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Begrüßungsansprache des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der Verleihung der Obermayer German Jewish History Awards

27.01.2014 18:00, Plenarsaal

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In diesem Kreis und an diesem Ort treffen wir uns zum dreizehnten Mal zur Verleihung der Obermayer German Jewish History Awards. Es ist für mich eine große Freude und Ehre für unser Haus, dass Sie, sehr verehrter Herr Dr. Obermayer, und Ihre Freunde unserem Parlament über die vielen Jahre hinweg treu geblieben sind und diese außergewöhnliche Preisverleihung eine gute Tradition geworden ist.

Für die Übergabe der Preise ist dieses Datum mit Bedacht gewählt. Wir sind hier, um zurückzublicken auf die barbarischen Ereignisse zwischen 1933 und 1945. Wir sind hier, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Am heutigen 27. Januar wollen wir im Plenarsaal des Berliner Parlaments an die Ermordung von über sechs Millionen Juden erinnern. Zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung in Europa wurde ausgelöscht.

Alleine vom Gleis 17 am Bahnhof Grunewald wurden zwischen 1941 und 1945 54.000 Berliner Juden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Mit über 160.000 Mitgliedern war die jüdische Gemeinde in Berlin vor 1933 eine in jeder Hinsicht lebendige Gemeinschaft, ohne die die pulsierende Weltstadt der 20er Jahre nicht denkbar gewesen wäre.

Je mehr Zeit vergeht, je weniger Zeitzeugen berichten können, umso wichtiger werden Erinnerungsanker.

Auf dem Areal der „Topographie des Terrors“ - hier direkt unserem Gebäude gegenüber gelegen - hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gerade vor zwei Wochen den 3.333.333 Besucher begrüßen können. Daran zeigt sich: Das Interesse an der deutschen Vergangenheit ist ungebrochen. Der Wille, das zu verstehen, was Sprache nicht zu formulieren weiß. Zwischen der früheren Prinz-Albrecht-Straße und der Wilhelmstraße lagen die Zentralen der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), der Reichsführung Schutzstaffel (SS) und des Reichssicherheitshauptamtes. Dort wurde auch der Völkermord an den europäischen Juden geplant. Mit dem jährlich wiederkehrenden Gedenktag an die Opfer prägen wir das gesellschaftliche Gedächtnis. Denn: Zukunft braucht Erinnerung.

Der ungeheuerliche Zivilisationsbruch ist in den vergangenen Jahrzehnten durch Historiker umfänglich erforscht worden und dennoch bleiben Fragen offen. Der Name des Konzentrationslagers Auschwitz, das an eben diesem 27. Januar von Truppen der Roten Armee befreit wurde, dieser Name steht als Synonym für alle Konzentrations- und Vernichtungslager. Er steht für die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie.

Die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ wurde nicht an einem Tag beschlossen. Adolf Hitler erteilte keinen Befehl, den seine Schergen ohne nachzudenken ausführten. Der Holocaust entwickelte sich Jahr um Jahr. Es begann mit Diskriminierungen, Ausgrenzung und Ausbeutung, gefolgt von Verhaftungen und Verfolgung und endete mit Deportation und Ermordung. Mit den Pogromen vom 9. Und 10. November 1938 ließ das nationalsozialistische Terrorregime endgültig seine Maske fallen. Es brannten nicht nur die Synagogen, in ganz Deutschland loderte der Rassenhass, offene Gewalt gegen Juden war gesellschaftlich akzeptiert. Zu der furchbaren Wahrheit gehört auch, dass Mitläufer und die vermeintliche schweigende Mehrheit durch ihr Verhalten dazu beigetragen haben, diese Tragödie möglich zu machen. In jeder Stadt, in jedem Ort wurden die jüdischen Nachbarn verhöhnt und erniedrigt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Glücklicherweise gelang immerhin 90.000 Berliner Juden bis zum Herbst 1941 die Flucht aus Deutschland.

Der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 gilt als Beginn des Holocaust im Osten und der Verschleppung der Juden aus Deutschland. Am 15. Oktober begannen die systematischen Deportationen aus dem Deutschen Reich in das Ghetto Lodz.

