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Gedenkworte des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus

31.01.2015 11:00, Parkfriedhof Marzahn / an der Stele für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter

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Vor 82 Jahren, am 30. Januar 1933, begannen mit der sogenannten „Machtergreifung“ Hitlers und seiner NSDAP die zwölf dunkelsten Jahre in der deutschen Geschichte. Hitler ergriff die Macht nicht aus eigener Machtfülle, sie wurde ihm in den Schoß gelegt. Preußisches Junkertum, großbürgerliche Kreise und nicht zuletzt die überwiegend erzreaktionäre Mitarbeiterschaft öffentlicher Institutionen traten sie ihm freiwillig ab.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde aus Deutschland eine nationalsozialistische Diktatur mit dem Anspruch auf ein Imperium, das bis zum Ural reichen sollte. Der Rechtsstaat wurde planmäßig ausgehebelt, Bürgerrechte außer Kraft gesetzt.

Installiert wurde ein Regime, das erbarmungslos Minderheiten und politisch Andersdenkende verfolgte, quälte und ermordete, -  ein Regime, dass Millionen Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppte. Bereits vor dem Krieg waren Deutsche zur Zwangsarbeit herangezogen worden, etwa politische KZ-Häftlinge oder Sinti und Juden. Ein Massenphänomen wurde die Zwangsarbeit nach dem Überfall auf Polen. Weil die Wehrmacht immer mehr Soldaten einzog, wurden als Erstes polnische Kriegsgefangene in der deutschen Landwirtschaft eingesetzt. Insgesamt 13 Millionen Menschen mussten zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeit leisten. Zunächst geschah das in den eigenen Grenzen, ab 1939 in ganz Europa.

Ein wichtiger Baustein unserer  Erinnerungsarbeit ist unsere Erinnerungskultur, mit der wir unsere Verantwortung als Deutsche dokumentieren. Zur Erinnerungskultur gehört das Gedenken an die Verbrechen der Deutschen und das Gedenken an die Opfer der Gewaltherrschaft, so wie hier auf dem Parkfriedhof Marzahn.

Die Zwangsarbeiter - Frauen, Männer, Greise - die ins Deutsche Reich verschleppt wurden, um hier unter entsetzlichen Bedingungen zur Arbeit für Industrie und Wehrmacht gezwungen zu werden waren auch auf den Rampen der Konzentrationslager selektiert worden. Ihr Einsatz als Zwangsarbeiter wurde zynisch von den Nationalsozialisten als „Vernichtung durch Arbeit“  bezeichnet. Millionen Menschen, Zivilarbeiter, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge – sie alle mussten in den Kriegsjahren den Mangel an Arbeitskräften, vorrangig in der deutschen Kriegsproduktion, ausgleichen. Nicht alle starben, doch viel zu viele Opfer überlebten die Strapazen nicht. Sie durchlebten die unmenschlichen Auswirkungen der Rassenideologie, die von blindem Hass und Wahn geleitet war.

In Berlin gab es rund 3.000 Sammelunterkünfte für Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. 400.000 Menschen aus 20 Nationen waren eingesetzt. Zwangsarbeit war allgegenwärtig. In Hellersdorf und Marzahn arbeiteten sie vorwiegend in der Landwirtschaft und in Kleinbetrieben sowie in einem großen Industriebetrieb, im Krieg Rüstungsproduktion, der Carl Hasse & Wrede GmbH. Heute gehört das Unternehmen zur Knorr-Bremsen-Gruppe.

Freie Flächen am Rande Berlins nutzten der Generalbauinspektor und Rüstungsminister Albert Speer und die Reichsbahn für die Anlage großer Barackenlager.

Auf diesem Friedhof, auf dem wir uns jetzt befinden, wurden mindestens 1.400 Zwangsarbeiter aus Berlin und der Umgebung bestattet. Da, wo heute der Bezirk Marzahn-Hellersdorf sein freundliches Gesicht zeigt, lag auch der sogenannte “Zigeunerrastplatz Marzahn“. Im Dorf Marzahn hatte praktisch jeder Bauer Zwangsarbeiter auf dem Hof, auch der bekannte Marzahner Bauer Schönagel, nach dessen Vorfahren noch heute eine Straße hier benannt ist. Eine polnische Zwangsarbeiterin, die 1943 von der SS aus der elterlichen Wohnung  gezerrt worden war und die bei besagtem Bauern Frondienste leisten musste, erinnert sich, dass sie auf einer Strohpritsche mit nur einer zerschlissenen Decke nächtigen musste, es im Winter bitter kalt war und sie bis auf Haut und Knochen abmagerte. Sie lebte in ständiger Angst.

Ich bin froh, dass die Bundesregierung unter Bundeskanzler Schröder mit der deutschen Wirtschaft die Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter geregelt hat. Das hilft den Opfern nicht zu vergessen. Aber es ist ein offizielles Zugeständnis der deutschen Schuld. Das war dringend nötig nach so vielen Jahrzehnten des Wartens.

Und 1999 bat Johannes Rau als erster Bundespräsident  die Opfer der Zwangsarbeit  um Verzeihung. Erst 2007 – also vor noch nicht allzu langer Zeit, wurden die Auszahlungen an die Opfer abgeschlossen. Einen Schlussstrich wird es aber nie geben können. Natürlich sind die Opfer unserer Nachbarn viel zu groß gewesen, um vergessen zu können. Ich verneige mich daher vor den Opfern, bete für den Frieden und bitte um Verzeihung.

Natürlich sind die Opfer unserer Nachbarn viel zu groß gewesen, um vergessen zu können.

Wir verneigen uns vor den Opfern und bitten um Verzeihung.
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