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"Die Nikolaikirche als Wiege der Berliner Demokratie''

04.10.1998, Nikolaikirche

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Prof. Dr. Herwig Haase
04.10.1998, Nikolaikirche
Eröffnung des Tages der Zeitgeschichte

Meine Damen und Herren,

was ist der genius loci, der die Nicolaikirche in Berlins Mitte zum "Pantheon der Berliner Geschichte und vornehmsten Erinnerungsstätte für die geschichtliche Vergangenheit Berlins" (R. Borrmann) erhebt? So möchte ich heute Abend anläßlich der Eröffnung des Tages der Zeitgeschichte fragen. Ich möchte Sie einladen, mit mir den Weg der Geschichte unserer Stadt heute Abend zu verfolgen, der sich wahrscheinlich wie in keinem zweiten Bauwerk über 7 Jahrhunderte am Beispiel der Nicolaikirche erzählen läßt.

Vor nicht einmal 8 Jahren erhob der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hier anläßlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde am 29. Juni 1990 die Forderung, Berlin müsse wieder Sitz der Regierung werden. "Hier ist der Platz, so Richard von Weizsäcker, für die politisch verantwortliche Führung Deutschlands" und eröffnete damit eine Debatte, die am 20.6. 1991 mit dem Hauptstadtbeschluß den Umzug von Parlament und Regierung fixierte. In wenigen Monaten wird mit der Wahl des Bundespräsidenten im neu eröffneten Deutschen Bundestag im Gebäude des ehemaligen Reichstages, das erste Blatt der Geschichte der Berliner Republik geschrieben werden.

Sicherlich fällt auch Ihnen sofort wieder die konstituierende Sitzung des ersten frei gewählten Abgeordnetenhauses von Berlin ein, die sich hier nach der Wiedervereinigung Deutschlands und unserer Stadt am 11. Januar 1991 glücklich versammelt hat.

Ich erinnere mich gerne an diesen Wintertag. Der Einzug der Parlamentarier und der Gäste war ein sehr feierlicher Moment. Die Zeremonie in diesem ehrwürdigen Gotteshaus versinnbildlichte auch nach außen die Zusammenführung der Stadtverordnetenversammlung und des Abgeordnetenhauses nach der demokratischen Wahl vom 2. Dezember. Nach über 40 Jahren der Teilung Berlins war der politische Wille der Berliner und Berlinerinnen in Ost und West nach Überwindung der Teilung unserer Stadt und unseres Landes erfüllt worden.

Dieses Ereignis steht in einer großen Tradition. Die Nikolaikirche ist seit ihrer Gründung eng mit den Bürgern und der bürgerlichen Selbstbestimmung Berlins verbunden. In den vergangenen sieben Jahrhunderten hat es immer wieder im Zusammenhang mit der Nikolaikirche wichtige historische Ereignisse und Entwicklungen gegeben, die etwas über die Berliner Bürger und ihre religiösen und politischen Vorstellungen, ihre Wünsche und Forderungen in ihrer jeweiligen Epoche aussagen. Lassen Sie mich einige dieser Ereignisse und Entwicklungen skizzieren, um die historische Bedeutung dieses ältesten Gotteshauses Berlins deutlicher werden zu lassen, die den genius loci dieser alten Stadtkirche beschreiben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Richard von Weizsäcker sprach in seiner schon erwähnten Rede noch über einen anderen Topos - nämlich die Städte als Ort und Katalysator freiheitlicher Entwicklung in Deutschland. Er beschrieb den seit dem Mittelalter lebendigen Geist der Kaufleute und Handwerker, die das Leben in den Städten entscheidend prägten. "Die Stadtgeschichte, so Weizsäcker, ist von Weltoffenheit, von Toleranz und Liberalität geprägt. Unzählige verfolgte Menschen haben hier eine neue Heimat gefunden, unsere heutigen Grundsätze von einem freiheitlichen und sozialen Rechtsstaat sind das Ergebnis einer langen und kämpferischen Entwicklung. Sie hat auf Berliner Boden neben schweren Rückschlägen entscheidende Impulse empfangen, durch große Reformer und Pioniere, durch die Kunst und den kritischen Geist, vor allem aber durch den wachen Sinn der Bevölkerung selbst."

