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Begrüßungsworte des Präsidenten bei der Dampferfahrt für ehemalige Berliner

11.09.1998, Berlin, Havelrundfahrt

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Prof. Dr. Herwig Haase
11.09.1998, Berlin, Havelrundfahrt
Dampferfahrt für ehemalige Berlinerinnen und Berliner

Meine Damen und Herren, liebe ehemalige Berlinerinnen und Berliner,

ich begrüße Sie im Namen des Abgeordnetenhauses von Berlin sehr herzlich. Diese Dampferfahrt wird uns über die Havel Richtung Potsdam führen und Gelegenheit zum persönlichen Gespräch geben. Darauf freue ich mich besonders. Aber ich weiß auch, daß gerade Berlin viele Orte der Täter hat: So erinnert mich unsere Abfahrtstelle an die Wannsee-Konferenz.

Eine persönliche Bemerkung vorab: Ich gehöre einer Generation an, die die dunkelste Zeit Deutschlands zwar nicht miterlebt, aber schon sehr früh verstanden hat, daß wir uns dem Verbrechen, das in deutschem Namen geschah, nicht entziehen dürfen und wollen.
Ich empfinde eine persönliche Verpflichtung, Bürger jüdischen und christlichen Glaubens zusammenzuführen.

Als Präsident des Abgeordnetenhauses sehe ich die Begegnung mit Menschen jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens nicht als protokollarische Verpflichtung, sondern als Herzensangelegenheit an. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, daß diese Gespräche eine große persö nliche Bereicherung sind. Auch schätze ich mich glücklich, daß meine Frau und mich mit vielen Mitgliedern und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Dr. Andreas Nachama, eine persönliche Freundschaft verbindet.
Ich erachte es als eine Ermutigung, daß der Bundespräsident gestern dem Regisseur Steven Spielberg das Bundesverdienstkreuz verliehen hat.

Ich weiß nicht zuletzt durch das Buch ihres Botschafters Primor, daß es vielen unter Ihnen nicht leicht gefallen ist, in eine Stadt zurückzukehren, die für Sie mit so viel Leid verbunden ist. Ich kann nur ahnen, wieviel Überwindung erforderlich war, der Einladung nach Deutschland zu folgen und sich den vielen ganz persönlichen Erinnerungen in der alten Heimatstadt Berlin zu stellen. Daß Sie dies auf sich genommen haben, erfüllt mich mit Zuversicht, denn ich hoffe darauf, daß Ihre Erinnerung an Deutschland nun durch neue persönliche Eindrücke - positive Eindrücke - ergänzt wird.

Mit besonderer Freude können wir feststellen, daß unsere Stadt wieder ein Zentrum jüdischen Lebens geworden ist. Vor 50 Jahren, nach Krieg und Holocaust, hätte niemand darauf zu hoffen gewagt. Diese Entwicklung war nur möglich, weil einige der Überlebenden unter den Verfolgten in der Stadt geblieben oder hierher zurückgekehrt sind. In nahezu beispielloser Weise haben sie damals Vertrauen in das neue, das andere Deutschland und seinen Neubeginn gesetzt und uns Ermutigung gegeben. Im Westteil der damals gespaltenen Stadt ist in den Jahren nach dem Kriegsende eine Jüdische Gemeinde mit rund 6.000 Mitgliedern wiedererstanden, - eine lebendige Gemeinde mit geordneter Verwaltung, einem Krankenhaus, einem Altersheim und einem Kindergarten. Vor allem aber gab es wieder Gottesdienste.

Die Wiedervereinigung Berlins am 3. Oktober 1990 hat dem jüdischen Leben in unserer Stadt und der Zusammenarbeit der beiden Jüdischen Gemeinden in Ost und West neue Impulse gegeben. Jüdische Einrichtungen sind heute bedeutende und unentbehrliche Bestandteile des kulturellen und geistigen Lebens in unserer Stadt. Als Beispiele seien hier nur das Centrum Judaicum und die Jüdische Volkshochschule in der Oranienburger Straße und das Jüdische Gymnasium in der Großen Hamburger Straße genannt. Eine besondere Auszeichnung für Berlin bedeutet es, daß der Zentralrat der Juden in Deutschland seinen Sitz in Berlin nehmen wird und daß hier das "American Jewish Committee" und das Anne-Frank-Zentrum Büros eröffnet haben.

