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Ansprache des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, anlässlich der Verleihung der Obermayer German Jewish History Awards

27.01.2009 18:00, Abgeordnetenhaus von Berlin, Plenarsaal

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Walter Momper
27.01.2009, Abgeordnetenhaus von Berlin, Plenarsaal

Ansprache des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, anlässlich der Verleihung der Obermayer German Jewish History Awards am 27. Januar 2009 um 18.00 Uhr im Plenarsaal
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- Es gilt das gesprochene Wort -

Im Namen des Abgeordnetenhauses von Berlin begrüße ich Sie alle zur diesjährigen Verleihung der German Jewish History Awards durch die Obermayer Foundation. Zum neunten Mal vergibt die Stiftung und vergeben Sie, sehr verehrter Herr Obermayer, diese einzigartige Auszeichnung. Ich danke Ihnen, dass Sie auch in diesem Jahr wieder das Abgeordnetenhaus als Ort dieser Preisverleihung gewählt haben.

Die Preisträger, die für ihre herausragenden Arbeiten im Bereich der Dokumentation jüdischer Geschichte und jüdischer Kultur in Deutschland Ihre Auszeichnung erhalten werden, sind aus ganz Deutschland hier hergekommen, und ich begrüße Sie alle ebenfalls herzlich im Abgeordnetenhaus.

Heute, am 27. Januar 2009, ist es 64 Jahre her, dass das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde.

Primo Levi, einer der wenigen Überlebenden des Holocaust beschreibt diese Befreiung in seinem Buch "Die Atempause" so: "Die erste russische Patrouille tauchte gegen Mittag des 27. Januar 1945 in Sichtweite des Lagers auf. - Es waren vier junge Soldaten zu Pferde; Vorsichtig ritten sie mit erhobenen Maschinenpistolen die Straße entlang, die das Lager begrenzte. Als sie den Stacheldraht erreicht hatten, hielten sie an um sich umzusehen, wechselten scheu ein paar Worte und blickten wieder, von einer seltsamen Befangenheit gebannt, auf die durcheinanderliegenden Leichen, die zerstörten Baracken und auf uns wenige Lebende. Wir lagen in einer Welt der Toten, um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation verschwunden."

Primo Levi hat die furchtbaren Bilder seiner Erinnerung auf Papier gebannt, um den Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte für künftige Generationen zu dokumentieren.

Am Morgen des 27. Januar 1945 wurden im Konzentrationslager Auschwitz noch etwa 7.000 Häftlinge gezählt. Über eine Million Menschen kamen dort ums Leben. Insgesamt sind sechs Millionen europäischer Juden vom Naziregime ermordet worden. Auschwitz ist der deutsche Name einer kleinen polnischen Stadt in der Nähe von Krakau. Der Name Auschwitz ist zum Symbol eines Völkermordes geworden, der niemals vergessen werden darf.

Es liegt in unserer Verantwortung, die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte so zu führen, dass sich in der jungen Generation ein Geschichtsbewusstsein entwickeln kann. Es ist an uns, angemessene Formen des Gedenkens und Erinnerns zu finden, die sich nicht in leeren Ritualen erschöpfen. Der wiederkehrende Gedenktag ist dann sinnvoll, wenn wir ihn nutzen, um inne zu halten, um das, was wir über die Shoa wissen, als Lehre aus der Geschichte in unseren Alltag mit einzubeziehen. Im Bewusstsein der Deutschen hat der Holocaust als das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte einen festen Platz. Unzählige Fernsehsendungen, Filme, Web-Sites und Museen informieren umfassend und für jeden zugänglich.

Heute am Holocaust-Gedenktag erinnern wir uns an jene, die den Hass der Nationalsozialisten mit dem Leben bezahlt haben, wir erinnern an alle Opfer des Holocaust. Jeder Einzelne von ihnen hatte Pläne und Hoffnungen für die Zukunft. Jeder Einzelne von ihnen hatte eine Familie und Freunde. Am heutigen Gedenktag erinnern wir uns der Millionen Opfer des Naziregimes, zu denen neben der jüdischen Bevölkerung auch zahllose Angehörige anderer Minderheiten und politisch Verfolgte gehörten. Wir erinnern uns an die grauenvolle Akte von Diskriminierung, Raub, Misshandlung und Mord. Die Nationalsozialisten sprachen all diesen Menschen das Recht auf Leben ab. Wir gedenken heute des ungeheuerlichen und beispiellosen Genozids an sechs Millionen europäischer Juden.

Mit Blick auf unsere heutige demokratische Gesellschaft stellen einige die Frage: Macht der Holocaust-Gedenktag Sinn? Ich sage: Ja, ein solcher Gedenktag macht Sinn. Lehrerinnen und Lehrer nutzen den Tag und leisten sehr gute Arbeit, indem sie mit Schülerinnen und Schülern historische Prozesse diskutieren und unseren heutigen Alltag bewerten: Wenn Behinderte bedroht werden und Obdachlose verhöhnt, oder wenn Ausländer beschimpft werden - immer ist Engagement und Zivilcourage des Einzelnen gefragt. Oft ist es der Zusammenprall verschiedenartiger Kulturen, der Feindseligkeiten hervorbringt und sogar gewalttätige Auseinandersetzungen.

Der alltägliche Rassismus - das sind auch herabwürdigende Witze, Verspottung oder Ausgrenzung. Der Holocaust-Gedenktag ist wichtig, auch, um Denkanstöße zur aktuellen Diskriminierung wegen Herkunft oder Rasse, Sprache oder Religion zu geben. Rechtsradikale Gewalt erlebt man in unserer Gesellschaft ganz hautnah. Es vergeht kein Tag, an dem nicht in einer Zeitung von einem Übergriff mit rechtsextremistischem Hintergrund zu lesen ist.

Salomon Korn hat im letzten Jahr auf einer Diskussionsveranstaltung gesagt, " das in Deutschland zwar der Verstand die Zeit des Nationalsozialismus durchdringe, sich aber das Gefühl dagegen wehre, mit einer negativen Identität leben zu müssen". Ich sehe das nicht so pessimistisch. Gerade die junge Generation in Deutschland setzt sich ganz intensiv mit aktuellen Themen wie Rechtsextremismus, Antisemitismus und Gewalt in unserer Gesellschaft auseinander. Diesen jungen Menschen muss Geschichte nicht verordnet werden, für sie muss es kein staatlich angeordnetes Erinnern geben. Sie können - noch - mit Zeitzeugen sprechen und so einen ganz intensiven, auch emotionalen Zugang zu den Ereignissen von damals finden.

Man sieht, der Kampf für eine tolerante Gesellschaft geht weiter, auch in dieser Stadt. Wir alle können uns müssen uns engagieren. Jeden Tag!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Herrn Dr. Obermayer und den Mitgliedern seiner Stiftung herzlich danken, dass sie wieder nach Berlin gekommen sind. Ich beglückwünsche die Preisträger, die häufig jahrzehntelang an Ihren Beiträgen zur Geschichte der deutschen Juden gearbeitet haben. Mein Dank gilt auch der Jury, die im letzten Jahr aus den Vorschlägen die heutigen Preisträger ausgesucht haben und diese Veranstaltung durch ihr Engagement erst möglich gemacht hat.

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