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Geschichtsforum "Getrennte Vergangenheit - Gemeinsame Geschichte?"

28.05.1999, Abgeordnetenhaus von Berlin, Plenarsaal

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Prof. Dr. Herwig Haase
28.05.1999, Abgeordnetenhaus von Berlin, Plenarsaal
Geschichtsforum "Getrennte Vergangenheit - Gemeinsame Geschichte?"

Ich heiße Sie im Abgeordnetenhaus von Berlin sehr herzlich willkommen.

Die deutsche Hauptstadt ist der geeignete Ort - vielleicht der a m m e i s t e n geeignete Ort -, über die Geschichte unseres Landes nachzudenken und zu diskutieren. In Berlin sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eng miteinander verbunden. Unsere Stadt repräsentiert in besonderer Weise das Thema Ihres Forums: "Getrennte Vergangenheit - Gemeinsame Geschichte?". Hier war die Teilung Deutschlands am schmerzlichsten, hier stand 28 Jahre lang die Mauer, die die Menschen voneinander trennte, hier wurde 1989 mit dem Fall der Mauer ein Triumph des Unerwarteten gefeiert.

Berlin ist der Ort, an dem uns Geschichte begegnet - weit über die Zeit der deutschen Teilung hinaus. Orte aber, an denen wir mit der Vergangenheit konfrontiert werden, sollen und dürfen nicht nur Stätten der Erinnerung sein, sondern Plätze, von denen Botschaften und Impulse in Gegenwart und Zukunft hineinwirken. Unser Parlamentsgebäude, in dem heute der erste Teil Ihres Forums stattfindet, stand schon in der Vergangenheit für zukunftsweisende Entscheidungen: In diesem Haus fiel im Dezember 1918 die für ganz Deutschland bedeutende Entscheidung, das Kaiserreich nicht durch eine Rä terepublik zu ersetzen, sondern eine parlamentarische Demokratie zu begründen.

Noch vor zehn Jahren stand das Gebäude des ehemaligen Preußischen Landtags direkt an der Berliner Mauer und war selbst Teil der Grenzbefestigung. Seit 1993 ist es Sitz des Berliner Landesparlaments. Die "getrennte Vergangenheit", über die Sie auf Ihrem Forum sprechen, ist vor nunmehr fast zehn Jahren durch eine gemeinsame Gegenwart abgelöst worden - mit der Herausforderung an unser Volk, nach Jahrzehnten der Teilung und nach Erlangung der staatlichen Einheit auch die innere Einheit zu vollenden.

Zu schnell haben viele vergessen, dass die meisten Probleme und Schwierigkeiten nicht aus der Vereinigung, sondern aus der Spaltung unseres Landes entstanden sind. Fast zehn Jahre nach der Wiedervereinigung unseres Landes, die bei vielen Mitbürgern die persönliche Lebenssituation grundlegend verändert hat - und oft durchaus ins Positive - , muß unvermindert Überzeugungsarbeit geleistet werden; denn die Einheit ist von Teilen unseres Volkes innerlich noch immer nicht angenommen worden.

Zwar konnte niemand erwarten, dass das Zusammenführen von Menschen mit Lebenserfahrungen aus zwei gegensätzlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen schnell und reibungslos verlaufen würde - und doch ist die Enttäuschung über das noch immer nicht vollendete Zusammenwachsen von Ost und West für viele von uns groß. In Berlin allerdings können wir feststellen, dass wir vorangekommen sind: Jüngste Umfragen haben - zur Überraschung mancher in unserem Lande - gezeigt, dass der Zufriedenheitsgrad gerade im östlichen Teil unserer Stadt beträchtlich gestiegen ist.

Berlin entwickelt sich so immer mehr zu einem Symbol des Zusammenwachsens unseres Landes, aber auch unseres Kontinents.
Die deutsche Hauptstadt hat ihren Standort im Herzen Europas. Sie besitzt dabei eine Erfahrung von unschätzbarem Wert: Die Orientierung der Deutschen im Ostteil der Stadt auf die Länder Mittel- und Osteuropas fand ihre Entsprechung in der Hinwendung West-Berlins nach Westeuropa. Als Berlin geteilt war, entstanden feingesponnene Netze wirtschaftlicher und kultureller Kontakte in die geteilten Hälften Europas. In Berlin leben wie in keiner anderen deutschen Stadt Menschen mit profunden Kenntnissen und Erfahrungen aus West und Ost mitten unter uns. Hier werden die Sprachen des Ostens wie des Westens gesprochen und ihre Kulturen verstanden.
Berlin bildet eine Brücke zwischen Ost und West. Für Mittel- und Osteuropa kann unsere Stadt ein Tor zum Westen sein, ein Forum des Austauschs von Ideen und Know-how.

Heute entsteht aus der ehemals künstlich geteilten Mitte im Herzen des Kontinents das Europa der transnationalen Werte. In Berlin vereinigen sich die Erfahrungen aus Ost und West. Unsere Stadt ist ein hervorragender Platz, um europäische Ressourcen fruchtbar zu machen.

"Getrennte Vergangenheit - Gemeinsame Geschichte?". Wir Deutschen waren und sind in besonderer Weise gefordert, Lehren und Konsequenzen zu ziehen. Ich teile nicht die Auffassung Hegels, der einmal gesagt hat: "Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker aus der Geschichte nichts gelernt haben".

Gerade in den letzten Tagen - aus Anlass des 50. Jahrestages des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland - ist deutlich geworden, dass in unserem Land nachhaltig und erfolgreich Lehren aus der Vergangenheit gezogen worden sind. Die Konsequenzen aus der gemeinsamen Geschichte - auch und vor allem aus der dunkelsten Epoche der deutschen Vergangenheit - waren und sind für alle Deutschen g e m e i n s a m e Verpflichtung. Auch die Folgen der getrennten Vergangenheit müssen wir gemeinsam überwinden. Doch eines ist klar: Auch wenn noch eine beträchtliche Wegstrecke vor uns liegt, haben wir doch Anlass zu Selbstbewusstsein, Optimismus und Zuversicht.

Wir werden gut beraten sein, auf unserem gemeinsamen Weg in die europä ische Zukunft die Erfahrungen der getrennten Vergangenheit und der gemeinsamen Geschichte einzubeziehen. In diesem Sinne, meine Damen und Herren, wünsche ich Ihren Beratungen viel Erfolg und eine große Resonanz. Nochmals: Herzlich willkommen im Abgeordnetenhaus von Berlin.

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