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Grußwort bei der Verleihung des "German Jewish History Award"

13.11.2000, Centrum Judaikum

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Reinhard Führer
13.11.2000, Centrum Judaikum
Verleihung des "German Jewish History Award"

Vergangenheit ist Herausforderung - für uns Deutsche mehr als für andere.

Die Herausforderung, sich der Geschichte zu stellen, sich mit ihr auseinanderzusetzen und aus ihr Konsequenzen zu ziehen.

Wenige Tage nach dem 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, - wenige Tage nach der großen Demonstration für Menschlichkeit und Toleranz, die am vergangenen Donnerstag hier vor dem Centrum Judaikum begann, werden heute Frau Gisela Blume, Herr Dr. Joachim Hahn, Herr Ottmar Kagerer, Herr Gernot Roemer und - posthum - Herr Moritz Schmid dafür geehrt, dass sie die Vergangenheit als ganz persönliche Herausforderung angenommen haben.

Ihr Engagement ist beispielgebend. Sie haben aus eigener Initiative gehandelt und brauchten nicht erst den Anstoß durch eine Demonstration.

Ohnehin erhält eine Demonstration wie die am vergangenen Donnerstag - so erforderlich sie war - ihren Sinn erst, wenn wir danach nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen.

Die Mitbürger, die heute ausgezeichnet werden, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an Mitmenschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft und deren Kultur lebendig zu erhalten - die Erinnerung an Menschen, die von den Nationalsozialisten in den Tod getrieben oder ermordet wurden.

Sie haben - jeder an seinem Platz und trotz erheblicher Schwierigkeiten, die damit verbunden waren - vielfältige Beiträge zum Gedenken geleistet und auf diese Weise ihre Hochachtung bekundet.

Meine Damen und Herren, es muss uns alle mit großer Besorgnis erfüllen, dass dieses vorbildliche Wirken in einem Fall zu massiven persönlichen Bedrohungen und zu einem Überfall durch offensichtlich rechtsextremistische Gewalttäter geführt hat.

Gestatten Sie mir, auf diesen Fall besonders einzugehen - nicht weil der Betroffene, Herr Kagerer, Berliner ist, sondern wegen der Bedeutung der Sache:

Als im Oktober 1999 auf dem Friedhof Berlin-Weißensee 100 Gräber zerstört und mit Nazisymbolen beschmiert wurden, hat der Steinmetz Ottmar Kagerer - der heute hier zu den Preisträgern gehört - mit seiner Firma spontan und unentgeltlich die Wiederherrichtung der Grabsteine übernommen. Daraufhin erhielt er ernst zu nehmende Drohungen. Er ignorierte sie und setzte seine ehrenamtliche Tätigkeit auf dem Friedhof Weißensee fort. Einige Wochen später wurde er überfallen, und Unbekannte verwüsteten seine Werkstatt und richteten großen materiellen Schaden an.

Dieser Überfall hat weit über Berlin hinaus in der Öffentlichkeit große Empörung ausgelöst. Er steht in einer Reihe mit den rechtsextremistischen Gewalttaten, die dann in den folgenden Monaten verübt wurden und die uns alle alarmieren mussten.

Es war der Sinn der großen Demonstration hier in Berlin am 9. November, gegen diese rechtsextremistischen Gewalttäter und ihre Mitläufer - und gegen jegliche Gewalt in unserer Gesellschaft - Stellung zu beziehen. Die kleine Minderheit der Extremisten in unserem Land hat eine unmissverständliche Antwort erhalten. Und diese Antwort werden wir immer wieder geben, wo dies erforderlich ist.

Unser Volk hat in seiner Geschichte schmerzlich erfahren, wohin es führt, wenn Extremismus und Gewalt nicht auf den gemeinsamen Widerstand aller Demokraten stoßen. Wir alle bleiben aufgefordert, gegen die Anfänge eines neuen Unheils vorzugehen.

Ich bin der Auffassung, dass man die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpfen und - im Rahmen des demokratischen Rechtsstaates - auch Gesetze ändern muss, die es heute noch den Neonazis erlauben, ihre Demonstrationen ü b e r a l l durchzuführen, so auch am künftigen Mahnmal für die Opfer des Holocaust oder am Brandenburger Tor.

Man darf Konsequenzen nicht nur fordern, man muss sie auch ziehen.

Meine Damen und Herren, die heutige Ehrung erinnert an den großen Anteil, den Menschen jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens an der Entwicklung von Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft in unserem Land hatten.

Berlin war und ist ein Beispiel dafür. Unsere Stadt hat ihren Bürgern jüdischen Glaubens unendlich viel zu verdanken.

Der Verlust, den unser Land durch Vertreibung, Deportation und Ermordung der Mitbürger jüdischen Glaubens in der Zeit des Nationalsozialismus erlitten hat, war unermesslich.

Nach 1945 war es ein beispielloser Vertrauensbeweis, dass Menschen jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens in unser Land gekommen sind, um mit uns zu leben. Heute hat Berlin die größte Jüdische Gemeinde in Deutschland, und unsere Stadt ist wieder ein Zentrum jüdischen Lebens. Dies ist für uns Ermutigung und Verpflichtung.

Im Namen des Abgeordnetenhauses und des Senats von Berlin danke ich der Obermayer Foundation dafür, dass sie mit der heutigen Ehrung ein weiteres Zeichen der Verbundenheit und Gemeinsamkeit setzt.

Sie, die Preisträger des German Jewish History Award, beglückwünsche ich sehr herzlich. Sie haben ein Beispiel gegeben, das für andere Ansporn sein kann. Dafür gebührt Ihnen Dank und Anerkennung.

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