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Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

09.11.1999, Jüdisches Gemeindehaus

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Prof. Dr. Herwig Haase
09.11.1999, Jüdisches Gemeindehaus
Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938

Der 9. November ist ein geschichtsschwerer Tag. Er ist damit in tragischer Weise ein deutscher Tag. Draußen in der Stadt wird der Tag des Mauerfalls gefeiert. Hier drinnen im Jüdischen Gemeindehaus haben wir uns versammelt zu einer Stunde des Erinnerns, der Trauer, des Nachdenkens und der Besinnung. Ich will an einem Erlebnis deutlich machen, welche Hoffnung Sie, sehr verehrter Herr Gorbatschow und Herr Bush, uns mit dem Geschenk der Einheit unsere Stadt wiedergegeben haben.

Meine Frau und ich lebten in diesem Frühjahr für wenige Wochen in Netanja, der kleinen israelischen Küstenstadt, die in diesen Tagen wegen politisch motivierter Gewaltakte im Mittelpunkt der Berichterstattung stand. Anlässlich eines Jerusalem-Besuches unterhielt ich mich mit einem jungen Israeli. In diesem sehr intensiven, auf Englisch geführten Gespräch fragte er mich plötzlich, aus welcher Stadt der Vereinigten Staaten ich käme. Ich blickte auf das Zionstor, auf die Kirche "St. Peter zum Hahnenschrei" und antwortete: "Ich komme aus Berlin!"

In diesem Moment dachte ich an den 9. November 1938. Mein Gesprächspartner aber dachte an den 9. November 1989. Er berichtete von seiner Freude über den Fall der Mauer und die wiedervereinigte Stadt. Eine Stunde des Gedenkens wie die heutige, ist kein Ritual. Sie nimmt jeden von uns in Anspruch, sie berührt unsere Erinnerung und unsere Gefühle.

Roman Herzog hat gesagt:
"Wir brauchen eine lebendige Form der Erinnerung. Sie muss Trauer ü ber Leid und Verlust zum Ausdruck bringen, aber sie muss auch zur steten Wachsamkeit, zum Kampf gegen Wiederholung herausfordern, sie muss Gefahren für die Zukunft bannen."

Erinnerung als Herausforderung zur Wachsamkeit: Meine Damen und Herren, in einem Land,
- in dem heute vor 61 Jahren - in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 - Synagogen, Gemeindebüros, Wohnungen und Geschäfte von Bürgern jüdischen Glaubens in Flammen standen, in der viele Familien Angst vor ihren Mitbürgern hatten,
- in einem Land, in dem in einer Nacht in einer staatlich sanktionierten Mordaktion Menschen erschlagen und Zehntausende in Konzentrationslager verschleppt wurden,
- in d i e s e m Land wird Erinnerung stets die Herausforderung zur Wachsamkeit sein.

Eine solche Stunde der Trauer um die Opfer und der Besinnung ist immer auch der Versuch, zu begreifen, was unbegreiflich ist, zu fassen, was unfassbar bleibt. Der 9. November 1938 war ein tiefer Einschnitt in die Geschichte unserer Stadt; er war der B e g i n n des Holocaust.
In dieser Nacht - und in den Jahren danach - quälten, ermordeten Deutsche ihre Nachbarn, weil diese jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft waren. Sie zerstörten alles, was diesen heilig war - und sie zerstörten letztlich sich selbst.

An jenem 9. November 1938 und in den Jahren danach wurde auf grausame Weise offenbar, was Menschen anderen Menschen antun können, wozu sie fähig sind, wenn sie sich von Gott entfernt haben. Diese bitteren Stunden offenbarten, wie rasch aus einem Mitmenschen ein Unmensch werden kann. In jener Nacht der Pogrome sind in unserem Land viele durch ihre Beteiligung schuldig geworden. Andere schauten weg oder wagten nicht, Widerstand zu leisten. Nur wenige halfen. Und so denken wir heute mit um so größ erer Achtung und Bewunderung an jene wenigen, die damals den Mut fanden, den Ausgegrenzten und Verfolgten zu helfen: die Hausfrau, die die Lebensmittelkarte teilte, den Schüler, der trotz Verbots seinem ehemaligen Klassenkameraden das Lernpensum mitnahm, und die anderen, die damals unter Gefahr Mitmenschlichkeit bewiesen.

