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Begrüßung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, anlässlich der Rede des Stadtpräsidenten von Danzig Paweł Adamowicz

05.09.2011 13:30, Abgeordnetenhauses von Berlin, Festsaal

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Walter Momper
05.09.2011, Abgeordnetenhauses von Berlin, Festsaal

- Es gilt das gesprochene Wort-

Es ist uns eine große Ehre, den Stadtpräsidenten von Danzig Herrn Paweł Adamowicz im Abgeordneten-haus von Berlin begrüßen zu können. Die Stiftung Zukunft Berlin zweifellos einen spannenden Gesprächspartner für unsere Stadt und für das Abgeordnetenhaus gewinnen können.

Als Streikführer der Studenten an der Danziger Universität haben Sie eine wichtige Rolle bei der polnischen Wende gespielt. Uns allen ist heute bewusst: Der Kampf des tapferen polnischen Volkes gegen Kommunismus und Fremdherrschaft hat entscheidend mit zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen. Dafür werden die Deutschen immer dankbar bleiben.

Berlin hat wie keine andere Stadt unter der europäischen Teilung gelitten. Damit ist auch Ihre Biografie, Herr Stadtpräsident, mit Berlin verbunden, so wie unsere Stadt ganz besonders mit Polen verbunden ist. Polen hat unter der deutschen Besatzung von 1939-1945 gelitten wie kein anderes Volk. Das wollen wir nicht vergessen. Deshalb stehen wir Deutschen in der Schuld gegenüber dem polnischen Volk.

Berlin ist im besonderen Maße mit Ihrer Stadt Danzig verbunden. Der Besuch des Präsidiums des Abgeordnetenhauses vor zwei Jahren anlässlich des 70. Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs wird uns unvergesslich bleiben. Diese strahlenden Spätsommertage waren geprägt von eindrücklichen Feierstunden, die deutlich machten, dass der Frieden in Europa auf einem starken Fundament steht. Diese Erlebnisse und nicht zuletzt Ihre große Gastfreundschaft haben die guten Beziehungen zwischen Danzig und Berlin verstärkt. Ich hoffe, dass wir in den kommenden Jahren viele Gelegenheiten haben werden, diese Freundschaft weiterentwickeln zu können. Vor diesem Hintergrund freue ich mich ganz besonders, Sie heute in unserem Haus begrüßen zu dürfen.

Um die Verbindungen Berlins mit Polen zu entdecken muss man nicht zwangsläufig in die Geschichte zurückblicken: Berlin liegt nur 80 Kilometer westlich der polnischen Grenze. Eine Vielzahl an wirtschaftlichen – und übrigens auch politischen – Verflechtungen prägen unsere Gegenwart. Mit der gemeinsamen Europauniversität Viadrina, aber auch mit vielen anderen bilateralen Kontakten sind wir heute auch eine Bildungsregion mit Blick nach Polen.

Die zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen, die in diesen Tagen aus Anlass der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Warschau in unserer Stadt stattfinden, das deutsch-polnische Kulturfest „PoKuSa“ auf dem Olivaer Platz am letzten Wochenende, bei dem die Stadt Danzig im Mittelpunkt stand, beweisen am besten, dass sich unsere beiden Nationen viel zu sagen haben.

Der Höhepunkt der Begegnung der beiden Kulturen und der beiden Völker wird jedoch die große Ausstellung im benachbarten Gropius-Bau Ende September sein. Unter dem Titel „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ wird es eine der größten Ausstellungen sein, die es zu dem Thema Deutschland-Polen je gegeben hat. Unser Haus wird die Ehre haben, für die Eröffnungs-veranstaltung am 21. September den Plenarsaal zur Verfügung zu stellen.

Für uns Deutsche ist Danzig natürlich nicht irgendeine Stadt. Wir haben eine gemeinsame, oft leidvolle und fast immer komplizierte Geschichte. Die Person und das Schaffen von Günter Grass zeigt unsere oft widersprüchlichen Gefühle. Grass ist nicht nur deutscher Nobelpreisträger, er ist auch Ehrenbürger von Danzig. Als 2006 bekannt wurde, dass Günter Grass bei der Waffen-SS gewesen war, gab es eine Debatte um eine mögliche Aberkennung dieser Ehrenbürgerschaft. Unter der Oberfläche dieser Sommerdebatte vor fünf Jahren lag alles verborgen, was das komplexe deutsch-polnische Verhältnis ausmacht: Die Last des grausamen deutschen Krieges und der Stolz der polnischen Bevölkerung, die so lange um ihr Land hat kämpfen müssen.