Er weist damit einen Interpretationsweg, dem zu folgen sich als fruchtbar erweist, um die Entwicklung Berlins und ihrer ältesten Stadtkirche als Wiege der Berliner Demokratie nachzugehen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Nikolaikirche ist den Heiligen Nicolaus confessor, Martinus und Katharina geweiht. Das Patronat des Heiligen Nikolaus galt nicht nur für Berlin. In Bari sind im Jahre 1087 die Gebeine des Heiligen Nikolaus beigesetzt worden. Die Nikolaikirche in dieser süditalienischen Stadt beherbergt bis heute den kostbaren Schrein mit den sterblichen Überresten.

Das Patronat des Heiligen Nikolaus gilt u.a. für Moskau, Paris und Venedig, ferner auch für Pritzwalk und Greifswald. Denken wir aber auch an die Kirchen in unserer nächsten Umgebung. Nennen möchte ich die Hauptkirchen von Spandau und Potsdam. Und wem fallen nicht bei dem Namen Nikolaikirche die stolzen Kirchen von Lübeck oder Rostock ein? Die Nikolaikirche in Leipzig möchte ich zuletzt nicht unerwähnt lassen. In diesen Tagen vor neun Jahren sammelten sich unter dem Schutz der Kirche die Bürgerrechtsbewegungen der DDR, um gegen das SED-Regime zu protestieren und Reformen anzumahnen. Auch anderswo verbindet sich mit einer Nikolaikirche die Wiege einer wieder erstarkten Demokratie.

Der Heilige Nikolaus war nicht nur der Schutzpatron der Kaufleute. Viele andere Berufsstände der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft verehrten ebenso diesen Patron. So sind unter vielen anderen die Apotheker und Bäcker, die Bierbrauer und Böttcher, aber auch die Geistlichen, Metzger, Müller, Notare, Weber und Weinhändler zu nennen. Der Heilige Nikolaus sollte - neben vielem anderen - die entsprechenden Stände und Berufe schützen vor irrigen Urteilen, vor den Gefahren des Wassers und des Meeres, des Sturmes. Mit seiner Hilfe sollten u.a. gestohlene Sachen wiedererlangt und eheliche Unfruchtbarkeit beseitigt werden. Das vielseitige und umfassende Patronat des Heiligen Nikolai zeigt, wie wichtig es für die ersten Generationen unserer in Berlin lebenden Vorfahren war. So ist es kein Zufall, daß sich das Grab des ersten Berliner Apothekers, des Meister Zeheder in diesem Gotteshaus seit 1515 befunden hatte.

Die Wertschätzung des ältesten Gotteshauses Berlins drückt sich in der Lage innerhalb des Gründungsgebietes aus. Die Doppelstadt Berlin und Cölln ist auf den Hochflächen von Teltow und Barnim im Süden und im Norden gegründet worden. Das ansonsten bis zu 20 km breite Urstromtal zwischen Warschau und Berlin wurde eben von diesen Hochflächen auf etwa 4 km eingeengt. Die darin vorhandenen Talsandinseln begünstigten die Überquerung der damals noch in mehrere Arme verzweigten Spree. Auf eben diesen Talsandinseln konnten im mittelalterlichen Berlin und Cölln die ersten Monumentalbauten der Stadt entstehen. Die Cöllner Talsandinsel lag etwa dort, wo sich heute an der Ecke Breite Straße/Mühlendamm die Bundesbaudirektion befindet. Auf den drei Berliner Talsandinseln wurden von Norden nach Süden die Marienkirche und der Neue Markt, das Berliner Rathaus - also heute der Standort des Roten Rathauses - und schließlich der Molkenmarkts mit der Nikolaikirche angelegt und errichtet. Schon mit der Gründung der Stadt zeigte sich auch räumlich die Verflechtung von Kirche und Bürgertum. Die Nikolaikirche war also seit der Gründung der Stadt Berlin - bis heute - durch ihre räumliche Nähe zu den Ratsstuben eng mit den Bürgern Berlins und ihren politischen Interessen verbunden.

