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Begrüßung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Walter Momper anlässlich der Buchvorstellung „Biographisches Handbuch der Berliner Stadtverordneten und Abgeordneten 1946-1963“

23.08.2011 18:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal

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Walter Momper
23.08.2011, Abgeordnetenhaus, Festsaal

Es gilt das gesprochene Wort-

Heute schließen wir eine Lücke in der Berliner Geschichtsschreibung. Das biographische Handbuch der Stadtverordneten und Abgeordneten 1946 bis 1963 dokumentiert eine schwere und bestimmende Phase der Berliner Politik.

Das Buch zeigt, welche Politikerinnen und Politiker die Anfangszeit des demokratischen Berlins nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und dem Krieg gestaltet haben. Es bildet die Periode von den ersten demokratischen Wahlen bis in die Zeit der Teilung nach 1961 ab. Das Handbuch bewahrt die Persönlichkeiten, die in bewegter Zeit Berlin geprägt haben, vor dem Vergessen.

Da ist zum Beispiel die SPD-Politikerin Anna Nemitz. Sie war eine Arbeitertochter und selbst Schneiderin. 1918 hatte sie als einzige Frau dem Arbeiter- und Soldatenrat in Charlottenburg angehört. Von 1920 bis 1933 war sie Mitglied des Reichstags. 1946 wurde sie bei den ersten und für lange Zeit letzten demokratischen Wahlen in ganz Berlin in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. 1953 wurde Anna Nemitz die Würde einer Stadtältesten verliehen.

Wir finden in diesem Buch den liberalen Politiker Sally Engelbert. Der promovierte Jurist nahm am Ersten Weltkrieg teil. Er arbeitete bis 1935 als Notar in Berlin, aber das Notariat wurde ihm entzogen, 1938 auch die Anwaltszulassung. Weil er Jude war. Weil er zugleich Weltkriegsteilnehmer gewesen war, durfte Engelbert noch als Rechtskonsulent für Juden in Berlin arbeiten. Aber 1941 wurde er „wegen Begünstigung politischer Häftlinge“ entlassen und 1942 in das Arbeitslager Wuhlheide verschleppt. Nach dem Krieg wurde Sally Engelbert Mitglied der LDP/FDP und zog 1948 als Nachrücker in die Stadtverordnetenversammlung ein, später war er auch Mitglied des Abgeordnetenhauses.

Auch die Biographie des CDU-Politikers Peter Even konnte von den Autoren recherchiert werden. Der Katholik aus Tiergarten war vor dem Krieg Mitglied der Zentrumspartei. Ab 1928 arbeitete er als Verwaltungsdirektor der Barmer Ersatzkasse in Berlin. 1933 wurde er entlassen. Danach leitete Peter Even illegal den aufgelösten Verband katholischer Kaufleute. Peter Even wurde nach dem Krieg CDU-Mitglied, gehörte der Stadtverordnetenversammlung und dem Abgeordnetenhaus an.

Es sind diese Biografien, die hinter der erfolgreichen Selbstbehauptung Berlins in den frühen Nachkriegsjahren stehen. Ich bin sehr froh, dass diese und viele andere Persönlichkeiten mit dem Handbuch vor dem Vergessen bewahrt werden können. Damit ermöglichen wir späteren Generationen einen spannenden und menschlichen Einblick in die Berliner Nachkriegszeit.

Den Autoren Dr. Werner Breunig vom Landesarchiv und Herrn Andreas Herbst von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand möchte ich danken. Beide haben die Biografien recherchiert und zusammengefügt. Dr. Breunigs Kenntnisse der Berliner Stadtverordnetenversammlung und die Recherche der Mitglieder Abgeordnetenhauses 1951 bis 1963 durch Andreas Herbst konnten mit diesem Projekt glücklich mit einander verbunden werden.

Ich danke auch Privatdozent Dr. Siegfried Heimann, der im Anschluss zu Wort kommen wird, für seine anschauliche und präzise Einleitung, die er für dieses Buch verfasst hat. Es leistet die Einordnung und Orientierung für alle, die in diesem Handbuch blättern werden, und erinnert an die Nachkriegszeit und analysiert sie. Eine Erinnerung, die verloren zu gehen droht.

