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Empfang aus Anlass des 80. Geburtstages von Walter Sickert

17.02.1999, Abgeordnetenhaus von Berlin

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Prof. Dr. Herwig Haase
17.02.1999, Abgeordnetenhaus von Berlin
80. Geburtstages von Walter Sickert

Das Wichtigste zuerst: Lieber Herr Sickert, ganz herzliche Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag. Nachträglich - denn wir haben Ihren Wunsch respektiert, den 2. Februar im kleinen Kreis zu feiern.

Das Abgeordnetenhaus von Berlin gratuliert seinem ehemaligen Präsidenten, der DGB Berlin seinem langjährigen Vorsitzenden.

Man hat mir berichtet, dass Sie vor einigen Wochen im Hinblick auf den heutigen Empfang freundlich lästernd gesagt haben: "Da werde ich mir ja wieder allerhand anhören müssen..."

Lieber Herr Sickert, das müssen Sie !

Wer die Nachkriegsgeschichte in Berlin so stark mitgestaltet und mitgeprägt hat, muss es hinnehmen, dass sein 80. Geburtstag öffentlich gewürdigt wird.

Die große Zahl namhafter Gäste heute abend ist Ausdruck des hohen Ansehens, das Sie auch nach Ihrem Abschied von der Politik über Parteigrenzen hinweg genießen. Unter den Gästen sind viele, die in politisch bewegten Zeiten an Ihrer Seite standen, aber auch viele, die Ihre Auffassungen nicht immer teilten. Denn mancher hatte es nicht leicht mit Ihnen, lieber Herr Sickert - aber das ist nun mal das Schicksal jener, die den geraden Weg gehen, ihre Überzeugung konsequent vertreten und deshalb für viele unbequem sind.

Georg Christoph Lichtenberg hat gesagt:

"Der gerade Weg ist der kürzeste, aber es dauert meist am längsten, bis man auf ihm zum Ziele gelangt".

Ihre Ziele haben Sie, lieber Herr Sickert, dann aber doch immer erreicht...

Zu Ihrem 80. Geburtstag hat Ihnen der "Tagesspiegel" bescheinigt, dass Sie "hart wie Beton" sein konnten, wenn es um den Kampf gegen Feinde der Demokratie ging, und die "Berliner Morgenpost" würdigt Sie als "eine der großen Führungsfiguren der West-Berliner Nachkriegspolitik" und als "politische Legende".

Nun, ich freue mich, diese "Legende" hier in so guter Verfassung vor mir zu sehen...

Der Blick auf Ihre Biografie bestätigt, dass Sie Ihren Weg mit Überzeugungstreue, Beharrlichkeit und Erfolg gegangen sind. Es war ein Weg mit vielen Stationen und Erfahrungen.

Sie wurden als sechstes von sieben Kindern einer sozialdemokratisch geprägten Familie in Hamburg geboren und haben sich bereits im Alter von 9 Jahren - ich wiederhole: 9 - in einer linken (!) Jugendorganisation engagiert.

Auch nach deren Verbot im Jahre 1933 haben Sie sich illegal weiter politisch betätigt. 1934 und 1935 wurden Sie von den Nationalsozialisten für mehrere Monate ins Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel gebracht, und nur Ihr jugendliches Alter bewahrte Sie vor einem Hochverratsprozess.

Ab 1936 waren Sie dann - nach Abschluss der Lehre - als Schlosser und Maschinenbauer tätig; 1937 fuhren Sie als Maschinenaspirant zur See, bis Sie zu Arbeits- und Wehrdienst eingezogen wurden.

1945 kamen Sie nach Berlin, gehörten 1946 bis 1947 der Berliner Polizei an, gingen dann aber als Schlosser und Rohrleger zur Wohnungsbaugesellschaft GEHAG, wo Sie 1949 Betriebsratsvorsitzender wurden.

In den folgenden Jahren waren Sie nacheinander Vorstandsmitglied, ehrenamtlicher Vorsitzender und Geschäftsführer der IG Bau-Steine-Erden und schließlich im Februar 1960 Vorsitzender des DGB Berlin.

An der Spitze der Berliner Gewerkschaften waren Sie so erfolgreich, dass Sie 22 Jahre lang immer wiedergewählt wurden.
Walter Sickert war in Berlin eine Institution.

Als Sie im Februar 1982 aus Altersgründen nicht wieder kandidierten, war Ihr Ruf über die Stadt hinaus legendär.

Für Sie, lieber Herr Sickert, war es nahezu selbstverständlich, die Gewerkschaftsarbeit mit politischem Engagement zu verbinden.

