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60. Jahrestages der Pogromnacht am 9. November 1998

09.11.1998, Alte Synagoge in der Fasanenstrasse

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Prof. Dr. Herwig Haase
09.11.1998, Alte Synagoge in der Fasanenstrasse
Pogromnacht, 9. November 1938

Berlinerinnen und Berliner,
heute, genau vor 60 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, standen überall in Deutschland Synagogen, Gemeindehäuser, Wohnungen und Geschäfte von Bürgern jü dischen Glaubens in Flammen. Das war staatlich sanktionierte Brandstiftung, und die Bürgerschaft Berlins nahm es hin.

In dieser einzigen Nacht wurden 91 Menschen erschlagen, 26.000 Menschen zwischen 16 und 60 Jahren in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. In dieser einzigen Nacht wurden 267 Tempel und an die tausend Betstuben zerstört, mehr als 7.500 Geschäfte verwüstet. Die Zahl der Schwerverletzten, die nachträglich an den erlittenen Mißhandlungen starben, und die Zahl der Selbstmorde blieb unbekannt.

Mitten im Frieden, inmitten ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger,
wurden Menschen systematisch ausgegrenzt und kalt vernichtet, denen ihr Glauben zum Verhängnis wurde: Sie waren jüdischen Glaubens. Nachbarn und Freunde, Bekannte und Kollegen, Mitarbeiter und Vorgesetzte, Männer und Frauen aus allen Schichten und Bevölkerungskreisen wurden hemmungsloser Willkür preisgegeben. Auch in dieser Straße, in der wir heute, 60 Jahre später, stehen, auch hier wohnten im Haus Fasanenstraße Nr. 20 wie in vielen anderen Häusern der Stadt Juden. Bis zur Nacht des 9. November waren sie geachtet, geschätzt. In jener Nacht entschied sich ihr Schicksal.

Stellvertretend für die unzähligen Opfer rufe ich uns ihre Namen ins Gedächtnis:
- Max Levy, 53 Jahre alt. Umgebracht - er wurde mit dem
20. Transport vom 03.10.1942 nach Reval deportiert.
- Ursula Levy , 15 Jahre alt. Umgebracht - sie wurde mit dem
37. Transport vom 19.4.1943 nach Auschwitz deportiert.
- Margarethe Schubert , 44 Jahre alt. Sie entzog sich
der bevorstehenden Deportation durch Freitod.
- Siegfried Albert Max Abel , 41 Jahre alt. Gerettet - er
konnte 1938 in die USA emigrieren.
- Martha Moses geb. Bernhardt , 67 Jahre alt. Umgebracht -
sie wurde mit dem 10. Transport vom 25.01.1942 nach Riga
deportiert.
- Eva Meyersohn , 17 Jahre alt. Umgebracht - sie wurde
mit dem 25. Transport vom 14.12.1942 nach Riga deportiert
- Regina Donig geb. Kopinski, 52 Jahre alt. Gerettet - sie
konnte 1939 nach Argentinien emigrieren.
- Joseph Bergmann , 48 Jahre alt. Umgebracht - er wurde mit
dem 6. Transport vom 17.11.1941 nach Kowno deportiert.
Sie alle haben unter uns gelebt. Sie alle waren Menschen wie wir.

Sie sollen, sie müssen in unseren Gedanken lebendig bleiben. Denn wir dürfen nie vergessen, was Menschen anderen Menschen antun können, was Menschen erleiden mußten, wozu der von Gott entfernte Mensch fähig ist. Sie alle erinnern uns aber an unsere Schuld, denn nur zu viele wollten damals nicht sehen. Sie schauten lieber weg. Oder sie hatten keinen Mut zum Widerspruch, keine Kraft zum Helfen. Das ist zwar verständlich, aber es ist nichts gefährlicher als Gleichgültigkeit.

Und so denken wir heute mit umso größerer Achtung und Bewunderung an jene wenigen, die damals den Mut fanden, den Verfolgten und Verfemten zu helfen. Ich erinnere hier, am Ort der alten Synagoge, an den Polizisten Wilhelm Krützfeld, der die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße vor dem Schlimmsten bewahren konnte.

Heute abend sind wir eine große Gemeinschaft. Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, die mit der Teilnahme ein klares Bekenntnis wider das Vergessen und Verdrängen ablegen. Aus allen Teilen und Himmelsrichtungen unserer Stadt. Das war vor 10 Jahren hier im geteilten Berlin noch nicht möglich. Daß der 9. November ein Jahr später das Tor zur Einheit aufgestoßen hat, daß wir heute gemeinsam gedenken können - das war damals ein Wunsch, der durch den Mut und die Zivilcourage der Bürger im Osten Deutschlands durch die friedliche Revolution 1989 in Erfüllung ging.

Das war mutiger Einsatz und nicht Gleichgültigkeit, von der Elie Wiesel sagt:
"Der Gegensatz von Liebe ist nicht Haß, der Gegensatz von Hoffnung nicht Verzweiflung, der Gegensatz von Erinnern nicht Vergessen, sondern der Gegensatz ist jedesmal die Gleichgültigkeit."

Hier, an diesem Ort, an dem einst die größte jüdische Synagoge Berlins stand, hier in Berlin, in der einst die größte jüdische Gemeinde mit 172.000 Mitgliedern zuhause war, versprechen wir heute, am 9. November 1998: Unsere gemeinsame Vergangenheit wird nicht vergessen, unsere gemeinsame Vergangenheit wird lebendig bleiben, wird als Lehre für die Zukunft in unseren Herzen und Köpfen sein.
Und wir, die ältere Generation, wissen um unsere verantwortungsvolle Aufgabe, den jungen Menschen diese dunkle Vergangenheit nahezubringen und zu erklären.

Und deshalb ist es wichtig, daß hier in Berlin die Leidensgeschichten der wenigen Überlebenden dokumentiert werden. Daß wir die heutigen Medien zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust nutzen. Haß und Gewalt, Diffamierung und Diskriminierung zerstören, bringen Verderben.

Mit unserem gemeinsamen Weg des Schweigens haben wir heute ein hoffnungsvolles Zeichen für unsere gemeinsame Zukunft, für Aussöhnung und Toleranz gesetzt.

Wir stellen uns gegen die, die jüdische Bürger und Gräber auch in diesen Tagen beleidigt und geschändet haben.
Lassen wir niemals wieder zu, daß unserem Nächsten, unseren Mitbürgern, die Würde und die Menschenrechte genommen werden.
Bleiben wir uns stets bewußt: Der Weg in die Zukunft wird immer auch ein Weg des Erinnerns sein.

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