Keineswegs gibt es trotz des prominenten Schutzheiligen Nikolaus und trotz der prominenten Lage bis heute gesicherte Kenntnisse darüber, wie alt die Kirche nun genau ist. Ebenso wenig kann das genaue Datum der Vorgängerbauten, auf denen das heutige Gebäude errichtet wurde, festgestellt werden. In einem später erstellten Verzeichnis der Indulgenz-, d.h. der Ablaßbriefe findet sich ein Hinweis auf einen Ablaßbrief aus dem Jahre 1202. Da dieser aber im Original verloren ist, können wir heute keine genauen Schlüsse mehr auf das konkrete Entstehungsjahr ziehen. Auf der linken Seite der im Kriege zerstörten Orgel war ein Hinweis angebracht, der auf das Renovierungsjahr 1223 schließen ließ. Dieser Hinweis kann als vollgültiger Beweis für ein genaues Alter aber auch nicht dienen.

Dagegen setzte die Erwähnung eines Probstes Simeon von Berlin in einer Urkunde vom 9. Januar 1245 das Bestehen der Pfarrkirche St. Nicolai voraus, wie sie etwa kurz nach der Gründung Berlins zwischen 1230 und 1240 entstanden sein muß. Diese Kirche wird von nur bescheidenem Umfang und Aussehen gewesen sein. Dennoch kann sie als das älteste in Stein errichtete Gebäude der Stadt Berlin gelten. Schon im Jahre 1264 wird sie urkundlich von den drei Pfarrkirchen der Doppelstadt Berlin und Cölln zuerst genannt.

Die alte Kirche stammt somit aus einer Zeit, als Berlin das brandenburgisch-magdeburgische Stadtrecht erhalten hatte. Erst im späten 14. und im Verlaufe des 15. Jahrhunderts entstand die heute in dieser Form wiederaufgebaute große Hallenkirche. Der heute noch bestehende Backsteinchor wurde 1379 begonnen. Dazu hatte der Erzbischof von Magdeburg die Mildtätigkeit der Gläubigen aufgerufen, zum Neubau etwas beizutragen. Doch schon wenige Monate danach wütete ein verheerender Brand in Berlin. Vom 10. auf den 11. August 1380 wurde die Nikolaikirche stark beschädigt. Danach hatte Papst Urban VIII. in Rom einen hunderttägigen Ablaß ausgeschrieben. Das Geld sollte dem Wiederaufbau zugute kommen. Etwa um 1400 wurde dieser neue Hallenumgangschor mit Randkapellen zwischen den Strebepfeilern vollendet.

Die Nikolaikirche ist das früheste Beispiel ihres Typs in der Mark Brandenburg. Diesem System des Chores, geringfügig abgewandelt, folgt auch das fünfjochige Langhaus, das aber erst in den neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts vollendet wurde. Gleichzeitig entstanden mit diesen Arbeiten am Langhaus die Anbauten. Dabei sei in erster Linie an die wiederaufgebaute Liebfrauenkapelle an der Südwestecke erinnert. Kurfürst Friedrich II. bestätigte am 25. August 1452 die Stiftung einer von dem Küchenmeister Ulrich Zeuschel errichteten Kapelle bei der Kirche. Diese zweistöckige Kapelle war für die Liebfrauen-Bruderschaft errichtet worden. In diesen Jahren wurde ebenfalls die zweigeschosssige Chornordkapelle für die Sakristei und die Bibliothek errichtet. Dazu kam jetzt ein über dem älteren und beibehaltenen Westbau - eben jener imposanten Quadersteinfassade - ein neuer asymmetrischer Turmaufbau mit achtseitigem Helm.

Meine Damen und Herren, ich möchte im weiteren nicht näher auf die vielen Altarstiftungen eingehen, die die Nikolaikirche in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erhalten hatte. Damit zolle ich dennoch den zum Teil im Besitz des Stadtmuseums Berlin erhaltenen Kunstwerken meinen Respekt. Ein Verzicht auf die weitere Aufzählung schmälert nicht den hohen kunstgeschichtlichen Rang der einzelnen sakralen Kunstwerke.