Seit 1948 gehören Sie der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, und vom 1963 bis 1981 waren Sie Mitglied des Abgeordnetenhauses. Von April 1967 bis April 1975 waren Sie Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, anschließend bis 1981 Stellvertretender Präsident.

Neben dem beruflichen und politischen Engagement habe Sie stets zahlreiche Ehrenämter übernommen: Sie waren Arbeits- und Sozialrichter, später Richter am Bundesarbeitsgericht in Kassel und außerdem Mitglied in Aufsichts- und Beiräten.

12- bis 15-Stunden-Tage waren also eine Selbstverständlichkeit für den Mann, der als Gewerkschaftler eigentlich doch für Arbeitszeit-Verkürzungen eintrat...

Lieber Herr Sickert, Sie waren und sind ein kämpferischer Demokrat. Bereits unmittelbar nach dem Kriegsende habe Sie sich gewerkschaftlich engagiert und eindeutig Position bezogen gegen jene, die damals die Gewerkschaften unter SED-Einfluss bringen wollten.

Als es darum ging, in Berlin politisch den Kurs zu bestimmen, haben Sie sich an Otto Suhr und Jakob Kaiser orientiert - unabhängig von deren unterschiedlicher Parteizugehörigkeit.

Schon damals war es Ihre Überzeugung, dass die Demokraten über Parteiunterschiede hinweg zusammenstehen müssen, wenn es um gemeinsame Werte, um Demokratie und Rechtsstaat geht.

Sie waren und sind Sozialdemokrat aus Überzeugung, aber Sie haben in den Jahrzehnten Ihrer politischen Arbeit - zum Unwillen mancher - über die Parteigrenzen hinausgeblickt und auf den Grundkonsens der Demokraten hingewiesen, wo immer dies erforderlich schien.

Ernst Reuter hat 1953 - wenige Monate vor seinem Tod - gesagt:

"Wir brauchen klare, feste Führungen von Männern, die den Geist der Zeit verstehen, und wir brauchen in allen Parteien Menschen, die über ihre Nasenspitze hinaussehen und das Große und Ganze wichtiger ansehen können als die kleinen Dinge".
Sie, Herr Sickert, gehören zu denen, die den Geist der Zeit verstanden, sich aber nicht jeder politischen Modeströmung anschlossen, sondern festhielten an Ihrer Überzeugung, die durch Erfahrung vielfach bestätigt und durch den Blick auf das Ganze geprägt war.

Sie haben Ihre Auffassungen stets auch dann geradlinig und offen vertreten, wenn Sie nicht mit Beifall rechnen konnten.

Mit dieser konsequenten Haltung, die ein großes Maß an innerer Unabhängigkeit und politischer Standfestigkeit und Zivilcourage erfordert, haben Sie ein Beispiel für Glaubwürdigkeit in der Politik gegeben, das in die Zukunft hineinwirkt.

Demokratie braucht die Glaubwürdigkeit ihrer Repräsentanten - und sie braucht kämpferische Demokraten:

- Politiker und Bürger, die aufstehen und gegenhalten, wenn der Rechtsstaat von seinen Gegnern verächtlich gemacht oder beschädigt wird;

- Politiker und Bürger, die wissen, dass Überzeugungstreue und Mut zu den Fundamenten der Demokratie gehören, und die danach handeln.

Lieber Herr Sickert, für Ihre großen Verdienste sind Sie durch die Bundesrepublik Deutschland und durch die deutsche Hauptstadt geehrt worden: mit der höchsten Stufe des Bundesverdienstkreuzes, mit der Ernst-Reuter-Plakette und der Würde eines Stadtältesten von Berlin.

Ihre jahrzehntelange politische und gewerkschaftliche Arbeit hat unsere Stadt in schwierigster Zeit geprägt.

Ohne die Entschlossenheit, den Mut und die Beharrlichkeit der Berlinerinnen und Berliner und jener, die damals im freien Teil der Stadt Verantwortung trugen, gäbe es heute kein in Freiheit wiedervereinigtes Berlin.

Auch daran denken wir an Ihrem Ehrentag, lieber Herr Sickert.

Berlin hat Ihnen viel zu verdanken.

Mit unserem Dank verbinden wir die besten Wünsche für Ihr persönliches Wohlergehen - und die Hoffnung, dass wir von unserem Stadtältesten Walter Sickert noch so manchen guten Rat und manche kritische Anmerkung erhalten werden.

In diesem Sinne nochmals: herzlichen Glückwunsch und alles Gute für Sie und Ihre Frau.

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