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Erinnerung an Leiden der Sinti und Roma wach halten (02.06.2002)

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In der Gedenkveranstaltung des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V. am Sonntag( 2.6.) auf dem Parkfriedhof Marzahn sagte die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Martina Michels, in ihrer Ansprache u.a. :

"Wir haben uns hier auf dem Parkfriedhof Marzahn versammelt, um der von den Nazis ermordeten Berliner Sinti und Roma zu gedenken. Diese Veranstaltung findet in einer Zeit statt, in der wir nicht sorgenfrei auf jüngste Entwicklungen in unserem Lande in Bezug auf aufkeimende neonazistische Aktivitäten blicken, in der Fremdenhass und Auslä nderfeindlichkeit auf der Tagesordnung stehen und wir uns mit Formen des Antisemitismus aktuell auseinandersetzen müssen.

Es ist mir ein Bedürfnis, hier an dieser Stelle im Namen des Berliner Abgeordnetenhauses zum Ausdruck zu bringen, dass wir uns als Berliner ParlamentarierInnen gerade jetzt in einer besonderen politischen Verantwortung sehen und uns dieser auch bewusst und eindeutig stellen. Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte gewinnt von daher eine zunehmende Bedeutung. Ein Verdrängen der Vergangenheit darf es nicht geben. Es gilt sie wach zu halten - im Gedenken an die vielen Opfer und zugleich mahnend. Schon kurz nach Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nahm die systematische Diskriminierung und Ausgrenzung der Sinti und Roma ihren Anfang, an deren Ende die Ermordung in den Vernichtungslagern im Osten stand.

Meine Vorrednerinnen haben die Geschichte des Leidens vieler Sinti und Roma an diesem Ort bereits geschildert. Das Ziel dieser unmenschlichen Maßnahmen war die Trennung und Ausgrenzung der Sinti und Roma von der übrigen Bevölkerung. Dabei machten sich die Nazis die vorherrschenden Vorurteile gegen die sog. "Zigeuner" zunutze. Viele, die damals aus ihrer Abneigung gegen ihre Mitbürger keinen Hehl machten, verdrängten, dass auch die Sinti und Roma ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland geleistet haben. ( Die vor einigen Minuten dargebotene Musik, zeigte uns einen sehr anschaulichen Ausschnitt von der wunderbaren Kultur der Sinti und Roma - wobei es aber nicht nur um Kultur geht....)

Diese Tatsachen wurden bewusst geleugnet oder verdrängt. Und als die Bedrängten die Hilfe ihrer Nachbarn benötigten, schauten die meisten weg. Wir alle wissen, wohin dies führte. 1943 wurden aufgrund des "Auschwitz-Erlasses" Heinrich Himmlers vom Dezember 1942 die Insassen des Lagers Marzahn und die noch im Stadtgebiet lebenden Sinti und Roma - Frauen, Männer, Kinder und Greise - fast ausnahmslos nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur wenige überlebten die Todeslager oder wurden im April 1945 von der Roten Armee befreit. Auch nach 1945 mussten die Überlebenden in beiden deutschen Staaten um ihre gesellschaftliche Anerkennung kämpfen.

Viel zu lange waren unsere Mitbürger der Sinti und Roma weiterer Diskriminierung ausgesetzt und wurden mit ihren Sorgen und Nöten alleingelassen. Deshalb möchte ich Ihnen an diesem Ort des Gedenkens versichern, dass wir Sie bei Ihren Bemühungen um eine rasche Entschädigungsregelung für erlittene Zwangsarbeit unterstützen, und ich hoffe, dass das geplante Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma schon bald im Zentrum der Stadt entstehen wird.

Viel zu lange schon haben die Opfer warten müssen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Begegnung im Berliner Abgeordnetenhaus mit den Landesverbänden der Sinti und Roma, die aus allen Teilen der Bundesrepublik angereist waren, um dem Bundesfinanzminister Tausende Unterschriften mit der Forderung nach schnellstmöglicher Regelung der längst fälligen Zwangsarbeiterentschädigungen zu übergeben. Damals war es nicht möglich, die Gäste im Bundesministerium gebührend zu empfangen. So haben wir nicht gezögert, und rasch und unbürokratisch unsere Parlamentsräume für eine kleine Geste des Anstandes und der Wärme zur Verfügung zu stellen.

Dieses spontane Treffen damals und die Gespräche, die wir gemeinsam führen konnten, haben mich persönlich sehr berührt und betroffen gemacht. Sie haben ein Nachdenken hinterlassen, in deren Ergebnis sich der heutige Tag nahtlos anschließt. Seien Sie versichert, dass das Berliner Abgeordnetenhaus alles tun wird, was Sie in der Erfüllung Ihrer berechtigten Forderungen unterstützen kann.
Erst vor zwei Tagen haben die ParlamentarierInnen fast aller Fraktionen des Abgeordnetenhauses eine Entschließung verabschiedet, die sich in ihrem Kern gegen jegliche Form von Rassismus und Antisemitismus sowie dessen Instrumentalisierung zu Wahlkampfzwecken, richtet.

Das ist die politische Verantwortung, die wir gegenwärtig und in Zukunft wahrnehmen: Angesichts aktueller Übergriffe mit rassistischem, fremdenfeindlichem und antisemitischem Hintergrund müssen alle verantwortlichen gesellschaftlichen Kräfte die Erinnerung an Verfolgung und Unrecht in der NS-Zeit wach halten. Sie ist bleibende Verpflichtung unseres Landes, in dem Sinti und Roma so sehr leiden mussten."

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