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Der Weg in die Zukunft wird immer auch ein Weg des Erinnerns sein

09.11.1998, .

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Prof. Dr. Herwig Haase
09.11.1998, .
Pogromnacht, 9. November 1938

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 standen überall in Deutschland Synagogen, Gemeindehäuser, Wohnungen und Geschäfte Deutscher jüdischen Glaubens in Flammen. Fast überall stand die Feuerwehr mit den Schergen der SA ebenso wie die Polizei untätig daneben und tat nichts. Sie sah zu, wie das Eigentum der jüdischen Nachbarn zerstört wurde. Unterlassene Hilfeleistung nach einem systematisch geplanten Übergriff auf eine Glaubensgemeinschaft mitten im Frieden.

Wenn wir heute an die Novemberpogrome, den ersten organisierten und gezielten Übergriff gegen jüdische Geschäfte, vor 60 Jahren denken, sind wir eine große Gemeinschaft: Alle relevanten Gruppen unserer Stadt haben sich dem Weg des Erinnern, der ein Weg wider das Vergessen ist, angeschlossen. Ich nenne zuerst die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Israelitische Synagogengemeinde, den Senat, den ökumenischen Rat, dem 26 christliche Kirchen angehören, ich nenne die Berliner Universitäten, den Deutschen Gewerkschaftsbund, die Deutsche Angestellten Gewerkschaft und viele Einzelgewerkschaften, ich nenne unsere Landesrundfunkanstalt, die Medien und zahllose engagierte Gruppen und Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, die mit ihrer Teilnahme ein ganz klares Bekenntnis wider das Vergessen ablegen.

Als wir uns anläßlich des 50. Jahrestages der Novemberpogrome hier versammelt haben, fanden die Gedenkveranstaltungen noch im geteilten Deutschland statt. "Der Traum des SPD Politikers Vogel und anderer" ich zitiere die FAZ vom 8. November 1988, "daß sich alle Deutschen in Berlin zum Gedenken zusammenfänden, blieb ein Traum." Daß der 9. November ein Jahr später das Tor zur Einheit aufgestoßen hat, und wir heute gemeinsam gedenken können, war damals ein Wunsch, der - Gott sei Dank - in Erfüllung ging.

Der 9. November 1938 ist ein Fixpunkt für das unsagbare und nie aufzulösende Vermächtnis gegenüber unserer Geschichte. Was am 9. November offen und systematisch gegen Menschen jüdischen Glaubens begann, war der Widerruf der Aufklärung, dem Bekenntnis zu den unveräuß ;erlichen Rechten der Menschen. In einer Nacht wurde die fruchtbare Integration von mehr als zweieinhalb Jahrhunderten ausgelöscht. Diskriminierung, Isolation, Ausgrenzung und schrittweise Entrechtung gingen dem systematischen Massenmord voran.
Elie Wiesel mahnt uns in einem Aphorismus über die Gleichgültigkeit, "der Gegensatz von Liebe ist nicht Haß, der Gegensatz von Hoffnung nicht Verzweiflung, der Gegensatz von Erinnern nicht Vergessen, sondern der Gegensatz ist jedesmal die Gleichgültigkeit."
"Nicht die Ängstlichen haben damals versagt, sondern die Gleichgü ;ltigen, diejenigen, die sich immer nur um sich selbst kümmern. Das ist auch heute so, wenn die Gleichgültigen weder nach dem Hunger in der Welt, Vertreibung, Völkermord, noch nach Menschenrechten fragen, solange sie selbst nicht betroffen sind."

Angriffe gegen Synagogen, nicht nur in Berlin, gab es aber schon Jahre vor den Novemberpogromen 1938. So berichten die Berliner Tageszeitungen schon am 12. September 1931 von Ausschreitungen der Nazis gegen jüdische Mitbü rger. Vor 9 Uhr abends tauchten plötzlich an zahlreichen Stellen des Berliner Westens stärkere Trupps Hitlerjungen auf. Insbesondere der jü ;dische Tempel in der Fasanenstraße war das Ziel des Anschlags. Schauplatz der Ausschreitungen war der Teil des Kurfürstendamms zwischen Knesebeckstraße und Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche samt Nebenstraßen. Am schlimmsten wüteten die Nazis vor und in dem Cafe Reimann am Kürfürstendamm, gegen das sie eine regelrechte Attacke inszenierten. Zu bemerken ist, daß der Inhaber des Cafes Reimann kein Jude war. Auch vor der Konditorei Möhring am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße wurden mehrere Passanten mißhandelt, unter ihnen der Sohn des Konditors Möhring, der so geschlagen wurde, daß er einen Nervenschock erlitt. Auch Möhring war kein Jude. Er wurde wegen seines jüdischen Aussehens verprügelt. In dieser Nacht wurden 9 Juden und vier jüdisch aussehende Christen mißhandelt.

