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Begrüßung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der Veranstaltung "70 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges"

02.05.2015 11:00, Plenarsaal

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Ich darf Sie alle im Namen des Abgeordnetenhauses und des Senats von Berlin begrüßen. Unser Gedenken heute gilt dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Berlin am 2. Mai 1945.

Wir wollen aber auch der 60 Millionen Opfer gedenken, die im Laufe der Kriegshandlungen starben. Für uns steht fest: Ein Krieg darf nie wieder von Deutschland ausgehen. Das ist und bleibt unsere Verantwortung. Und wir werden sie wahrnehmen. Es gibt keine Alternative zum Frieden. Das ist die zentrale Lehre, die wir Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen haben. Und da unser Außenminister Frank-Walter Steinmeier unser heutiger Gast und Hauptredner ist, möchte ich sagen: Ich bin froh, dass Sie das, lieber Herr Steinmeier, auch glaubwürdig im Namen Deutschlands vertreten. Dafür herzlichen Dank.

Wir haben bis vor nicht allzu langer Zeit in der Überzeugung gelebt, der Krieg als Bedrohung und als Gespenst sei von unserem europäischen Kontinent ein für alle Mal verbannt. Wir wissen heute jedoch –  Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Keine noch so ausgeklügelte, friedliche Nachkriegsordnung ist ein Selbstläufer. Umso wichtiger ist es, auch im europäischen Kontext daran zu erinnern, was Krieg bedeuten kann. Die Erinnerung an den Exodus und die Leiden, die der Zweite Weltkrieg verursachte, sollte uns alle immer noch mahnen – in Deutschland sowieso, aber auch in den anderen europäischen Staaten. Und natürlich auch in vielen Teilen der Welt.

Und was wir nie vergessen sollten: Zur Friedenspolitik gehört auch das Bemühen um Vertrauen. Michail Gorbatschow hat das eindrucksvoll bewiesen, als er den Weg zur deutschen Einheit  frei machte. Da ist eine europäische Siegermacht über ihren Schatten gesprungen. Wir sollten das nicht vergessen, auch vor dem Hintergrund, dass die damalige Sowjetunion unter großen Opfern den Sieg der Alliierten mit erkämpfte. Und die letzte Schlacht um Berlin – sie war den sowjetischen Truppen vorbehalten.

Der furchtbarste Krieg, der bis heute entfesselt wurde, ging 1939 von Deutschland aus. Ebenso erlitt Deutschland die furchtbarste Niederlage, die wir uns vorstellen können. Deutschland, ebenso weite Teile Europas waren am Ende des Zweiten Weltkriegs ein einziges Trümmerfeld. Millionen aus allen europäischen Nationen, auch aus der deutschen, waren tot, gefallen, in Bombenangriffen zerfetzt, in Lagern verhungert, auf den Straßen der Flucht erfroren, und andere Millionen - vor allem Juden, Roma und Sinti, Polen und Russen, Tschechen und Slowaken, - waren den größten Vernichtungsaktionen zum Opfer gefallen, die Menschen je ersonnen hatten.

Und weitere Millionen hatten ihre Verwandten, ihre Freunde, ihre Heimat verloren oder waren gerade dabei, sie zu verlieren. Millionen kamen aus Kriegsgefangenenlagern oder wanderten gerade dorthin. Millionen waren zu Krüppeln geschossen. Hunderttausende von Frauen wurden vergewaltigt. Der Geruch der Krematorien und der ausgebrannten Ruinen lastete über Europa. Wohin man auch blickte, es herrschte Elend, abgrundtiefes Elend.

Die Verantwortung dafür lag bei den Deutschen. Sie wollten diesen Krieg – und sie verloren ihn. Und der Gedanke, Deutschland hätte diesen Weltkrieg gewonnen, dieser Gedanke lässt mich erschaudern. Denn die nationalsozialistische Politik war nichts anderes als menschenverachtende  Barbarei. Und insofern war dann der 8. Mai 1945 in erster Linie ein Tag der Befreiung, der bis heute nachwirkt, weil wir in ganz Deutschland seit sieben Jahrzehnten in Frieden und seit 1990 wieder vereint in Freiheit leben. Wir alle denken an Richard von Weizsäcker, der als Bundespräsident 40 Jahre nach Kriegsende diese Einsicht in Deutschland tief verankerte, wie aktuelle Umfragen eindeutig belegen.

