichen Kontakt mit vielen Menschen und konnte sich um ihre Sorgen und Probleme kümmern.

In dieser Stunde der Trauer und des Abschieds verneigen wir uns vor Tino-Antoni Schwierzina. Das Abgeordnetenhaus von Berlin dankt ihm für alles, was er für unsere Stadt getan hat. Wir werden ihn sehr vermissen. Tino Schwierzina wird in Berlin nicht vergessen werden.

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