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Einweihung des Gedenksteins für die Opfer des Stalinismus

28.02.2008 13:00, Zentralfriedhof Friedrichsfelde

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Walter Momper
11.12.2006, Zentralfriedhof Friedrichsfelde

Ansprache des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Walter Momper zur Einweihung des Gedenksteins für die Opfer des Stalinismus auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde am 11. Dezember 2006, 11.00 Uhr
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Dank der Arbeit des Fördervereins wurde die Gedenkstätte im vergangenen Jahr saniert und ein Wegeleitsystem für den Friedhof geschaffen. Das haben wir am 11. Januar in diesem Jahr der Öffentlichkeit übergeben.

Damals war schon davon die Rede, dass hier – an diesem so geschichtsträchtigen Ort – auch der Opfer des Stalinismus gedacht werden müsste. Die Anregung dazu kam von Seiten der PDS, aber sie wurde vom Förderkreis gern aufgenommen. Denn Geschichte ist immer vielfältig und facettenreich. Wenn man sich erinnert, dann muss man sich an alles erinnern. An alle Facetten der Geschichte, an alle Seiten, die dunklen, wie die hellen Seiten der Geschichte. Geschichte, unsere Geschichte, holt uns immer wieder ein. Elemente der Geschichte kann man nicht ausblenden oder ignorieren.

Ursprünglich war im Förderverein überlegt worden die Inschrift „Den Opfern des Stalinismus“ an einer der freien Wände der Gedenkstätte selbst anzubringen. Das ließ sich mit Rücksicht auf den Denkmalschutz nicht verwirklichen. Deshalb hat sich der Förderkreis für einen Stein an dieser Stelle am Rande der Gedenkstätte entschieden.

Es ist kein Zufall, dass das Material, aus dem der Gedenkstein gearbeitet ist – roter Porphyr - , das gleiche Gestein ist wie der Stein der Gedenkstätte. Dieser Stein soll die Gedenkstätte ergänzen, indem er einen historischen Aspekt ins Rampenlicht rückt, den manch einer - zumal an diesem Ort - lieber verschweigen würde. Er ist aber kein Gegenstück zur Gedenkstätte, dazu wäre er auch in seinen Dimensionen zu bescheiden (40X60 cm). Er ist eine - notwendige - Ergänzung.

Es hat in der Geschichte des Sozialismus - auch auf deutschem Boden - Verirrungen in die Unmenschlichkeit gegeben. Viele, auch solche, die treu zu den Ideen des Sozialismus standen, haben darunter gelitten. Die physischen wie psychischen Wunden, die den Opfern zugefügt wurden - wenn sie nicht gar ums Leben kamen - sind tief. Manche sind auch später wieder rehabilitiert worden. Einige von ihnen haben sogar hier in und bei der Gedenkstätte ihre letzte Ruhestätte gefunden. Diesen Menschen - den Opfern - ist der Stein gewidmet. Aber er kennt keine Einschränkungen oder Ausgrenzungen. Die Inschrift "Den Opfern des Stalinismus" umfasst alle Opfer. Und so soll es auch durchaus sein. Denn man kann nicht nur einzelner Opfergruppen gedenken und andere außen vor lassen.

Wenn wir heute vom Stalinismus reden, dann denken wir natürlich vor allen und in erster Linie an die unzähligen Opfer des Stalinismus in der Sowjetunion selber. Wir denken an die deutschen Opfer der stalinschen sogenannten "Säuberungswellen". Wir können sie nicht alle nennen, aber stellvertretend wollen wir mit dem Stein der Kommunisten gedenken, die - obwohl sogar Mitglieder des Politbüros der KPD - von Stalins Schergen ermordet wurden: Heinz Neumann, Leo Flieg, Hermann Remmele und Fritz Schulte. Und viele andere, die ich hier nicht nennen kann. Ihre Zahl ist unendlich.

Wir denken an die, die Opfer stalinistischer Säuberungen in der DDR wurden. Ich will hier nur Walter Janka, Gustav Just, Wolfgang Harich und Robert Havemann stellvertretend für alle die anderen nennen, die eingekerkert wurden, aus der DDR verwiesen oder drangsaliert wurden. Die Zahlen der Opfer und die verschiedenen Gruppen der Opfer sind riesengroß.

Und schließlich will ich an die denken, die als Sozialdemokraten, als Demokraten, als Christen oder auch als ganz unpolitische Menschen Opfer der stalinistischen Verfolgungen durch die Sowjetische Besatzungsmacht in Deutschland oder der Behörden der DDR wurden, weil sie für ihre politische Überzeugung einstanden oder auch, weil sie der Besatzungsmacht oder den DDR-Behörden schlicht im Wege standen. Auch sie sind Opfer des Stalinismus geworden. Stellvertretend für die unübersehbare Zahl der Opfer will ich hier nur den Polizeimajor Karl Heinrich, den Arbeitsamtsdirektor Paul Volkmann, den Journalisten Walter Linse und den Studenten Georg Wrazidlo nennen. Sie sind Oper des Stalinismus geworden. Dieser Gedenkstein erinnert auch an sie.

Man sieht an dieser kurzen und groben Aufzählung, wie vielfältig und vielschichtig das Erinnern an die Opfer sein kann und sein muss. Das ist richtig und ist auch notwendig. Auch wenn der Stein damit für manche zu einem Stein des Anstoßes wird. Anstöße, vor allem Denkanstöße, sind immer hilfreich. Gerade an Orten wie diesem, wo man sich mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auseinander setzen muss. Und es auch will, sonst wäre man nicht hier hergekommen.

Die Gedenkstätte ist nun mal nicht nur Friedhof, sie ist vor allem ein einzigartiges Geschichtsdenkmal. Die Gedenkstätte kann deshalb nicht nur ein Ort sein, wo man seiner Vorkämpfer gedenkt, so wie man sie sieht. Sondern: Sich stärker mit der Geschichte zu befassen, sie von allen Seiten zu betrachten, dazu soll der Stein einen Beitrag leisten. Denn nur wer aus der Geschichte lernt, kann die Fehler der Vergangenheit begreifen und für die Zukunft vermeiden.

Ich wünsche diesem Ort und diesem Stein viele nachdenkliche Besucher.

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