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Gedenkrede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, bei der Übergabe der ersten Gedenkstelen für Maueropfer durch die Stiftung Berliner Mauer

07.11.2009 11:00

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Walter Momper
07.11.2009,

- Es gilt das gesprochene Wort -

Als an jenem 13. August 1961 Berlin von den SED-Machthabern geteilt wurde, starrten die Menschen hilflos und wütend auf die immer höher wachsende Mauer, auf Stacheldraht und Absperrungen, die die Teilung Berlins und Deutschlands im wahrsten Sinne des Wortes zementierten.

Wir erinnern heute an die Opfer jener Mauer, die vor 48 Jahren mitten durch Berlin und um West-Berlin herum hochgezogen wurde. Sie trennte fortan eine Millionenstadt, sie trennte Familien, Freunde, Bekannte, Kollegen, Verliebte. Zahllose menschliche Bande wurden zerrissen, Straßen und Schienensträge wurden zu Sackgassen oder endeten im Niemandsland.

Die Menschen, die es damals miterleben mussten, haben es bis heute genau im Gedächtnis, wie sie vom Bau der Mauer erfuhren und was sie dabei empfanden. Auch heute noch berührt es, wenn Menschen davon berichten, was der Bau der Mauer für ihr ganz persönliches Leben bedeutete; auch heute noch macht es betroffen, von den Schicksalen auseinander gerissener Familien zu hören. Es sind ja immer die Einzelnen, die Menschen, die unter den Folgen politischer Taten zu leiden haben.

Die Teilung Europas, Deutschlands und Berlins war ein Ergebnis des Zweiten Weltkriegs, der von der NS-Diktatur angezettelt worden war. Die Alliierten, die Deutschland eroberten, die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich, sie gaben in ihren jeweiligen Besatzungszonen die Richtlinien gemäß ihrer politischen Systeme vor. Und mit dem beginnenden Kalten Krieg teilte sich die Welt mehr und mehr in eine östliche und eine westliche Einflusssphäre. Wie tief dieser Graben war, das wurde mit dem Bau der Mauer manifest.

Heute wissen wir, dass dieser so genannte Eiserne Vorhang nicht für alle Zeiten herunterging. Er bekam Löcher und schließlich, 28 Jahre später, am 9.November 1989, konnten wir den Fall der Mauer feiern. Die Deutschen waren das glücklichste Volk auf der Welt. Wenige Monate später war die Teilung überwunden und es wuchs wieder zusammen, was zusammengehörte.

Mittlerweile sind die meisten Spuren der Mauer und der Sperranlagen längst verschwunden. Um ihren einstigen Verlauf an Ort und Stelle zu finden, braucht man meist alte Stadtpläne und Landkarten. Doch die Spuren der Teilung, sie sind immer noch greifbar.

28 Jahre Mauer – das ist, auf einen Menschen bezogen, fast ein halbes Leben. 28 Jahre Mauer – das heißt, zahlreiche Jahrgänge sind mit dem Eisernen Vorhang, sind mit einer nur schwer und für viele gar nicht zu überwindenden Grenze, sind mit der Existenz zweier deutscher Staaten aufgewachsen.

Nach dem 13. August 1961 haben Familien nur noch durch Briefe voneinander erfahren und manchmal überhaupt nichts mehr; Großeltern haben nicht mehr miterlebt, wie ihre Enkelkinder heranwuchsen.

Liebespaare konnten nicht mehr zueinander kommen; Freunde haben sich aus den Augen verloren; Ost- und Westdeutsche wussten immer weniger voneinander. Während anderswo Grenzpfähle verschwanden, stand die deutsch-deutsche Grenze fest einbetoniert da. Wie das war, das können sich junge Menschen, die erst in den letzten beiden Jahrzehnten geboren wurden, nur noch schwer vorstellen.

