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Feierliche Enthüllung des Kunstwerkes "Perspektiven"

06.09.2007 15:00, Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin

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Walter Momper
06.09.2007, Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, anlässlich der feierlichen Enthüllung des
Kunstwerkes "Perspektiven" im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin am 6. September 2007 um 15 Uhr
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- Es gilt das gesprochene Wort -

Wir wollen heute die von Volker Bartsch gestaltete Großskulptur "Perspektiven" enthüllen. Diese Skulptur soll Symbol sein für die Freiheit des Denkens und die freie Entfaltung des Individuums. Sie wird ein Mahnmal sein für die Studenten von heute und für die von morgen, sich für Freiheit und Demokratie aktiv einzusetzen und sie zu verteidigen. Sie weist in die Zukunft, wie der Name "Perspektiven" schon sagt.

Im Namen von Abgeordnetenhaus und Senat danke ich dem Bankhaus Oppenheim für die großzügige Stiftung dieser hervorragenden Skulptur. Das ist ein großes Geschenk für uns alle.

Die Skulptur erinnert aber auch an die Vergangenheit. Sie ist auch Mahnmal zur Erinnerung an die Studenten der Freien Universität, die in den Gründungsjahren und danach Opfer des Stalinismus und Opfer des Kalten Krieges wurden. Das ist Teil der Gründungsgeschichte der Freien Universität. Der Mut und die Tapferkeit der Gründungsgeneration der FU gehört zum Fundament der Freien Universität. Zwischen 1950 und 1953 verhafteten der sowjetische und der ostdeutsche Geheimdienst fast 1.000 Deutsche. Sie kamen aus allen Gesellschaftsschichten. Die üblichen Anklagepunkte waren Spionage oder Landesverrat. Aber es gab, wie wir später sehen werden, auch andere Anklagepunkte, die bereits zur Verhaftung, wenn nicht zur späteren Hinrichtung führten. Unter den fast 1.000 zum Tode verurteilten Menschen waren 112 aus West-Berlin, darunter die zehn vermissten Studenten, an die wir uns heute in besonderer Weise erinnern wollen.

Die Opfer verschwanden von der Straße oder sie wurden in der Nacht verhaftet. In wenigen Fällen wurde den Familien bekannt, was aus ihren Söhnen oder Vätern geworden war. Sie wurden verhaftet, verschleppt, verurteilt und - wie die zehn Studenten, um die es hier geht - hingerichtet. Alles wurde getan, um die Spuren dieser Opfer zu verwischen.

Erst Jahrzehnte später konnte mit der Aufarbeitung begonnen werden. Nach 50 langen Jahren konnten unbekannte und geschlossene Akten sowohl in den deutschen wie in den russischen Archiven eingesehen und ausgewertet werden.

An dieser Stelle ist der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" und dem privaten Berliner Historischen Institut "Facts and Files" für ein gemeinsames großes Forschungsprojekt zu danken. Sie fanden Akten über die Verurteilungen und über die Hinrichtungen. Memorial wurde von einer Gruppe von Abgeordneten des Europäischen Parlaments für den Friedensnobelpreis 2007 vorgeschlagen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist eine wichtige und nicht zu unterschätzende Arbeit für den Frieden in Europa.

Es gelang den Forschern auch, Angehörige ausfindig zu machen. Diejenigen Angehörigen, die heute anwesend sein können, möchte ich deshalb noch einmal ganz herzlich begrüßen. Nach Jahrzehnten endlich Klarheit zu haben, was war, gibt auch die Möglichkeit seinen individuellen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen.

Das Schicksal der vielen "Verschwundenen" zu klären, war in den 50er und 60er Jahren ein großes Thema in der Ost-West-Politik. Otto Suhr, dessen 50. Todestags wir in diesem Jahr gedenken, hat, wie andere westliche Politiker auch, bereits damals vergeblich versucht in Erfahrung zu bringen, was aus den verschwundenen Studenten der Freien Universität Berlin und Deutschen Hochschule für Politik geworden war. Die Sowjetbehörden und die Ulbricht-Grotewohl-Regierung verweigerten jede Auskunft.

