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Gedenkworte des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, bei der Gedenkstunde aus Anlass des 71. Jahrestages der Deportation der Sinti und Roma in das Zwangslager Marzahn

10.06.2007 12:00, Städt. Parkfriedhof Berlin-Marzahn

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Walter Momper
10.06.2007, Städt. Parkfriedhof Berlin-Marzahn

- Es gilt das gesprochene Wort -

Wir haben uns versammelt, um der Opfer der durch die Nationalsozialisten verschleppten und ermordeten Sinti und Roma zu gedenken.

Wir wollen ihren Leidensweg, ihren grausamen Tod in Erinnerung halten. Wir wollen diese grausame Tat immer wieder neu in unser gesellschaftliches Bewusstsein rufen. Das ist für mich der eigentliche Sinn unserer Gedenkstunde.

Wir richten unsere Gedanken auf die Verfolgten und Toten und trauern um sie. Jedes einzelne Opfer war ein einmaliger Mensch, ein Mensch mit Hoffnungen auf Liebe und Glück, mit dem Recht auf ein menschenwürdiges Leben.

Hier auf dem Friedhof erinnern wir uns an das, was nie in Vergessenheit geraten darf – an Unrecht und Willkür, an menschenverachtende Rassenhetze.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Hunderttausende von Sinti und Roma in Deutschland und in den von Deutschland besetzten Gebieten verfolgt, verschleppt und ermordet. Diese Verbrechen sind nicht wieder gut zu machen. Aber wir können und wir müssen Erinnerungsarbeit leisten. Unsere Kinder und unsere Enkel von der schrecklichen Geschichte Berlins und Deutschlands wissen. Auch unsere Urenkel müssen sich die Frage stellen: Wie konnte es dazu kommen? Wie kam es zur Vernichtung von Leben und zu fanatischem Rassismus?

Den Nationalsozialisten war der gesellschaftliche Boden für die rassistisch motivierte Verfolgung der Sinti und Roma schon bereitet, als sie die Macht in Deutschland übernahmen. Moritz Grellmann, bekannt als Urvater des Antiziganismus, formulierte schon 1783 eine „Lösung der Zigeunerfrage“. Er sprach von „sittlich verderbten Wesen“. Die Sinti und Roma sollten zwangsassimiliert werden.

In einem 1905 von Alfred Dillmann erschienen Buch werden die Sinti und Roma so beschrieben: „Das fahrende Volk der Zigeuner ist …ein schädlicher Fremdkörper in der deutschen Kultur geblieben. Alle Versuche, die Zigeuner an die Scholle zu fesseln … sind fehlgeschlagen. „

Jener Alfred Dillmann wurde in Bayern 1899 mit der Einrichtung des ersten „Zigeuneramtes“ beauftragt, des sogenannten „Nachrichtendienstes für die Sicherheitspolizei in Bezug auf die Zigeuner“. Triebfeder waren rein rassistische Motive. Dieses Amt sammelte alles, was sie über die Sinti und Roma erfahren konnten, und richtete 1911 zusätzlich die erste Fingerabdruckkartei in Deutschland ein. In das Bayrische Zigeunergesetz wird der Begriff „Rasse“ aufgenommen. Auch die Haltung weiter Teile der Bevölkerung gegenüber den Sinti und Roma war ablehnend, sie galten als „Asoziale“, fast als „Kriminelle“.

Die Vernichtung von Hunderttausenden von Sinti und Roma in der Nazizeit stieß deshalb in der übrigen Bevölkerung überwiegend auf Gleichgültigkeit. Selbst im Nachkriegsdeutschland änderte sich daran wenig. Das galt für den Westen ebenso wie für den Osten. Bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mussten die Sinti und Roma um ihre Rehabilitierung und Wiedergutmachung kämpfen.

Und wie sieht es heute im vereinigten Europa aus? Umfragen zeigen, dass der latente Rassismus gegenüber den sogenannten „Zigeunern“ immer noch da ist. Nach einer Emnid-Umfrage im Oktober 2004 hassen 68 Prozent der Deutschen „Zigeuner“. Bei einer früheren Umfrage stimmen in Tschechien 66 Prozent der Befragten zu, Roma sollten getrennt von der übrigen Bevölkerung leben, und 52 Prozent wollen strengere Gesetze für sie. In Bulgarien ist es für 97 Prozent der Befragten unvorstellbar, eine Romni oder einen Rom zu heiraten, 61 Prozent halten Roma für „faul und verantwortungslos".

Es wird also für die Europäische Union im 21. Jahrhundert eine große Aufgabe sein, Vorurteile und Diskriminierung abzubauen. Auch deshalb ist es so wichtig, an Tagen wie dem heutigen nicht nur der Verfolgten und Toten zu gedenken, sondern wachzurütteln und zu mahnen.

Wir müssen uns davor hüten zu glauben, dass feindliche und diskriminierende Haltungen gegenüber den Sinti und Roma in unserer Gesellschaft der Vergangenheit angehören. Es ist immer wieder notwendig, gegen Gleichgültigkeit und Intoleranz anzugehen. Wir sind hier versammelt, um gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus anzugehen.

Das zu bekämpfen, das ist der Auftrag, den wir Otto Rosenberg und allen Verfolgten schuldig sind.

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