Was für ein Wahnsinn, schon 1931. Immerhin reagiert die Berliner Polizei noch, wenn auch spät und verhaftet etwa 50 Nazis. 7 Jahre und zwei Monate nach diesem Überfall wird die Polizei nichts mehr gegen die Rechtsbrecher unternehmen. Erneut und am gleichen Ort hatten sich in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 Trupps von Nazis vor der Fasanenstraße versammelt. Diesmal wurde gezielt geplündert, zerstört und in Brand gesteckt. Ich stehe hier nicht nur als Amtsträger sondern auch als Bürger unserer Stadt, um zu erinnern und zu gedenken, wozu das Böse im Menschen und der von Gott entfernte Mensch fähig ist.

Der Tag des Gedenkens an die schrecklichen Ereignisse des 9. November 1938 bietet auch die Gelegenheit über unsere Gegenwart nachzudenken. Viele haben die Unmenschlichkeit vergessen, ihrer Erinnerung entzogen. Von Teilen der Bevölkerung in allen Generationen gewinnt man den Eindruck, das sie weder nach dem Gestern noch nach dem Morgen fragt, für sie ist nur das Heute wichtig. Leben und Denken jedoch, das nur auf das Heute bezogen ist, führen zur Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft. Wir sind Mitverantwortliche für das, was geschieht, genau so für das, was unterbleibt.

Auch heute ist das, was normal sein sollte, manchmal noch nicht normal. Wieso nehmen es viele von uns besonders wahr, wenn in einem Wohnhaus unter 11 Mietparteien eine jüdische Familie wohnt, aber nicht, wer katholisch oder evangelisch ist?
Die Menschen, die sich heute hier versammelt haben und die, die in dieser Stunde der Trauer und des Erinnerns in ihren Gedanken bei uns sind, fühlen sich verantwortlich und stellen sich den Ereignissen unserer Geschichte.

Sicher können uns Zweifel befallen, ob der Mensch wirklich dazu angelegt ist, allein mitmenschlich zu handeln. Auch unsere Zeit ist voller brutaler Beispiele für das Böse im Menschen. Doch je stärker wir das spüren, desto mehr ist jeder dazu verpflichtet, für das Mitmenschliche einzutreten. Allein die jüngsten Übergriffe und Anschläge gegen Juden, ihre Gräber und ihre Würde in unserer Stadt beschämen mich tief. Ich will davon nicht schweigen, weil mein Herz trauert und mein Verstand sich fragt: Haben die Bemühungen um die Jugend und die notwendige Aufklä rung über die dunkelsten Stunden deutscher Geschichte trotz großer Anstrengungen keinen Erfolg gehabt? Vielleicht ist es so, daß Aufklä rung und Information allein nicht alles vermögen, wenn sie ohne die gleichzeitige Vermittlung von Werten, die unser aller Zusammenleben tragen, einhergehen. Haben wir unserer Jugend ein falsches Bild vom Menschen vermittelt?
Die beiden wichtigsten Vorstellungen vom Menschen in unserer Zeit widersprechen sich. Sie vermitteln dem Menschen die falsche Erkenntnis, daß sein Ich die letzte Autorität sei. Die eine Konzeption vertritt den Standpunkt, der Mensch sei zu groß, um göttlicher Führung zu bedürfen. Die andere hält ihn für zu gering, als daß er göttlicher Führung würdig sein könnte. Die erste Auffassung hat ihren Ursprung in den Sozialwissenschaften, die zweite in den Naturwissenschaften.