Am 12. Juni 1947 hatte die Berliner Stadtverordnetenversammlung einen Appell aller Fraktionen an die sowjetischen und ostdeutschen Behörden beschlossen: „1. die Namen aller Zivilpersonen, die sich im Gewahrsam einer Besatzungsmacht befinden, bekannt zu geben, 2. einen Schriftwechsel dieser Personen mit Angehörigen zu genehmigen, 3. im Falle des Todes den Angehörigen Nachricht zu geben.“

Ein halbes Jahr später stellte Otto Suhr in der Stadtverordnetenversammlung fest, dass die Rechtsunsicherheit in Berlin durch das Verschwinden von Menschen gekennzeichnet sei. Dass Personen verschwanden, das war Alltag in Berlin und in der Sowjetischen Besatzungszone.

Die verschwundenen Studenten, die wir heute ehren wollen, wurden in geheimen Verhandlungen vor sowjetischen Militärtribunalen in der DDR zum Tode verurteilt und später vom sowjetischen Geheimdienst in getarnten Eisenbahnwaggons nach Moskau gebracht und dort ermordet. Eine Zwischenstation war für sie das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen, das ab 1951 von der Staatssicherheit der DDR übernommen worden war, ein Ort des Grauens und des Leidens.

Wir gedenken heute der Studenten
Günter Beggerow,
Peter Püschel,
Fritz Nikolaus Flatow,
Friedrich Prautsch,
Aegidius Niemz,
Karl-Heinz Wille,
Werner Schneider,
Kurt-Helmar Neuhaus,
Günter Malkowski
und
Wolf Utecht.

Jeder einzelne von ihnen hatte eine Perspektive: ein Leben in Freiheit, eine berufliche Laufbahn, Familien und Freunde.

Die Studenten, an die heute gedacht und die heute geehrt werden sollen, waren in eine Zeit geboren worden, in der Unterdrückung, Ausgrenzung und Verfolgung an der Tagesordnung waren. Sie hatten die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, den Tiefpunkt deutscher Geschichte erlebt, sie hatten den Krieg durchlitten. Nach der Zeit der Diktatur, der Zeit des Terrors, hatten sie den Willen, ein neues Deutschland entstehen zu lassen und es mit zu gestalten, und zwar in Freiheit. Sie wollten ein freiheitliches Deutschland.

Sie wurden Opfer, weil sie für ihre politische Überzeugung einstanden oder auch, weil sie der sowjetischen Besatzungsmacht oder den DDR-Behörden schlicht im Wege standen.

Wer waren die verschwundenen Studenten? Was ist über sie bekannt? Ich will stellvertretend für alle genannten hier einen von ihnen vorstellen:

Günter Beggerow wurde 1928 geboren und musste als 15jähriger Junge miterleben, dass sein Vater nach dem 20. Juli 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt, schließlich begnadigt und in ein Konzentrationslager eingewiesen wurde. Nachdem Günter Beggerow aus politischen Gründen eine Ausbildung an der Rostocker Fachhochschule für Wirtschaft und Verwaltung von den dortigen Behörden verwehrt worden war, floh er nach West-Berlin und wurde Student an der Deutschen Hochschule für Politik. Er begann ein Volkswirtschaftsstudium an der FU. Am 28. Februar 1952 wurde er wegen Militärspionage für den amerikanischen Geheimdienst zum Tode verurteilt und am 28. Mai 1952 in Moskau hingerichtet.

Bis auf Günter Malkowski und Karl-Heinz Wille, wo die Verfahren noch laufen, wurden alle Studenten durch Entscheidung der Militärhauptstaatsanwaltschaft in Moskau posthum rehabilitiert.

Sie sind für die Freiheit gestorben. In unserer Erinnerung aber leben sie weiter. Die Opfer mahnen, dass Freiheit stets neu erarbeitet und verteidigt werden muss. Ich wünsche mir, dass die Skulptur „Perspektiven“ eine Mahnung für uns alle ist, Geschichte nicht zu vergessen und bereit zu sein, die Freiheit jeden Tag neu zu verteidigen.

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