Meine Damen und Herren, jüdisches Leben in Berlin bedeutet für uns Verpflichtung und Ermutigung zugleich. Die Verpflichtung: aus der Vergangenheit zu lernen und alles dafür zu tun, daß Freiheit, Toleranz und Mitmenschlichkeit in Gegenwart und Zukunft unser Zusammenleben bestimmen.

In keiner deutschen Stadt wird bei der Gestaltung der Zukunft die Vergangenheit immer so präsent sein wie in Berlin. Daran erinnern wir am 27. Januar - dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde wird das Abgeordnetenhaus am 9. November des 60. Jahrestages der Pogromnacht durch einen Schweigemarsch gedenken.
In der deutschen Hauptstadt und ihrer unmittelbaren Umgebung befindet sich eine große Anzahl authentischer historischer Orte und Gedenkstätten, die an das Geschehen der Vergangenheit - und die Verantwortung der Gegenwart - erinnern. Im Hinblick darauf wird die Gestaltung des geplanten zentralen Denkmals für die ermordeten Juden Europas im Zentrum Berlins ohne Zeitdruck, aber auch ohne unangemessene Verzögerung erfolgen. Das Abgeordnetenhaus von Berlin hat sich vor wenigen Tagen für die Errichtung des Mahnmals im Zentrum Berlins und - angesichts der politischen und nationalen Bedeutung - für eine grundsätzliche Entscheidung des Bundestages ausgesprochen.

Meine Damen und Herren, die Ermutigung, die uns das jüdische Leben in unserer Stadt gibt, hat für uns gerade jetzt - in der Situation des Aufbruchs - besondere Bedeutung. Berlin bereitet sich mit ganzer Kraft darauf vor, im nächsten Jahr seine Funktionen als Sitz von Bundestag, Bundesregierung und Bundesrat zu übernehmen. Die deutsche Hauptstadt befindet sich auf dem Weg zur Metropole. Unsere Stadt wird Aufgaben auf internationaler Ebene übernehmen und ihren Beitrag zur Verständigung, zum Austausch von Erfahrungen und Ideen und zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit der Völker leisten. Und ich betrachte es als Ermutigung, daß Deutschland den 50. Jahrestag der Gründung des Staates Israel in Berlin gefeiert hat.

"Brücken können nur gebaut werden, wenn man den Abgrund darunter kennt." Wir kennen ihn alle. Ich versichere Sie: Es gibt viele derartige Brücken im Berlin unserer Tage. In der Oranienburger Straße hat sich ein Zentrum Berliner jüdischen Lebens entwickelt: Junge Leute sitzen im Restaurant "Oren" und probieren koschere Spezialitäten, Klezmer-Musik ertönt in den Hackeschen Höfen.
Das ist alles sehr viel mehr als nur ein vorübergehendes Interesse, dessen bin ich mir sicher. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, daß wir wieder tolerant miteinander leben wollen und können. Es ist ein Zeichen dafür, daß wir - trotz aller Rückschläge nicht nur in Wahlergebnissen rechtsradikaler Parteien - auf dem richtigen Weg sind.
Denn wir sind im Gespräch miteinander. Ich meine, wir haben gelernt: Erinnern, mahnen, ins Gespräch kommen - aktiv Stellung nehmen zu Deutschlands, zu Berlins Geschichte, das ist notwendig, das sind die Bausteine, die wir zu unserem gemeinsamen Brückenbau über den Abgrund der Geschichte benötigen.

Ich danke Ihnen, daß Sie bei uns sind. Sie sind uns in Berlin herzlich willkommen!

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