Mein besonderer Dank gilt dem Direktor des Landesarchivs Herrn Prof. Schaper für die Aufnahme des Handbuchs in die Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin.

Die Berliner Politik musste sich von 1946 bis 1963 vielen Herausforderungen stellen: Zunächst ging es um das pure Überleben nach dem Krieg. Danach wurde Berlin mehr und mehr Schauplatz und Spielball des kalten Krieges. Der so lange ungeklärte Status der Stadt stellte die Zuversicht der Berliner fortlaufend auf den Prüfstand. Am Ende dieser Zeit drohte West-Berlin auszudorren und zur sterbenden Stadt zu werden.

Niederlagen und Erfolge folgten dicht aufeinander. Mit ihrem Wahlverhalten zeigten die Berlinerinnen und Berlin immer wieder Zeichen des demokratischen Willens: Die SED konnte in keiner demokratischen Wahl ihren Führungsanspruch realisieren. Auch Rechtsextreme blieben erfolglos. Die Berlin-Blockade wurde durch die Hilfe der alliierten Freunde und den Widerstandswillen der Berliner überstanden. Aber der niedergeschlagene Aufstand von 1953 und der noch immer unfassbare Bau der Mauer quer durch die Stadt waren bittere Niederlagen und wurden auch so empfunden. Zwar wurde West-Berlin nicht zur sterbenden Stadt, sondern hielt sich wacker dank des Zuzugs aus dem Westen über Wasser. Mit der neuen Bundesrepublik war West-Berlin so weit wie irgend möglich verbunden. Aber Ostberlinerinnen und Ostberliner mussten eine lange undemokratische Zeit ertragen.

Es ist klar: Die Berliner Demokraten dieser Zeit meisterten die Herausforderungen so gut wie irgend möglich. Sie schafften es, international gehört zu werden und erwarben sich die Sympathien vieler Menschen auf der ganzen Welt. Natürlich hatten auch im frühen Nachkriegs-Berlin Parteien ihre Partei-Interessen. Aber im Kern vermochten es die demokratischen Parteien, ihre Eigeninteressen hinten an zu stellen. Es gab den festen Willen, vor den Alliierten, vor der Sowjetunion und übrigens auch vor der neuen Bundesrepublik gemeinsam Stärke zu zeigen. Das schweißte zusammen.

Auch heute gibt es Themen, bei denen sich die Ur-Enkel ein gutes Beispiel an den ersten Abgeordneten nehmen könnten. Zum Beispiel wäre es gut, wenn alle gemeinsam die finanziellen Interessen Berlins im Bund vertreten könnten. Auch die Frage eines gemeinsamen Bundeslandes Berlin-Brandenburg wird irgendwann einen neuen Konsens brauchen. Übrigens ist auch eine Bewerbung um Olympische Spiele ohne die Gemeinsamkeit aller Parteien schwer denkbar. Und vielleicht wäre ein Konsens in der Flughafen-Frage besser, als immer wieder Teile der Planungen in Frage zu stellen.

Noch mehr können wir von damals lernen: Gelassenheit! Schließlich hat Berlin schon so viel geschafft, da muten die aktuellen Probleme doch eher überschaubar an. Mit Blick darauf wirkt mancher Beißreflex von heute ziemlich grotesk. Man muss nicht bei jedem Missstand immer gleich die Verantwortlichen zu Versagern erklären. Etwas mehr Augenmaß kommt auch bei den Berlinerinnen und Berlinern gut an. Der Berliner meckert zwar gerne, aber man hört ihn selten kreischen.

Und insgesamt sind die letzten zwanzig Jahre ja auch gut für Berlin gewesen. Wer will das bestreiten. Wahrscheinlich würden die in diesem Handbuch dargestellten Persönlichkeiten mir zustimmen, wenn ich sage: Berlin steht heute besser da, als mancher es damals oder vor zwanzig Jahren zu hoffen gewagt hat.

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