Der Wechsel in das neue Jahrhundert ging einher mit der neuen Lehre Luthers. Ab dem Jahre 1518 gingen die Spenden und Stiftungen, die auch zum Erhalt und zur weiteren Ausschmückung der Nikolaikirche gedacht waren, erkennbar zurück. Der Streit mit der katholischen Kirche und Lehre eskalierte drei Jahre später. Im Jahre 1521 weigerte sich der Rat der Stadt, an den Fronleichnamsprozessionen teilzunehmen. Die Gilden und Schulen der Stadt schlossen sich dieser Haltung an.

Kurfürst Joachim I. indes wandte sich gegen die reformatorischen Bestrebungen in den deutschen Ländern und in der Stadt Berlin. Er votierte gegen die Lehre Luthers und unterstützte im folgenden die drei katholischen Bischöfe von Havelberg, Brandenburg und Lebus. Der Besitz und der Ankauf von Büchern mit den Lehren Luthers wurde sogar im Jahre 1524 verboten. Obwohl die Stadt Berlin Residenz des brandenburgischen Kurfürsten war, waren die Bürger Berlins in ihrer politischen Haltung selbständig. Von je her begleitete das städtische Bürgertum die landesherrliche Politik mit großer Aufmerksamkeit. Der Residenzstatus der Stadt garantierte den brandenburgischen Herrschern aber keineswegs die politische Hörigkeit ad absolutum.

Der Streit zwischen dem städtischen Bürgertum Berlins und der Landesherrlichkeit weitete sich zusehends aus. Die Nikolaikirche stand auch räumlich in der Mitte der Auseinandersetzung. Im Osten lag in wenigen Schritten entfernt das Berliner Rathaus, im Südwesten das Cöllnische Rathaus, das auch lange dem Berliner Magistrat als Sitzungsort diente und im Nordwesten von der Kirche aus gesehen war die Zwingburg, das spätere Residenzschloß der Hohenzollern gelegen.

Der Kurfürst griff in die Geschicke der Stadt ein. Ein Messebesuch in den katholischen Kirchen der Stadt wurde angeordnet. Wer sich dem nicht fügte, mußte per Dekret mit der Pfändung seines Besitzes rechnen. Der Respekt vor der katholischen Geistlichkeit sollte auf diesem Wege wieder hergestellt werden. Da aber viele Berliner Studenten es vorzogen, in Wittenberg der Lehre Luthers zu lauschen und nicht in Frankfurt studieren wollten, geriet bald neues lutherisches Gedankengut in die Stadt. In der frühneuzeitlichen Gesellschaft suchten die Berliner Bürger nach einem eigenen Weg der religiösen und damit auch der politischen Inhalte.

Dabei wurden sie bald von einer prominenten Mitstreiterin begleitet. Die Kurfürstin Elisabeth, eine Schwester des dänischen Königs Christian II und gleichzeitig Nichte Friedrich des Weisen von Sachsen, empfing erstmals zu Ostern 1527 das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Friedrich der Weise hatte Luther auf der Wartburg bei Eisenach Exil gegeben und die Universität Wittenberg gegründet, an der eben Luther und Melanchton dozierten. Dennoch mußte die Kurfürstin wenige Monate darauf Berlin fluchtartig verlassen. Durch einen Seiteneingang wurde sie aus dem Berliner Schloß nach Sachsen verbracht und konnte erst 1555 - nach dem Tode Joachim I. - nach Berlin zurückkehren.

Auf Joachim I. folgten seine Söhne Joachim II. und Johann. Joachim II. zögerte, die Lehren Luthers anzunehmen, sein Bruder konvertierte 1538. Die Adligen und die Räte der Städte drängten den Landesherrn zur Reformation. Die Reformation in Brandenburg erfolgte damit auch "von oben". Jetzt baten auch die Berliner Bürger den Fürsten, am Abendmahl beiderlei Gestalt teilzunehmen. Es ist nicht ganz gesichert - aber mit großer Wahrscheinlichkeit - nahm der Kurfürst zum ersten Mal an einem protestantischen Gottesdienst in der Spandauer Nikolaikirche am 1. November 1539 teil. Es war der Tag der Reformation in der Mark Brandenburg und in Berlin.