Meine Damen und Herren,
für mich als Person der Nachkriegszeit, geboren 1956, wird das Ende des Zweiten Weltkriegs immer eine Verpflichtung zur Dankbarkeit bleiben. Obwohl wir Deutschen so viel Schuld auf uns geladen hatten mit diesem unsäglichen Krieg, reichten uns viele Menschen aus Europa und aus Übersee erstaunlich schnell wieder ihre Hände.

Es liegt mir durchaus am Herzen, unseren Ehrenbürger Nikolai Bersarin zu erwähnen, den 1. Berliner Stadtkommandanten der sowjetischen Garnison in Berlin. Er sorgte sehr wohl mit seinem Befehl 180 dafür, dass jegliche Willkürakte der Soldaten und Offiziere gegen die Berliner zu unterbleiben hatten. Sie wurden unter Strafe gestellt. Bersarin wollte nicht die Plünderung Berlins. Sein Ziel war der Wiederaufbau einer zerstörten Stadt und eine schnelle ausreichende Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner. Das lässt sich an seinen Befehlen ablesen.

Ich erinnere auch an die CARE-Pakete, die viele Deutsche mit kostbaren Lebensmitteln erreichten. Und ebenso der Marshall-Plan, eine der größten politischen wie humanitären Taten der Menschheitsgeschichte, auf ganz Europa berechnet, hat auch Deutschland nicht ausgeschlossen.

Die Solidarität der westlichen Siegermächte erlebten wir in Berlin recht bald nach Kriegsende in ihren jeweiligen Sektoren. Denn die Not war groß. Es fehlte an allem: Lebensmittel, Trinkwasser, Brennmaterial. Nur der Schwarzmarkt boomte. Die öffentliche Ordnung lag darnieder. Und überall war Schutt. Ruinen prägten das Stadtbild.

Natürlich war da auch eine gehörige Portion Machtkalkül im Spiel. Und je mehr sich der Kalte Krieg abzeichnete, desto ideologischer wurde das Handeln. Doch eines bleibt eben auch bestehen: In allen Teilen der Stadt versuchten die Besatzungsmächte, wieder ein normales Leben aufzubauen, was den damaligen Berlinerinnen und Berlin neuen Überlebensmut schenkte.

Es wuchs aber auch die Sorge, wohin die einsetzenden politischen Spannungen in der Stadt führen würden. Und dass die Arbeit der demokratisch gewählten Berliner Stadtverordnetenversammlung wegen kommunistischer Störungen nicht mehr garantiert war, trug entscheidend zur inneren Teilung Berlins bei. 

Zwei Persönlichkeiten verkörperten von nun an den Wiederaufbau und den Freiheitswillen Berlins – Louise Schroeder und Ernst Reuter. Wer an das Kriegsende in Berlin erinnert, darf für die Folgezeit diese beiden nicht verschweigen.

Und heute? Was für ein Quantensprung! Berlin lebt in Freiheit. Diese Stadt wandelt sich zu einer internationalen Metropole. Berlin ist für viele Menschen aus aller Welt die Eingangstür zu unserem Land. Das ist das Spannende an Berlin. Dafür sind und bleiben wir dankbar.

Dass der Weg dorthin über eine unglaubliche Katastrophe führte, sollte uns Deutsche und Berliner immer wieder innehalten lassen. In Demut vor allen Opfern, die diese Katastrophe erzeugte.

Was bleibt? Der verlorene Krieg und die bedingungslose Kapitulation waren der Ausgangspunkt für eine bessere Zukunft in einem geeinten Europa. Für alle. Den Frieden zu bewahren – das ist unsere Verpflichtung.

Ich danke Ihnen.
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