Auch 1961 war es für viele kaum vorstellbar, dass die Deutschen in Ost und West so rigoros voneinander getrennt werden und eine so konträre Entwicklung nehmen sollten. Bis zum Bau der Mauer hatten noch etwa 53.000 Bewohner Ostberlins und der DDR in Westberlin gearbeitet und gegenseitige Besuche waren durchaus möglich und üblich. Allerdings rechneten viele Menschen in jenem Jahr damit, dass die SED irgendwelche Maßnahmen gegen die Flüchtlingsbewegungen ergreifen würde.

Denn zwischen 1949 und August 1961 hatten über 3,1 Millionen Menschen die DDR Richtung Westen verlassen. Unter ihnen befanden sich viele Facharbeiter und Akademiker und fast die Hälfte der Flüchtlinge war jünger als 25 Jahre. Es war ein Aderlass, der der DDR zusetzte und den die Machthaber in Ost-Berlin mit einer drastischen, unmenschlichen Aktion zu stoppen suchten.

Doch auch die Sperranlagen waren nicht völlig unüberwindbar. Wir alle sehen wohl noch die Bilder vor uns, wie in Berlin Menschen in Häusern direkt an der Mauer aus den Fenstern in den Westteil sprangen; wir kennen die Berichte von spektakulären Fluchthergängen – und wir wissen, wie viele Menschen ihren Fluchtversuch mit dem Leben bezahlen mussten, Jürgen Liftin, das erste Opfer der Mauer, der im August 1961 von Trapos in der Spree erschossen wurde, von Peter Fechter, verblutet am 17. August 1962, bis zu Chris Gueffroy, der als letzter „Mauertoter“ am 6. Februar 1989 umkam. Viele Bürgerinnen und Bürger der DDR wollten in Freiheit leben. Sie wollten nicht auf ewig eingesperrt sein in ein einem System, das seine Bürger bevormundete und bespitzelte.

Der Bau der Mauer stellte einen tiefen Einschnitt in der deutschen Geschichte dar. Er teilte diese Stadt, er teilte zwei immer noch aufeinander bezogene deutsche Staaten, Und viele Menschen, die das damals vor 45 Jahren erleben mussten, fühlten sich im Stich gelassen.

Aber sie wollten die Trennung nicht einfach hinnehmen. Die ganzen drei Jahrzehnte hindurch, in denen die Mauer stand, fanden unterschiedlichste Bemühungen statt, Kontakt aufzunehmen, die Absperrungen durchlässiger zu machen, die Teilung zu überwinden. Und schließlich, 1989, gelang es den Bürgerinnen und Bürgern der DDR, die für ihre Freiheitsrechte wochenlang auf die Straße gegangen waren, die Mauer zu Fall zu bringen – und damit auch die Teilung Deutschlands und Europas aufzuheben.

Und wir können dankbar sein, dass die deutsche Geschichte trotz der schrecklichen Konsequenzen der NS-Herrschaft und der Anzettelung eines furchtbaren Weltkriegs diese glückliche Wende genommen hat. Die Mauer hat viel zerstört. Aber sie konnte überwunden werden.

Heute nun wollen wir mit der Enthüllung von Gedenkstelen den Opfern der Mauer gedenken, die zwischen 1966 und 1990 in diesem Bereich an der Grenze zum ehemaligen westlichen Teil der Stadt bei der Flucht von Ost nach West erschossen oder bei einem Unfall getötet wurden.

Die Mauer, an der von östlicher Seite auf alle geschossen wurde, die die DDR und Ost-Berlin verlassen wollten, wurde zum Symbol einer menschenverachtenden Politik. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist eine DDR-Nostalgie, die heute immer noch sichtbar wird, wenig verständlich. Den Opfern von Mauer und Schießbefehl sind wir es schuldig, sie nicht zu vergessen. Deshalb ist es gut, dass am ehemaligen Grenzverlauf in Berlin an jedes einzelne Schicksal erinnert wird.
Ich danke den Initiatoren für dieses Erinnerungsprojekt und allen, die hierzu ihren Beitrag geleistet haben und noch leisten werden.

Mögen viele Menschen in der Zukunft an diesen Gedenkstelen innehalten und erkennen, dass die Freiheit jedes einzelnen Menschen unteilbar ist. Zu jeder Zeit – überall!
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