Mit Rücksicht auf den Deutschen Kaiser, aber auch mit Rücksicht auf die jetzige Kurfürstin und seinen streng katholischen Schwiegervater, den polnischen König Sigismund I., hatte Joachim die entlegenere Spandauer Hauptkirche gewählt. Wäre dieser äußerst wichtige protokollarische Aspekt nicht gewesen, so hätte die Nikolaikirche oder mehr noch der alte Berliner Dom eher in Frage kommen können. Schon am nächsten Tage - am 2. November 1539 - wurden für die Berliner Bevölkerung festliche Gottesdienste im Dom und in der Nikolaikirche abgehalten. Es zeigt sich auch in dieser Epoche, daß es den Berliner Bürgern gelungen war, ihren politischen Weg selbstbestimmt zu gehen. Zwar kann hier im eigentlichen Sinne von einer modernen Demokratie noch nicht gesprochen werden, aber dennoch, meine Damen und Herren, zeigt sich an der Geschichte der Reformation der Wille und die Kraft des Berliner Bürgertums, ihre Geschicke eigenverantwortlich und selbstbestimmt durchzusetzen. Der Nicolaikirche kam dabei als zentralem öffentlichen Ort in der Altstadt eine besondere Bedeutung zu. Gerade in diesen Mauern hallte die neue Zeit und die neue Ordnung wider.

Im folgenden Jahrhundert, dem Jahrhundert des Großen Kurfürsten und des 30jährigen Krieges setzte sich der Religionsstreit fort. Es ging nicht länger um die Frage der katholischen oder protestantischen Hegemonie. Fortan wurde die geistige und geistliche Auseinandersetzung von der Frage bestimmt, welcher Lehre die Ausübung des Gottesdienstes - und die damit verbundene Abendmahlsfeier - folgen sollte. Lutheraner und Reformierte standen sich in der Zeit des Großen Kurfürsten unversöhnlich gegenüber. In diese Zeit gehört der Liederdichter Paul Gerhardt, der - ohne Zweifel - eine der schillerndsten Persönlichkeiten im Zusammenhang mit der Nikolaikirche war.

Paul Gerhardt wurde 1607 im sächsischen Gräfenhainichen geboren. Er hatte zunächst viele Jahre seines Lebens in Wittenberg verbracht und war Anhänger der lutherischen Lehre geworden. 1657 war Gerhardt von seiner Pfarrstelle in Mittenwalde nach Berlin berufen worden. Er bekleidete die zweite Pfarrstelle der Nikolaikirche. Als Gerhardt in Berlin ankam, war der Streit der Lutheraner und der Reformierten in vollem Gange. Ich möchte nicht weiter auf diesen Streit eingehen. Die beiden Toleranzedikte von 1662 und 1664, die der Große Kurfürst erlassen hatte, blieben ohne Erfolg. Darin verbot der Landesfürst den Geistlichen beider Anschauungen, übereinander herzuziehen. Die Geistlichen hatten sich schriftlich zu verpflichten, tolerant zu sein. Eine Verweigerung kam einem Verlust der Ämter gleich.

Am 16. Juni 1664 setzte sich Gerhardt von der hiesigen Kanzel mit den Reformierten sehr kritisch auseinander. Aus Gewissensgründen unterzeichnete er das kurfürstliche Toleranzedikt von 1664 nicht. Daraufhin hatte ihn der Große Kurfürst enttäuscht entlassen müssen. Die Berliner Bürger und der Magistrat setzten sich jetzt - wieder entgegen der landesherrlichen Auffassung - für ihren Prediger ein. Mit der Wiedereinsetzung Gerhardts zeigte sich einmal mehr der Durchsetzungswille der Berliner, für den einzelnen Bürger im besonderen und ihren Interessen im allgemeinen einzustehen. Es spricht aber auch für den Großen Kurfürsten, der trotz der angespannten Lage eine versöhnliche Lösung suchte.

