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Ausstellungseröffnung "Unser Paris ist heute Berlin - Berlin-Erlebnisse ungarischer Schriftsteller zwischen 1930-1933"

15.11.2007 18:00, Ungarische Botschaft

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Walter Momper
15.11.2007, Ungarische Botschaft

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, am 15.11.2007 um 18.00 Uhr zur Ausstellungseröffnung „Unser Paris ist heute Berlin – Berlin-Erlebnisse ungarischer Schriftsteller zwischen 1930-1933“ in der ungarischen Botschaft

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ich begrüße Sie und danke Ihnen, sehr geehrter Herr Botschafter, für die freundliche Einladung und Ihnen allen für Ihr Kommen.

Die Ausstellung, die wir heute eröffnen und die unter dem Motto „Unser Paris ist heute Berlin – Berlin-Erlebnisse ungarischer Schriftsteller zwischen 1930 - 1933“ steht, wirft einen Blick auf das erste Drittel des letzten Jahrhunderts.

Wenn wir heute an Ungarn denken, dann nicht nur an Ungarn als integralen Bestandteil der Europäischen Union, sondern insbesondere an den Mut und die Entschlossenheit der Ungarn, die Grenze zum Nachbarn Österreich 1989 für Tausende von DDR-Flüchtlingen zu öffnen. Ungarn hat an der bröckelnden Mauer geklopft und so die deutsche Wiedervereinigung mit vorbereitet. Dafür sind und bleiben wir Ungarn und Gyula Horn und der damaligen Regierung dankbar.

In einer Zweigstelle der Universitätsbibliothek Berlin lagert ein wirklicher Schatz, das „Gedenkbuch der Berliner Ungarn“. Hier finden sich Eintragungen der Ungarn, die seit 1846 nach Berlin gekommen sind – zu Besuch, auf der Durchreise oder für immer. Im Namensregister stehen so berühmte Namen wie Ferenc Liszt oder Bela Batok.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – nach dem Ersten Weltkrieg - war die politische und wirtschaftliche Lage in Ungarn schwierig. Die meisten Menschen, die Ungarn nach 1919 verließen, waren entweder an einer der Nachkriegsrevolutionen beteiligt gewesen oder fühlten sich durch die nachfolgende Welle des Antisemitismus bedroht. Ein Großteil der ungarischen Wissenschaftler und Künstler, die es nach den politischen Veränderungen von 1918-1920 in verschiedene europäische Länder und auch in die Vereinigten Staaten zog, wählten ein deutschsprachiges Land als Ziel. Sie gingen nach Österreich und nach Deutschland.

Die Liste der international bekannten Persönlichkeiten, die zu jener Zeit Ungarn verließen, ist beeindruckend und lang. Unter ihnen waren herausragende Wissenschaftler, Musiker und Literaten, eine erstaunlich große Zahl von hochqualifizierten Ungarn. Für diejenigen, die nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Räterepublik aus Ungarn fliehen wollten, erschienen die deutschsprachigen Länder naheliegendste Ziele zu sein. Der deutsche Einfluss in der österreichisch-ungarischen Monarchie war besonders stark gewesen, Deutschland befand sich in geographischer und auch in kultureller Nähe. Sowohl die deutsche Sprache als auch die deutsche Kultur waren für Ungarn in dieser Zeit selbstverständlich. Deutsch wurde zu Hause und auf der Straße gesprochen und in der Schule unterrichtet.

Das entsprach einer mehr als hundert Jahre alten Tradition: Die Verbindungen zwischen Ungarn und der deutschen Kultur reichen bis in das 17. und 18. Jahrhundert zurück. In den Wohnzimmern der ungarischen Mittelschicht standen die Werke von Goethe und Schiller wie selbstverständlich im Bücherschrank. Deutsch war die Sprache der Kultur. Deutschland wurde mit Modernität und Fortschritt gleichgesetzt und hatte Vorbildcharakter. Fast im gesamten 18. und 19. Jahrhundert waren in Ungarn erschienene deutsche Romane und Dichtung fester Bestandteil der deutschen Literatur. Deutsch war die Sprache der Bildung.

1916 wurde in Berlin ein Zentrum für ungarische Kultur, das Collegium Hungaricum, gegründet. Robert Gragger ging an die Universität Berlin, um im Fach Ungarisch zu lehren und wurde Direktor des Collegiums. Er gab außerdem die Ungarischen Jahrbücher heraus. Das Collegium zog vor allem junge Ungarn an, für die die pulsierende Metropole Berlin ein Sprungbrett für ihre Karriere sein sollte. Nach dem Ersten Weltkrieg galt Berlin als wahre kulturelle Hauptstadt Deutschlands. Das weltoffene Berlin bot denjenigen ein Zuhause, die anderswo vielleicht verlacht oder verfolgt worden wären.

Ein ungarischer Historiker (Istvan Deak) beschrieb das Leben im damaligen Berlin wie folgt: „Comintern-Agenten, dadaistische Dichter, expressionistische Maler, anarchistische Philosophen, Sexualwissenschaftler, Vegetarier und Esperanto-Propheten einer neuen Menschlichkeit, Schnorrer, Kurtisanen, Homosexuelle, Drogenabhängige, Nackttänzer und Apostel der nudistischen Befreiung, Schwarzmarktler, Veruntreuer und Berufsverbrecher machten sich in einer Stadt breit, die hungrig auf Neues, auf Sensationen und auf Extremes war. Zudem wurde Berlin das kulturelle Zentrum Mittel- und Osteuropas. Diejenigen, die nun den Geschmack und die Moral der Allgemeinheit bestimmten, die erleuchteten, unterhielten oder ihre Kunden korrumperten, waren nicht nur Deutsche, sondern auch russische Flüchtlinge des roten und ungarische Flüchtlinge des weißen Terrors, freiwillige Exilanten aus dem nunmehr welkenden und von Armut geschlagenen Wien, Revolutionäre vom Balkan und jüdische Opfer der Progrome in der Ukraine.“

In den 1920er Jahren wurde Berlin zum europäischen Zentrum für Film und Theater, Photographie, Literatur, Musik, Architektur. In Berlin erschienen 120 Zeitungen, und es gab 40 Theater; rund 200 Kammerorchester und mehr als 600 Chöre. Um die Jahrhudertwende war Paris die Königin Europas gewesen. Nach dem ersten Weltkrieg lief Berlin Paris diesen Rang ab. Deutschland erschien vielen Ungarn toleranter als ihr Heimatland – in politischer und in künstlerischer Hinsicht.

Ungarn - überwiegend jüdischer Herkunft - kamen in den 1920er Jahren zu Hunderten nach Berlin. Ungarische Filmemacher und Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren waren bei der Berliner Ufa beschäftigt und haben die deutsche Filmindustrie erheblich mit geprägt. Der Regisseur Alexander Korda zum Beispiel oder die Schauspielerin Marta Eggerth waren große Stars im Berlin der 20er Jahre.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin gespannt auf die Ausstellung, auf die Tagebuchaufzeichnungen, Artikel und Erzählfragmente der ungarischen Künstler im damaligen Berlin und freue mich mit Ihnen auf den jetzt anschließenden Rundgang. Ich danke Ihnen.

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