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Ansprache des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland bei der Trauerfeier für den verstorbenen ehemaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses und langjährigen Landesbezirksvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes Berlin-Brandenburg Walter Sickert

11.03.2013 11:00, Wilhelm-Leuschner-Saal des DGB-Hauses

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- Es gilt das gesprochene Wort -

Wir trauern um Herrn Walter Sickert, der am 21. Februar 2013 im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Mein tiefes Mitgefühl gilt allen, die ihm nahe waren, Ihnen sehr geehrte Frau Sickert und Ihrer Familie. Berlin trauert um den Gewerkschafter und Politiker, der eine prägende Persönlichkeit im Berlin der Nachkriegszeit bis hinein in die 80er Jahre war. Sein Leben umspannte eine geschichtsträchtige Zeit von der Gründung der Weimarer Republik über die nationalsozialistische Diktatur und die deutsche Teilung bis hin zur Wiedervereinigung im Jahre 1990.

Dem Abgeordnetenhaus von Berlin gehörte Walter Sickert 22 Jahre lang an, von 1963 bis 1985. Am 6. April 1967 wurde er zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin gewählt und erst 1975, als seine Partei nicht mehr die stärkste Fraktion im Abgeordnetenhaus stellte, wechselte er für weitere sechs Jahre in das Amt des Vizepräsidenten.

Über viele Jahre hinweg hat er mit großem Mut, Entschlossenheit, Klugheit und Kompetenz maßgeblich das politische Leben in Berlin als Politiker und als Gewerkschaftsvorsitzender mitbestimmt. Mit ihm hat Berlin eine markante Persönlichkeit verloren.

Walter Sickert war ein ungewöhnlicher Mann mit einem ungewöhnlichen Leben. Am 2. Februar 1919 wurde er als sechstes Kind eines Werkmeisters und Schlossers in Hamburg geboren. Er wuchs in einer alten sozial-
demokratischen Familie auf. Dennoch trat er bereits mit 9 Jahren der kommunistischen Jugendorganisation „Jung-Spartakusbund“ und dem kommunistischen Jugendverband „KJVD“ bei. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde er in die Illegalität gedrängt. 1934 und 35 war er deshalb für mehrere Monate im Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel inhaftiert. Die Anschuldigung lautete: Vorbereitung illegaler kommunistischer Schriften und Vorbereitung zum Hochverrat. Doch dank seines jugendlichen Alters wurde er aus dem großen Prozess, der einer ganzen Gruppe gemacht wurde, herausgenommen und unter Polizeiaufsicht gestellt.

Walter Sickert wurde – wie sein Vater – Schlosser. Von 1937 an fuhr er als Maschinenaspirant zur See, bis er 1938 zum Reichsarbeitsdienst und schließlich zum Wehrdienst bei der Kriegsmarine eingezogen wurde.

Nachdem er aus der englischen Kriegsgefangenschaft Ende 1945 entlassen worden war, war er erst einmal für zwei Jahre Streifenpolizist in Berlin-Buckow. 1948 kehrte er in seinen eigentlichen Beruf als Schlosser und Rohrleger zurück und begann bei der Gemeinnützigen Heimstätten AG. Kurze Zeit später wurde er dort bereits zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt und schloss sich schließlich 1948 – insbesondere unter dem Eindruck der SED-Aktivitäten – der sozialdemokratischen Partei an. 1960 wurde Walter Sickert in den Landesvorstand der Berliner SPD gewählt, dem er 22 Jahre lang angehörte. 1963 schickten die Berliner Sozialdemokraten Walter Sickert als Abgeordneten ins Landesparlament und bereits nach einem Jahr wurde er zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt. Vier Jahre später – am 6. April 1967 – folgte Walter Sickert im Amt des Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses Otto Bach.

Den Berlinerinnen und Berlinern und auch den Menschen weit über Berlin hinaus wurde Walter Sickert allerdings richtig bekannt als Landesvorsitzender des DGB-Bezirks Berlin. Als erster Gewerkschafter Westberlins kämpfte er an dieser Stelle über zwei Jahrzehnte für die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

DGB-Chef und Parlamentspräsident: Zwei erstaunliche Karrieren, die er parallel mit großem Enthusiasmus ausfüllte. Wenn auch nicht immer unumstritten. Die Nachkriegszeit und die immer wieder bedrohte Insellage Westberlins, diese wechselvolle Geschichte, spiegelt sich auch in seinem Leben wieder. Seit der Urabstimmung der Berliner SPD im März 1946 bis zum Fall der Mauer vor rund 24 Jahren bestimmte der Freiheitskampf der West-Berliner, das Bekenntnis zur Zugehörigkeit zur Bundesrepublik Deutschland, das politische Geschehen. Die Zugehörigkeit zur Bundesrepublik, der Vier-Mächte-Status und die Anwesenheit alliierter Truppen in Westberlin garantierten der Stadt ihre Freiheit. Aus dieser schwierigen Situation heraus sind die legendären Reden Walter Sickerts auf den Freiheitskundgebungen am 1. Mai zu erklären. Energisch und selbst-
bewusst und mit einer großen Redebegabung ausgestattet, kämpfte er für die Freiheit West-Berlins.