Dort waren bereits über 100.000 polnische Juden eingepfercht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
auch heute – 69 Jahre nach dem Holocaust – erschüttern uns die ungeheuren Dimensionen von Leid und Qual, die die Menschen erdulden mussten. Im wörtlichsten Sinne unfassbar sind auch die vielen Details über die Lager, die nach und nach erforscht und veröffentlicht wurden. Deshalb ist die Erinnerung an die Opfer und an ihre Lebensumstände so wichtig. Wenn wir ihre Biografien kennen, wenn wir ihrer Kultur näher kommen, dann leben sie weiter. Dann holen wir sie zurück in die Gesellschaft. Dann geben wir ihnen ihre Würde wieder.

Mit Ihren Arbeiten, sehr verehrte Preisträger, wird die Erinnerung an die Opfer des Holocaust in unserem gesellschaftlichen Gedächtnis wach gehalten. Sie haben einen großen Teil Ihres Lebens der Erforschung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland gewidmet. Für Ihre Hartnäckigkeit bei den Recherchen, Ihre stete Begeisterung und Ihr wirklich bewundernswertes Engagement haben Sie meine uneingeschränkte Hochachtung. Sie haben Schwierigkeiten bravourös überwunden und Netzwerke über einen zeimlich großen Teil der Welt gespannt. Damit haben Sie sich im besten Sinne um Deutschland verdient gemacht.

Künftige Generationen werden von Ihren Forschungen und Initiativen profitieren, denn sie werden die Verantwortung für die Zukunft übernehmen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
das letzte Jahr stand ganz im Zeichen der Erinnerung an die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 und den 75. Jahrestag der Novemberpogrome. Im europäischen Erinnerungsjahr 2014 blicken wir auf die wechselvolle und – wie wir wissen – auch schmerzhafte Geschichte Europa und Deutschlands zurück, auf den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, aber auch auf die friedliche Revolution vor 25 Jahren, die das Gesicht Europas tiefgreifend verändert hat. Das 20. Jahrhundert, das auch das ‚kurze‘ Jahrhundert genannt wird, war geprägt von Völkermord und staatlichen Gewaltverbrechen, wie kaum ein anderes Jahrhundert zuvor. Ezer Weizman, der ehemalige israelische Staatspräsident, nannte es das „Jahrhundert des Todes“, für den Kulturwissenschaftler Zygmunt Bauman war es das „Jahrhundert der Lager“. Trotz dieser Schatten der Vergangenheit haben wir Deutsche das große Glück, schon fast 70 Jahre in Frieden leben zu dürfen.

Ich bin froh darum, dass in Deutschland die Idee der Demokratie trotz der ländläufigen Politikverdrossenheit hoch eingeschätzt wird. Demokratie muss mehr sein als vom Volk gewählte Parlamente. Frieden und Freiheit fallen nicht vom Himmel. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Demokratie ist eine verantwortungsbewusste Lebensform. Wir alle, die Zivilgesellschaft, müssen uns immer wieder aufs Neue mit dem Rechtsextremismus, mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, - da, wo er in Deutschland aufkeimt -, auseinandersetzen und dem offensiv entgegentreten.

Der Blick auf die Vergangenheit zeigt die düstere Lebenswirklichkeit in Faschismus und Diktatur. Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, können alte Probleme im neuen Gewand wieder auftauchen. Das haben wir in jüngster Zeit bitter erleben müssen. Umso wichtiger sind Gedenkstunden wie diese, die aufzeigen, wohin abgrundtiefer Hass und Rassenwahn führen können.

Ich danke den Preisträgern, dass sie vor allem der jüngeren Generation mit ihren Arbeiten vor Augen führen, wohin Verblendung und Vorurteile führen können.

Ich danke ihnen auch dafür, dass sie mit ihren Arbeiten einen Teil der langen jüdischen Geschichte unseres Landes wieder in unsere Erinnerung zurückholen und wir damit ein Stück Vielfalt zurückgewinnen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich bitte nun Herrn Dr. Obermayer, zu uns zu sprechen.
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