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Ansprache des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der Verleihung der Obermayer German Jewish History Awards

25.01.2016 18:00, Plenarsaal

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Heute Abend verleiht die Obermayer Foundation zum sechszehnten Mal ihre hohen Auszeichnungen in Berlin. Und dennoch ist diese Veranstaltung anders als all die anderen. Einer fehlt, nun für immer: Der Gründer der Stiftung und Initiator dieses außergewöhnlichen Preises: unser hochverehrter Dr. Arthur Obermayer.

Dr. Obermayer starb vor wenigen Tagen, am 10. Januar 2016 in Dedham, 84-jährig in seiner us-amerikanischen Heimat. Wir trauern um einen hervorragenden Menschen, langjährigen Weggefährten und guten Freund, der sich große Verdienste um unsere Aussöhnung erworben hat. Wir werden ihn vermissen.

Das Leben von Arthur Obermayer kann ich heute nicht hinreichend würdigen. Ich bitte um Nachsicht. Dieses Leben ist zu facettenreich und auch zu erfolgreich, um es heute Abend in Gänze darzustellen.

Aus einer anderen, sehr fernen Zeit stammte sein Interesse für Geschichte. Es machte sich zunächst fest an der eigenen Familiengeschichte.

Von der Geschichte als rückwirkend lebensbestimmender Kraft ging für Arthur Obermayer eine Faszination aus. Das, was einst war und bis heute geworden ist, das interessierte ihn leidenschaftlich. Er bündelte dieses Interesse auf die Geschichte des Judentums in Europa, im besonderen auf die Geschichte des Judentums in Deutschland. Hier war die Heimat seiner Großeltern.

Was ihn besonders beeindruckte auf seinen Reisen nach Deutschland, die anfangs auf die Spurensuche nach den verstorbenen Verwandten konzentriert war: Er traf hier auf Menschen, die nicht-jüdischer Herkunft waren und sich dennoch ganz intensiv in einem lokalen Rahmen mit der Geschichte jüdischer Menschen und ihren Insitutionen beschäftigten. Sie taten dies in ihrer Freizeit, nicht aus beruflichen Gründen. Es waren keine professionellen Geschichtsforscher – und dennoch waren es Geschichtsforscher, die eine tiefe Zuneigung zu ihrer vergangenen regionalen Wirklichkeit entwickelten.

Damit war eine Idee geboren, die Arthur Obermayer nicht mehr los ließ. Er wollte die Arbeit dieser deutschen Geschichtsforscher würdigen. Er lobte die German Jewish History Awards in Deutschland aus und fand dafür im Jahr 2000 im damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Reinhard Führer, einen Partner, um diese Preisverleihung in Deutschland zu etablieren.

Seither ist die Verleihung der German Jewish History Awards ein fester Jahrestermin bei uns im Abgeordnetenhaus – zeitlich immer nahe am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Ja, es liegen sehr dunkle Schatten auf unserer Geschichte. Die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 und die Shoa sind durch nichts zu rechtfertigen. Der Völkermord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden ist singulär und war eine abgrundtiefe Barbarei der Deutschen. Das hat auch Arthur Obermayer gesehen. Er wusste aber auch, dass sich die jüdische Geschichte in Deutschland nicht allein auf diese zwölf Jahre reduzieren ließ. Es gab ebenso in den Zeiten davor ein vielfältiges kulturelles und soziales Zusammenleben, das friedlich verlief. Sicher: der Antisemitismus war immer da, aber nie so ungezähmt wie im Dritten Reich.

Arthur Obermayer reichte uns Deutschen die Hand. Die Verleihung der German Jewish History Awards diente als ein Zeichen, ein weiteres war die Unterstützung des Jüdischen Museums in Creglingen, ein kleiner Ort im fränkischen Norden Baden-Württembergs. Das stieß in den USA nicht nur auf Gegenliebe. Aber Arthur Obermayer blieb standhaft.

Er war überzeugt, dass all die erforschten Geschichten zum gegenseitigen Verständnis beitragen würden.

Ich weiß: es ist Arthur Obermayer gelungen. Und dafür werden wir ihm immer dankbar bleiben.

Wir werden sein Andenken in guter Erinnerung behalten. Berlin hat einen wahren Freund verloren.

Ich möchte Sie nun bitten, sich zu einer Schweigeminute zu Ehren des Verstorbenen zu erheben.

Vielen Dank.


Meine Damen und Herren,
auch wenn es mir jetzt ein wenig schwer fällt, in die vorgesehene Routine unserer Veranstaltung zurückzukehren – so möchte ich den anwesenden Preisträgerinnen und Preisträgern ganz herzlich zu ihrer heutigen Auszeichnung gratulieren. Es sind in diesem Jahr wieder beeindruckende Arbeiten eingereicht worden. Nicht alle können honoriert werden. Und dennoch möchte ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ganz herzlich für ihre historiographische Arbeit danken.

Im Vergleich zu anderen Geistes- und Sozialwissenschaften ist die Geschichtswissenschaft in Deutschland recht jung. Erst im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden an deutschen Universitäten historische Seminare. Die jeweiligen Landesherrscher schufen sich so an ihren Universitäten historische Einrichtungen, um letztlich ihre Herrschaft auch geschichtlich zu legitimieren.

Parallel dazu gab es jedoch eine – vom meist aufgeklärten Bürgertum getragene – Geschichtsforschung, die es sich zur Aufgabe machte, die jeweiligen Lebensverhältnisse der angestammten Bevölkerung geschichtlich zu erforschen.

Dieses Bürgertum gründete Geschichtsvereine, um dieser Forschungsarbeit einen institutionellen Rahmen zu geben. Daraus entstand eine regelrechte Geschichtsbewegung: Hunderte von Geschichtsvereinen wurden in Deutschland in der Zeit des Vormärz‘ gegründet. Und wenn wir für diese Epoche am Beginn des 19. Jahrhunderts von einem Zeitalter des Historismus sprechen, dann ist die grundsätzliche Aussage: In dieser Zeit entstand ein Interesse an der Geschichte, dass für damalige Verhältnisse schon die Form einer sozialen Bewegung annahm. Hauptgegenstand dieser Geschichtsbewegung war die historische Erforschung der lokalen und regionalen Lebensverhältnisse. Geschichtsvereine haben sich bis heute erhalten. Und mit ihnen das Interesse an lokal- und landesgeschichtlicher Forschungsarbeit. Ich bin mir sicher, dass viele Forscherinnen und Forscher, die Preisträger der German Jewish History Awards wurden, selber Mitglieder in Geschichtsvereinen sind oder einen engen Kontakt zu ihnen pflegen.

Ohne Frage: die German Jewish History Awards zollen der modernen lokalen Geschichtsforschung Anerkennung, sofern sie einen Bezug zur jüdischen Geschichte und Kultur aufweist. Diese Auszeichnung fördert damit eine lange Tradition deutscher Geschichtsschreibung und Geschichtsforschung, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat.

Insofern hat Arthur Obermayer mit seinem Preis auch daran mitgewirkt, dass unsere historischen Identitäten nicht verwischen. Und dafür sind wir ihm dankbar.

Vielen Dank.

Wir sehen jetzt die letzte Videobotschaft unseres Preisstifters und Freundes Dr. Arthur Obermayer, die er für diese Preisverleihung aufnahm. Danach spricht sein Sohn Hank Obermayer zu uns.
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