Seine eigene bittere Erfahrung unter dem nationalsozialistischen Terror-
regime und die neue Erfahrung nach 1945 hatten ihn radikal umdenken lassen. In einem Interview sagte er später selbst: „Wir haben damals die Diktatur des Proletariats gefordert (gemeint sind die Jahre seiner Arbeit im Spartakusbund). Hätten wir auch nur den geringsten Schimmer davon gehabt, was eine Diktatur eigentlich ist, hätten wir das schön bleiben lassen.“ Die harten politischen Auseinandersetzungen nach dem Krieg, die Zwangs-
vereinigung von KPD und SPD, die Blockade Berlins – all das formte auch das politische Bewusstsein von Walter Sickert. Diese prägende Epoche der Berliner Nachkriegsgeschichte, das bedrohliche Gefühl einer Eskalation der Ost-West-Konfrontation, dieses Gefühl können wir Jüngeren heute kaum noch nachempfinden. Das Ringen um Freiheit und Menschenrechte und der unbedingte Wille, die Chancen einer sich neu entwickelnden Demokratie zu nutzen, das bestimmte das Leben und Handeln. Walter Sickert erlebte die Bedrohungen hautnah. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Blockade und die Luftbrücke, an den 17. Juni 1953, aber auch an die stalinistischen Verfolgungen durch die sowjetische Besatzungsmacht.

Walter Sickert blieb sein Leben lang seinen politischen Auffassungen treu. Beharrlich und auch ausgestattet mit der Fähigkeit zur Härte im politischen Geschäft hat er in seiner Partei und in der Gewerkschaft Konflikte aus-
gefochten. Der Gewerkschaftsvorsitz brachte ihm enormen Einfluss in der SPD. Walter Sickert wurde für sein Jahrzehnte langes gesellschaftliches Engagement 1979 mit dem großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband geehrt und 1982 erhielt er die Ernst-Reuter-Plakette. 1986 wurde ihm die Würde eines Stadtältesten von Berlin zuteil.

Das Abgeordnetenhaus von Berlin ehrte seinen ehemaligen Parlaments-
präsidenten Walter Sickert im Jahre 2007 mit einer Bronzebüste von
Hella De Santarossa. Diese Berliner Künstlerin von internationalem Rang mit Wahlheimat Berlin schuf eine Büste, die außergewöhnlich ist, wie das Leben von Walter Sickert es war. Die Skulptur hat ihren Ehrenplatz in der Galerie der Büsten der ehemaligen Präsidenten unseres Parlaments und hat zusammen mit den Büsten von Otto Bach und Otto Suhr, von Willi Brandt und Hanna Renate Laurien ihren würdigen Platz gefunden.

Sehr geehrte Trauergemeinde,
nach seinem Ausscheiden aus der Politik ist Walter Sickert oft geehrt worden. Heute würdigen wir noch einmal seine Lebensleistung als Gewerkschafter und Politiker, aber auch sein jahrzehntelanges Engagement als Richter beim Bundearbeitsgericht und in vielen einflussreichen und wichtigen Ehrenämtern. Mit Fug und Recht kann man sagen: Er war ein politisches Schwergewicht mit Ecken und Kanten und er hat sich ein Leben lang für soziale Gerechtigkeit, für Demokratie und Freiheit eingesetzt hat. Eine Zeitung titelte in diesen Tagen: „Er wählte soziale Gerechtigkeit als sein Lebensziel“.

Seine glühende Gegnerschaft zum Kommunismus und zur SED übertrug er nach der Wende auf die PDS und verließ enttäuscht und empört seine Partei, als die 2001 eine Koalition mit der PDS einging. Zu verwoben war er mit den Erfahrungen, die ihn geprägt hatten. Aber im Herzen blieb er Sozialdemokrat. Im letzten Jahr revidierte er diese Überlegungen und kehrte in die Geborgen-
heit seiner politischen Heimat zurück.

Verehrte Trauergäste,
wir trauern heute um einen überzeugten Demokraten und leidenschaftlichen Parlamentarier und Gewerkschafter. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

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