Der 9. November 1938 wird in unserem Land immer Mahnung sein. Wir werden die Erinnerung an diesen Tag, der zu den dunkelsten in der Geschichte unseres Landes zählt, immer wach halten, auch weil damals, so viele gleichgültig geblieben sind. Gleichgültigkeit gehört zu den größten Gefahren für eine Gemeinschaft, Teilnahmslosigkeit lässt die Menschlichkeit sterben. Uns allen kann und wird es nicht gleichgültig sein, wenn auch heute noch immer wieder der Ungeist von damals die Gewalt gegen Minderheiten lebendig wird.

Jeder von uns ist betroffen - und es betrifft uns alle -, wenn auf jüdischen Friedhöfen Grabsteine umgeworfen werden und wenn in Berlin darüber nachgedacht werden muss, die Ruhe der Friedhöfe mit elektronischen Anlagen zu sichern. Jeder von uns ist betroffen, wenn Mahnmale und Gedenktafeln für die Opfer des Holocaust zerstört werden, oder wenn am Anhalter Bahnhof ein ausrangierter S-Bahn-Wagen angezündet wird, weil in ihm Jugendliche eine Ausstellung über jüdisches Leben während der Nazizeit zeigten.

Jeden von uns muss es mit Empörung erfüllen, dass Neonazis das moderne Medium Internet zur Verbreitung ihrer Parolen missbrauchen.
Diese Provokationen richten sich gegen uns alle. Die Bürgerschaft muss deutlich und konsequent auf sie reagieren. Wir müssen immer wieder Zeichen setzen und den wenigen Verblendeten und ewig Gestrigen in unserem Land selbstbewusst entgegentreten. Wir haben aus den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit Konsequenzen gezogen. Wir bekennen uns zu Mitmenschlichkeit, Toleranz und Weltoffenheit. Wir werden es nicht hinnehmen, dass einige wenige Unbelehrbare unserem Rechtsstaat Schaden zufügen wollen.

Es war für uns eine große Ermutigung, dass sich - heute vor einem Jahr, am 60. Jahrestag des 9. November 1938 - hier in Berlin Tausende an dem Schweigemarsch beteiligt haben, zu dem das Abgeordnetenhaus von Berlin, die Jüdischen Gemeinden, die Parteien und zahlreiche Institutionen und Organisationen aufgerufen hatten. Es ist für uns eine Ermutigung, wenn jetzt Berliner Steinmetze aus eigener Initiative auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee Grabsteine reparieren und wenn Soldaten der Bundeswehr dort in freiwilligem Einsatz Gräber wieder herrichten.

Es ist auch eine Ermutigung, dass sich an dem Wettbewerb des Abgeordnetenhauses zum 27. Januar 2000 so reges Interesse zeigt, bei dem Jugendliche aufgerufen sind, im Internet eine Website als Antwort auf neonazistische und antisemitische Propaganda zu erstellen.
Für Berlin ist es eine Auszeichnung, dass Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft nach der dunkelsten Zeit unserer Geschichte hierher zurückgekehrt sind, hier leben und mit uns auf der Straße feiern.

Dass die deutsche Hauptstadt heute wieder die größte Jüdische Gemeinde unseres Landes hat, ist für uns alle Verpflichtung und Ansporn. Und ich möchte für den Mut, das Vertrauen Dank sagen, das all jene zeigten und zeigen, die in ihr Heimatland zurückkehrten und noch zurückkehren. Gerade jetzt sollen sie, die Berliner jüdischen Glaubens, wissen, dass wir in enger Verbundenheit zu ihnen stehen.
Wir nehmen die Herausforderung zu Erinnerung und Wachsamkeit an. Sie ist für uns Verpflichtung und Aufgabe - heute und in Zukunft.

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