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Ansprache des Präsidenten in der Gedenkstunde auf dem Friedhof der Märzgefallenen

18.03.1998, Friedhof der Märzgefallenen

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Prof. Dr. Herwig Haase
18.03.1998, Friedhof der Märzgefallenen
Gedenkstunde an den 18.März 1848

150 Jahre nach dem historischen 18. März 1848 erinnern wir heute gemeinsam an jene, die den Ruf nach Einheit und Freiheit mit ihrem Leben bezahlt haben.

Wir gedenken des Tages, an dem Berlin eines der Zentren der deutschen und europäischen Revolution war: Von Paris bis Budapest, von Berlin bis Wien war der revolutionäre Funke übergesprungen. Auch heute schaut Europa auf Berlin, auf die Entwicklung der inneren Einheit in unserer Bürgerschaft.

Damals, wurde - nicht nur in den Tagen des März - der Ruf nach Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, der Ruf nach einer Verfassung, nach einer Volksvertretung auch in Preußens Hauptstadt laut.

Die leidenschaftlichen Diskussionen um politische und soziale Reformen einten zum ersten Mal ganz unterschiedliche Schichten der Stadt. Insofern war dieses Ereignis nicht nur eine Bürgerbewegung, sondern ein Aufstand des ganzen Volkes.

Als es galt, diese Forderungen der Bevölkerung gegenüber dem König zu vertreten, war nur die Stadtverordnetenversammlung dazu bereit. Es waren Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung, die in das königliche Schloß aufbrachen, um dem Monarchen die Forderungen zu überbringen. Die Magistratsmitglieder schlossen sich erst später der Abordnung an.

Die Stadtverordnetenversammlung nahm so zum richtigen Zeitpunkt die richtige Position ein: Sie sprach im Namen von selbstbewußten Bürgern, im Namen von Menschen, die sich nicht länger bevormunden lassen wollten. Sie sprach für all diejenigen, die die Menschen- und Bürgerrechte, wie sie die Französische Revolution am 26. August 1789 verkündete hatte, auch in Preußen verwirklicht sehen wollten.

Meine Damen und Herren, für uns heute verbindet sich mit dem Jahrestag des 18. März 1848 die Frage, an welche Traditionen wir anknüpfen wollen. Wir wissen alle: Gerade der Gedenktag des 18. März 1848 zeigt beispielhaft auf, wie verschieden in Ansatz und Wertung histo-rische Ereignisse von unterschiedlichen Gesellschaften - im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und bis in die heutige Zeit - wahrgenommen werden.

In unserer Stadt hat die Erinnerung an die Märzgefallenen eine unterschiedliche, auch durch die Teilung geprägte Geschichte. Der Friedhof der Märzgefallenen, auf dem wir uns heute einge- funden haben, um gemeinsam der Opfer der Revolution von 1848 zu gedenken, ist der Ort, an dem sich die gegenläufigen Erinnerungstraditionen fast mit Händen greifen lassen.

Heute, 1998, Jahre nach dem glücklichen Fall der Mauer, ist es an der Zeit, diese nebeneinander existierenden Traditonslinien wieder zu einer einzigen, starken zu vereinen. Einer Tradition des Gedenkens an jene, die eben nicht nur in Berlin, in Preußen für Einheit und Freiheit kämpften und starben, sondern ebenso und gleichzeitig in ganz Europa für ihre bürgerlichen und sozialen Rechte eintraten.

Und so können wir heute, anläßlich der 150sten Wiederkehr jener denkwürdigen Tage meines Erachtens mit Stolz sagen, daß wir die Verbindungslinie von damals zum Europa von morgen weiterziehen werden. Mit dem Gedenken an jene mutigen Menschen von 1848 können wir dazu beitragen, daß es auch zukünftig mutige Bürger geben wird, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen. Dafür braucht Berlin selbstbewußte Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, sich in der Gemeinschaft und für die Bürgerschaft einzusetzen.

Otto Suhr (Stadtverordnetenvorsteher von 1946 bis 1951, anschließend Präsident des Abgeordnetenhauses, später Regierender Bürgermeister von Berlin) bezeichnete den 18. März 1848 als - ich zitiere - "Geburtstag des demokratischen Parlamentarismus, der mit der Paulskirche, der Preußischen Nationalversammlung und auch den Tagungen der Berliner Stadtverordnetenversammlung und - im Zusammenhang damit - mit der Bildung der Parteien seinen Anfang in Deutschland genommen hat".

Meine Damen und Herren, Otto Suhr hat zu Recht auf die Linie hingewiesen, die - trotz der Rückschläge und grausamsten Fehlentwicklungen der Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert - von der Märzrevolution von 1848 zu dem freiheitlichen und demokratischen Staat führt, in dem wir heute leben.

Das ist die Tradition, an die wir mit dem Gedenktag des 18. März anknüpfen. Die Ideale, für die die Menschen damals, 1848, und vor wenigen Jahren 1989, auf die Straße gingen, sind gleich geblieben. Sie sind auch heute unabdingbare Grundlage unseres Zusammenlebens.

In diesem zukunftsorientierten Sinn erinnern wir uns heute an den 18. März 1848 als einen großen Tag deutscher Geschichte. Mit Dankbarkeit und Hochachtung gedenken wir deshalb jener, die damals Wegbereiter waren für Einigkeit und Recht und Freiheit:

"Danach laßt uns weiter streben, brüderlich, mit Herz und Hand."

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