Es war am Ende Gerhardt selbst, der weiteren Streitigkeiten aus dem Wege ging und entschied, im Jahre 1666 Berlin zu verlassen. Die letzten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er als Pfarrer in der kleinen kursächsischen Stadt Lübben. Die Bemühungen des Großen Kurfürsten, eine unierte protestantische Kirche durchzusetzen, waren die ersten in dem langen Glaubenskampf. Erst seinem Nachfahren, Friedrich Wilhelm III. war es am Reformationstag 1817, am 300. Jahrestag Luthers Thesenanschlags an die Schloßkirche in Wittenberg, möglich, eine Einheitskirche zu bilden. So stand von Anbeginn dieses schwierigen Prozesses an auch die Nikolaikirche in einer räumlichen Beziehung zu diesem großen historischen Prozeß. Paul Gerhardt hat viele berühmte Kirchenlieder komponiert. Ich mag nur "Befiehl du deine Wege" und "Oh Haupt voll Blut und Wunden" anführen.

Eine weitere bedeutende Persönlichkeit, die im 17. Jahrhundert in Berlin gewirkt hatte, ist mit der Nikolaikirche verbunden. Und das bis heute. Es handelt sich um Samuel Freiherr von Pufendorf, der 1632 im sächsischen Chemnitz geboren wurde. Lange in schwedischen Diensten, hatte der Jurist sich große Verdienste erworben. Er bereinigte die Jurisprudenz von der theologischen Scholastik, er trieb also die Säkularisierung der Wissenschaften verdientermaßen voran. Daneben verfaßte er Denkschriften über die mangelhaften öffentlichen Zustände des Deutschen Reichs. In seinem Todesjahr berief der Große Kurfürst den Gelehrten und schwedischen Staatssektretär an seinen Hof. Pufendorf bekleidete das Amt eines Kammergerichtsbeisitzers und eines Hofhistoriographen. Am 26. Oktober 1694 verstarb Pufendorf . Das Erbbegräbnis befindet sich bis heute rechts neben der Sakristei. Die durch ein schmiedeeisernes Gitter abgeschlossene Kapelle hat ein Kreuzgewölbe mit Stuckornamenten. In der Mitte ist das Pufendorfsche Wappen angebracht. Meine Damen und Herren, alleine dieses Erbbegräbnis ist - neben den vielen weiteren kunstgeschichtlichen Ausstattungsstücken in diesem Gotteshaus - immer wieder ein Grund, sich das Innere anzusehen. Ich bin mir sicher, Sie kennen alle dieses wunderbare barocke Kunstwerk. Ich bitte Sie, unter dem Blickwinkel des großen Werks von Pufendorf, sich ruhig noch einmal in Ruhe seine Ruhestätte anzusehen. Im Detail liegt der besondere ästhetische Reiz. Darüber hinaus kann ich nicht im folgenden auf alle anderen bedeutenden Kunstwerke eingehen. Das sprengte bei weitem den Rahmen und ginge auch über mein heutiges Thema hinaus.

Aber lassen Sie mich auf noch eine bedeutende Persönlichkeit hinweisen, die mit der Geschichte und den Geschicken der Nikolaikirche untrennbar verbunden ist. Es ist Philipp Jakob Spener, der 1635 im Oberelsaß geboren wurde. Spener ist der Begründer des Pietismus. Seine Ausbildung hatte Spener im deutschsprachigen Westen, u.a. in Basel und der Pfalz erhalten. Der Theologe wirkte in Straßburg, Frankfurt/Main und in Dresden. 1691, bereits in der Regentschaft Kurfürst Friedrich III., wurde Spener als Probst und Inspektor der Kirche zu St. Nicolai berufen. Spener wiederum gehörte den Reformierten an und setzte sich seinerseits scharf mit den Altlutheranern auseinander. Die Universität Wittenberg lehnte ihn ab, die von ihm gegründete Universität in Halle folgte seinen Ansichten.

Spener hielt die Totenrede für Pufendorf. Darin erwähnte er:

"Ich weiß von meiner Person keinen dieser Gemeinde zu nennen, der emsiger meine Predigten gehört hätte, so er meistens mit vieler Bewegung zu tun pflegte.''

