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Begrüßung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Eröffnung der Ausstellung "Verordnete Freundschaft. Die sowjetische Besatzung 1945 bis 1994"

11.08.2015 17:30, Wandelhalle

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Ich freue mich, Sie an diesem sommerlichen Abend in den Räumen des Abgeordnetenhauses zur Eröffnung einer Ausstellung begrüßen zu können, deren Thema keinesfalls sommerlich leicht ist. Denn diese Ausstellung erzählt von einer schwierigen Beziehung – der Beziehung zwischen denen, die als sowjetische Soldaten in der DDR stationiert waren und jenen Deutschen, die als Bewohner der DDR – ob sie es wollten oder nicht – im sowjetischen Machtbereich lebten.

Die Beziehung zwischen beiden Seiten, zwischen DDR- und Sowjetbürgern war weder gleichberechtigt noch freiwillig. Sie war vielmehr eine „verordnete Freundschaft“, wie es treffend im Titel dieser Ausstellung heißt. In seiner Widersprüchlichkeit sagt dieser Titel schon einiges über das komplizierte, von Misstrauen und Befremden geprägte Verhältnis von DDR-Deutschen und Sowjet-Soldaten. Wirkliche Freundschaft, das wissen wir alle, kann man nicht verordnen.

Wenn die Deutschen in der DDR und die sowjetischen Soldaten miteinander verbunden waren, dann in einer Art Zwangsgemeinschaft. Wie sollte es auch anders sein? Die Besetzung des Deutschen Reiches durch die Alliierten, die Teilung Nachkriegsdeutschlands in Besatzungszonen und schließlich in zwei deutsche Staaten – all das war schließlich Folge des von Deutschland entfachten Weltkrieges.

Wer von 1945 und seinen Folgen spricht, muss auch von 1933 sprechen. Ebenso wie vom Sommer 1941, in dem die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel. Die Sowjetunion war es auch, die die Hauptlast des Krieges trug und für die Befreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus einen hohen Blutzoll entrichtete. 27 Millionen Menschen starben auf sowjetischer Seite.

Die in den nächsten beiden Wochen in unserem Haus zu besichtigende Ausstellung schlägt einen weiten historischen Bogen vom Ende des II. Weltkrieges, mit dem die mehr als 40 Jahre währende sowjetische Militärpräsenz im Osten Deutschlands ihren Anfang nahm, bis hin zum Ende des Kalten Krieges, dem Zerfall der Sowjetunion und dem Abzug der letzten – nun nicht mehr sowjetischen – Soldaten aus Deutschland. Sie beleuchtet ein bislang kaum bekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte und einen besonderen Aspekt des Kalten Krieges.

Dass manche Bereiche dieser noch wenig erschlossenen Geschichte zwangsläufig im Dunkeln bleiben müssen, mancher Aspekt dem einen zu stark und dem anderen zu schwach akzentuiert erscheinen mag, liegt in der Natur der Sache. Eine Ausstellung wie diese ist ein Diskussionsangebot, kein allumfassendes Kompendium wissenschaftlicher Gelehrsamkeit.

Zu lernen gibt es dennoch eine ganze Menge. Wer weiß heute schon noch, dass in den 80er Jahren fast eine halbe Million sowjetische Soldaten und deren Angehörigen in der DDR lebten? Und selbst die, die sich noch aus eigener Erfahrung an die Militärkolonnen auf Brandenburger Alleen oder an die typischen gelb gestrichenen Kasernenbauten mit den roten Sternen am Eingangstor erinnern, wissen oft nur wenig Konkretes über das Leben hinter diesen Toren. Geschweige denn über das, was in den Köpfen der dort lebenden Soldaten vor sich ging.

Die meisten Soldaten blieben über vier Jahrzehnte lang Fremde. Trotz – oder wohl eher wegen – einer im Alltag stets und ständig beschworenen „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“.

Am Ende der DDR war fast jeder Dritte ihrer Bewohner Mitglied der gleichnamigen Massenorganisation. Persönliche Beziehungen entstanden jedoch nur im Ausnahmefall. Dann, wenn sich jenseits aller Rituale Freundschaften, manchmal sogar Liebesbeziehungen entwickelten – spontan und eigenen Gesetzen folgend. Auch davon erzählt diese Ausstellung in berührenden persönlichen Erinnerungsskizzen. Viele dieser Beziehungen endeten unglücklich, wurden gewaltsam auseinander gerissen.

Auch von der Gewalt, mit dem der sowjetische Repressionsapparat und seine deutschen Helfer die DDR überzogen, erzählt diese Ausstellung. In den 40er und 50er Jahren fielen zahlreiche Menschen – Deutsche wie Russen – stalinistischer Willkür zum Opfer.

Unter ihnen waren Angehörige einer Widerstandsgruppe, die sich 1949 im thüringischen Altenburg gebildet hatte. Es waren Schüler, die sich gegen die Errichtung einer Diktatur nach sowjetischem Vorbild im Osten Deutschlands wehrten. Vier Mitglieder der Gruppe wurden in Moskau hingerichtet, die anderen erhielten hohe Haftstrafen. Einer dieser Jugendlichen, Jörn-Ulrich Brödel, ist heute unter uns. Ich darf Sie, sehr geehrter Herr Brödel, an dieser Stelle besonders herzlich begrüßen.

Ihnen, sehr geehrte Frau Klier, gebührt Dank dafür, sich dieses wichtigen und – ich will es nicht verschweigen – durchaus schwierigen Themas angenommen zu haben. Mit Ihrer Ausstellung ermöglichen Sie uns nachträglich einen Einblick in das, was damals weithin verborgen war. Auch das ist ein Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit.

Zuletzt möchte ich Ihnen noch Frau Elena Welker vorstellen, die diesen Abend musikalisch begleitet. Sie selbst wird uns nachher noch ein paar Worte zur Musikauswahl sagen. Natürlich hören wir heute Stücke russischer und deutscher Komponisten. Vielen Dank auch dafür.

Frau Welker ist, lassen Sie mich das an dieser Stelle noch kurz verraten, in Kasachstan geboren und lebt – wie viele aus den ehemaligen Sowjetrepubliken stammende Menschen – seit langem in Berlin. Sie und andere Zuwanderer bereichern mit ihrer Herkunft und ihrem Können unsere Stadt.

Wenn heute in Berlin Freundschaften zwischen Deutschen und Russen entstehen, dann beruhen sie auf gemeinsamen Interessen und wirklicher Sympathie, nicht auf ideologischen Vorgaben.

Das Abgeordnetenhaus von Berlin leistet dazu seit 1994 seinen eigenen Beitrag: Mit unserer Studienstiftung erhalten, vertiefen und fördern wir die Kontakte mit den USA, Frankreich und Großbritannien, aber vor allem auch mit Russland und den übrigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Im Laufe der Zeit sind durch den Austausch mit jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern viele Bindungen und auch Verbindungen mit unserer Stadt entstanden.

Auch das, so meine ich, macht Hoffnung für die Zukunft der Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern.
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