Aber es wurde auch deutlich, dass uns als europäische Nachbarn die Gegenwart so sehr verbindet, dass uns die Vergangenheit nicht mehr trennt. In der Auseinandersetzung mit politischen Widersachern in Polen haben Sie, Herr Stadtpräsident, Mut bewiesen und Günter Grass gegen ungerechtfertigte Angriffe in Schutz genommen. Der junge Danziger hat dem alten Danziger beigestanden. So durfte Günter Grass seine Ehrenbürgerschaft letztlich behalten. Und das ist typisch für das deutsch-polnische Verhältnis: Am Ende setzen sich Versöhnung und Kultur durch.

Berlin und Danzig sind zwei Metropolen in Europa, deren Blick sich nach Osten und nach Westen zugleich richtet. Berlin und Danzig waren in ihrer Geschichte stets Heimat vieler Bevölkerungsgruppen in der Mitte Europas.

Danzig ist durch viele Jahrhunderte ein Ort der friedlichen Selbstbehauptung gewesen. Nicht nur Deutsche und Polen lebten in der Stadt, sondern auch Holländer und Engländer ließen sich in ihren Mauern nieder. In ihrer Blütezeit als Stadt der Hanse waren fast alle europäischen Länder mit Gesandtschaften vertreten. Nach dem letzten Krieg ist Danzig zu einer neuen Heimstatt für viele Polen aus den verloren gegangenen östlichen Gebieten Polens geworden – wie auch für Ihre Familie, Herr Stadtpräsident.

Auch Berlin wurde in der Zeit der Teilung und im Ringen um die Wiedervereinigung zum Symbol für ein gemeinsames, fest in Europa verankertes Deutschland. Die Namen unserer beiden Städte bezeichnen also mehr als nur Orte. Sie sind Projektionsflächen für das Beste, was unsere Länder ausmacht, und für die Hoffnungen und Lebensträume vieler Menschen.

Aber uns verbindet nicht nur die Geschichte: Es ist die Gegenwart, in der Berlin und Danzig ähnliche Herausforderungen meistern müssen. Unsere Städte spielen in ihren Ländern eine wichtige Rolle als Umschlagplatz für Waren und für Ideen. Es sind Städte, in denen Menschen neue Anfänge wagen und ihr Glück suchen.

Um dieser Rolle als Motor der Veränderung gerecht zu werden, braucht es vieles: Eine gute organisierte Verwaltung, politische Stabilität, eine tragfähige Infrastruktur für Verkehr und Informationen. Aber diese pragmatischen Anforderungen reichen weder für Danzig noch für Berlin aus. Denn Metropolen müssen auch den Geist einer Metropole atmen. Sie müssen es schaffen, unterschiedliche Lebensstile und Visionen zu verbinden. Bei alldem sollten sich unsere Städte ihrer Geschichte bewusst bleiben, sie dürfen nicht zum Museum werden. In dem gemeinsamen Ringen um ein Gleichgewicht zwischen Veränderung und Bewahrung können unsere Städte miteinander und voneinander lernen. Deshalb danke ich der Stiftung Zukunft Berlin mit ihrem Vorstandsvorsitzenden Volker Hassemer, der Deutsch-Polnischen Gesellschaft und der Polnischen Botschaft für das Engagement und die Idee zu dieser gemeinsamen Veranstaltung.

Herr Stadtpräsident,
im nächsten Jahr wird sich Ihre Stadt von der gewohnten weltoffenen Seite zeigen. Sie feiern zwar wie jedes Jahr den Welttag der Danziger. 2012 kommt noch die Fußball-Europameisterschaft hinzu und Danzig ist Austragungsort für die deutsche Elf. Und weil man sich in Ihrer Stadt gut aufgehoben fühlt, hat der Deutsche Fußballbund eines der schönsten Hotels im Stadtteil Oliwa für die deutsche Nationalmannschaft zum Kräftesammeln ausgewählt.

Wir freuen uns schon jetzt auf die EM und wären natürlich glücklich, wenn Deutschland und Polen das Endspiel bestreiten würden. Aber jetzt freue ich mich erst einmal auf Ihre Rede, Herr Stadtpräsident.

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