Meine Damen und Herren. Über die Jahrhunderte hinweg ist die Nicolaikirche der Ort einer geistlichen und geistigen Auseinandersetzung. Von hier gehen theologische und politische Entwicklungen aus, die weit über die Stadt Berlin hinaus wirken. Das war vielleicht auch deshalb so, weil in der Nikolaikirche weder in Dingen der Religion, der Landesherrlichkeit noch der Stadt Berlin nur eine einzig gültige Meinung verbreitet wurde. Zwar kann auch in dieser Zeit im politischen Sinne noch von keiner Demokratie gesprochen werden. Hier zeigen sich aber schon mitten in der Epoche des Absolutismus die zentralen Voraussetzungen demokratisch verfaßter Gesellschaften. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und der Wille zum Dialog waren in dieser Kirche bereits gegeben. Das sind zwei Grundsätze, bis heute zum Fundament jeder freien Bürgerschaft gehören und die ich heute - als Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses - fordere, gewährleiste und verteidige. Vor diesem Hintergrund war die Nikolaikirche auch schon in dieser Zeit eine Wiege der Demokratie oder mindestens von demokratischen Prinzipien.

Meine Damen und Herren, bei meinem Weg durch die Jahrhunderte möchte ich jetzt eine Abkürzung einschlagen und ihren Blick auf den Beginn des 19. Jahrhunderts lenken. Es gibt ohne Zweifel auch lohnenswerte Episoden aus der Geschichte der Nikolaikirche im 18. Jahrhundert zu berichten. Aber wie kein zweites Ereignis steht die konstituierende Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 6. Juli 1809 für die Rolle der Nicolaikirche als Wiege der Berliner Demokratie. Hier wurde am selben Tage der erste Berliner Magistrat vereidigt. Der Ursprung der kommunalen Selbstverwaltung in einem konstitutionellen Verständnis wurde während der Besetzung Berlins durch die Napoleonische Armee gelegt. In Europa wurden in der Folge der Französischen Revolution im Westen die ancien régimes abgeschafft und im Osten die alten Mächte auf den Prüfstand gestellt. Reformen waren die Losung der Stunde.

Noch 1809 waren die Berliner skeptisch, ob sie sich - nach fast sechshundertjähriger Geschichte der Stadt - vollends selbst verwalten und selbstbestimmen sollten. In dem günstigen Reformklima des Freiherrn von und zum Stein, des Freiherrn von Hardenberg und anderer führenden Köpfe der preußischen Reformbewegung drängte der damalige Polizeidirektor und königliche Kommissar für die Einführung der Städteordnung, Justus von Gruner, auf den beschleunigten Vollzug des Gesetzes zur Einführung der kommunalen Selbstverwaltung.

Das Wahlrecht zu einem ersten Magistrat hatten damals aber nur weniger als 7% der Berliner. Voraussetzung für das aktive und passive Wahlrecht war der Besitz mindestens eines Hauses und/oder die Befugnis, ein städtisches Gewerbe betreiben zu dürfen. Berlin mit seinen 145.000 Einwohnern - also etwas mehr als heute alleine im Bezirk Prenzlauer Berg wohnen, den es damals noch gar nicht gab - wurde in insgesamt 102 Bezirke eingeteilt. Es war jeweils ein Bezirksverordneter zu wählen. Da der Wahlmodus an eine gottesdienstliche Handlung gekoppelt war, mußten die Kandidaten in den 22 Stadtkirchen gewählt werden. Da die Gotteshäuser aber nicht über eine ausreichende Kapazität verfügten, mußten die Kandidaten auf fünf aufeinander folgenden Tagen, vom 18. Bis zum 22. April 1809 gewählt werden. Die Listen der ersten 102 gewählten Abgeordneten wurden in den damals meist gelesenen Presseorganen, der Vossischen und der Spenerschen Zeitung veröffentlicht.

Die Abgeordneten waren auf drei Jahre gewählt und ehrenamtlich beschäftigt. 89 Mitglieder waren alleine Gewerbetreibende. Es gab nur acht Beamte in diesem ersten Vorläufer des heutigen Abgeordnetenhauses. Der einzige Jurist der Versammlung, der Kammerpräsident Leopold von Gerlach, wurde in diesem Gotteshause - einstimmig - zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Von Gerlach war somit mein erster Amtsvorgänger. Probst Johann von Ribbeck - später der erste Ehrenbürger von Berlin - hielt die Festpredigt. Der Oberpräsident der Kurmark, Johann August Sack, vereidigte die Magistratsmitglieder.