Das Los des Menschen, so glauben viele, hängt einzig von der Entwicklung seines sozialen Gewissens und der Nutzbarmachung seiner Kräfte ab. Damit wird der Mensch zum alleinigen Maß aller Dinge. Aus der Tatsache, daß die technische Wissenschaft einige Probleme lö sen konnte, wurde geschlossen, sie könne alle lösen. Das hat sich als Irrtum herausgestellt. Man glaubte, soziale Reformen würden jedes Ü bel heilen, den Menschen grundlegend bessern und alles Böse aus unserer Welt verbannen. Die Propheten der Heiligen Schrift wußten: Es gibt eine erstickende Selbstsucht im Menschen. Brot und Macht allein werden den Menschen nicht retten. Es gibt Leidenschaften und einen Hang zur Grausamkeit, die die Vorstellung des Menschen übersteigen. Wir erkennen mühsam und leidvoll, daß jeder Versuch, eine Wertordnung allein auf der Basis menschlicher Autonomie aufzubauen, zum Scheitern verurteilt ist.
Unser bisheriges Verständnis vom Menschen und seiner Freiheit muß sich wandeln. Die schlimmsten Befürchtungen haben sich, gemessen an den unfaßbaren Grausamkeiten der Shoah, noch als schönes Traumland herausgestellt. Wir mußten feststellen, daß Vernunft und Wissenschaft pervers sein können und allein keine Sicherheit bieten.

Ist die Freiheit also das höchste Gut? Unabhängig davon, was wir damit machen? Ist Freiheit ein Leerraum - die Möglichkeit zu tun, was uns gefällt? Freiheit hat nur dann einen Sinn, wenn sie mit Verantwortung und Gerechtigkeit verbunden ist. Hier sind wir aufgerufen - jede und jeder von uns - mit ganzer Kraft, jeden Tag aufs neue.

Die älteste monotheistische Religion der Welt hat seit den alten Propheten das Antlitz der Erde immer wieder erneuert und verändert. Es ist der hohe jüdische Idealismus, der das geistige, kulturelle und materielle Leben der Welt seit so vielen Jahrtausenden bereichert. Ich bin dankbar und glü cklich darüber, daß auch in Berlin wieder jüdisches Leben erblüht ist und unsere Stadt und unsere Zeit befruchtet.
Woran soll sich der Weg der Erinnerung nun halten, woran machen wir das erduldete Leiden, die Ängste der Verfolgten fest? Nur im Antlitz von konkreten Menschen erscheint das Unrecht wirklich begreifbar. Das abstrakte Ganze, die Statistiken und Schlußberechnungen bleiben notwendig allgemein und unnahbar. Ganz anders das konkret Erlebte, die Beispiele aus der Nachbarschaft, aus dem Haus Fasananstraße Nr. 20, wenige Meter von hier entfernt.

Die Erinnerung ist im Fall sehr vieler Berliner Juden ein Weg ins Dunkel. Gerade 60 Jahre ist es her, daß die massive Verfolgung in den Novemberpogromen gegen die Juden begann. Und doch läßt sich heute nur noch sehr unvollständig nachzeichnen, was die Opfer damals wirklich erlitten haben.

Im Haus Fasanenstraße Nr. 20 wohnten wie in anderen Häusern in Charlottenburg, Mitte oder Köpenick auch Juden. Stellvertretend für die unzähligen Opfer rufe ich uns die Namen einiger jüdischer Bewohner des Hauses Fasanstraße Nr. 20 ins Gedächtnis: Siegfried Albert Max Abel, geboren am 4. April 1887 in Chemnitz, er konnte 1938 in die USA emigrieren; Max Levy, geboren am 28.02.1885 in Posen, mit dem 20. Transport vom 03.10.1942 nach Reval deportiert; Ursula Levy, geboren am 1. Mai 1923 in Nürnberg, mit dem 37. Transport vom 19.4.1943 nach Auschwitz deportiert; Margarethe Schubert, geboren am 31. Januar 1894, in Berlin: Sie entzog sich der bevorstehenden Deportation durch Freitod; Martha Moses geb. Bernhardt, geboren am 04.08.1871 in Kolberg, Pommern, mit dem 10. Transport vom 25.01.1942 nach Riga deportiert; Eva Meyersohn, geboren am 03.03.1921 in Schivelbein, Pommern, mit dem 25. Transport vom 14.12.1942 nach Riga deportiert; Regina Donig geb. Kopinski, geboren am 11.07.1886 in Frankfurt am Main: Sie konnte 1939 nach Argentinien emigrieren; Joseph Bergmann, geboren am 16.11.1890 in Lisse, Posen, mit dem 6. Transport vom 17.11.1941 nach Kowno deportiert.
Sie alle haben unter uns gelebt. Sie alle sollen in unseren Gedanken lebendig bleiben. Sie mahnen uns, denn der Weg in die Zukunft wird für uns immer auch ein Weg des Erinnerns sein.

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