Die ersten Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung wurden unter anderem im Prinz-Heinrich-Palais, dem heutigen Gebäude der Humboldt-Universität abgehalten. Immer wieder mußten die Versammlungen in weitere private Domizile verlegt werden, bis erst mit der Vollendung des Roten Rathauses im Jahr der Reichsgründung eine würdige und ausreichende Tagungsstätte zur Verfügung stand. Im ersten Jahr wurden insgesamt 114 Sitzungen abgehalten, also nahezu jeden dritten Tag eine. Da die Sitzungen - anders als heute - nicht öffentlich waren, ist über deren Inhalte nicht viel bekannt. Zwar entsprach das Prozedere noch keineswegs im ganzen den heutigen Vorstellungen eines demokratischen Parlaments, aber dennoch ist deutlich zu sehen, daß die Grundlagen dazu in dieser Kirche gelegt wurden.

In diesem Sinne war die kommunale Selbstverwaltung Berlins im Kern auch ein erstes Modell für das spätere Preußische Abgeordentenhaus. Da erst 1848 das Verfassungsversprechen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. aus dem Jahre 1810 eingelöst wurde - das zur Gründung des Preußischen Herrenhauses und des Preußischen Abgeordnetenhauses führte - konnten und mußten die Berliner Bürgervertreter Vorreiter sein für die späteren Belange des gesamten Preußen. Somit möchte ich abschließend sagen, daß die Nikolaikirche nicht nur die Wiege der Berliner Demokratie ist, sondern im weitesten und geistigen Sinne auch die Wiege der Preußischen Demokratie.

Wir haben in diesem Jahr an den 150. Jahrestag der Revolution von 1848 erinnert, die der Durchsetzung des demokratischen Parlamentarismus einen weiteren, wesentlichen Impuls verliehen hat. Der Weg zur parlamentarischen Demokratie war uns mit der Gründung Berlins vor fast 800 Jahren sicher nicht in die Wiege gelegt, wenngleich die Wiege der Berliner Demokratie ganz sicher in der Nicolaikirche stand.

Die Gefährdung der Demokratie durch die beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf deutschem Boden, und die Teilung unserer Kontinants mitten in Berlin dürfen nicht unerwähnt bleiben. Ebenso der Bombenangriff im Sommer 1944, der dieser Kirche die beiden Türme gekostet hat, die in das Kirchenschiff gefallen waren. Kurz vor Kriegsende brannte dieses Juwel märkischer Backsteingotik noch vollständig aus. Die Ruine um ein fast völlig abgeräumtes Viertel ist den meisten von uns noch in heller Erinnerung. Erst Anfang der 80iger Jahre wurde in der DDR beschlossen, das Gotteshaus im Rahmen des gesamten Wiederaufbaus des Nikolaiviertels - möglichst nach historischen Vorbildern - wiederaufzubauen. Zur 750-Jahr-Feier Berlin-Osts präsentierte sich die Kirche in ihrer alten Schönheit. Die letzte Turmlösung vor der Zerstörung, die Doppelturmanlage des renommierten Architekten Hermann Blankenstein aus dem Jahre 1876-78, wurde nahezu detailgetreu wiederaufgebaut. Heute grüßen uns vertraut die alten und neuen Türme von St. Nicolai.

Ohne diesen Wiederaufbau wäre die älteste Kirche Berlins, die an Größe und Glanz möglicherweise nicht an die mittelalterlichen, norddeutschen Dome heranreicht, heute der Vergessenheit anheimgefallen. Mit dem Wiederaufbau kehrte auch sichtbar - trotz der eher kleinen Raummaße - die große Berliner, preußische und deutsche Geschichte zurück. Die konstituierende Sitzung des ersten Berliner Abgeordnetenhauses aber auch die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den ersten gesamtdeutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 29. Juni 1990 - von denen ich bereits zu Anfang meines Vortrages sprach - setzt im besten Sinne die Tradition fort, die den genius loci von St. Nicolai über die Jahrhunderte auszeichnet. Möge die Nikolaikirche auch folgenden Generationen als Raum der Geschichte, als Raum der geistigen Auseinandersetzung dienen, die das Gute für die Zukunft will. Ich danke Ihnen, meine verehrten Zuhörer und Zuhörerinnen, für Ihre Aufmerksamkeit.

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