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Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland, Enthüllung einer Berliner Gedenktafel für den Arzt Dr. Mod Helmy

04.07.2014 11:30, Krefelder Str. 7, Berlin-Moabit

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Erinnerung ist wichtig – für den Einzelnen wie für unsere Gesellschaft. Die Besucherzahlen von Gedenkstätten und Museen zeigen uns, dass die  Menschen sich mit unserer Geschichte auseinandersetzen wollen. Dieses Interesse macht Mut. Nur wer weiß, wo wir herkommen, wird wissen, wo wir hinwollen. Insofern bilden die Vergangenheit, die Gegenwart, aber auch das Zukünftige eine Einheit.

Gerade wir in Berlin leben an einem geschichtsträchtigen Ort. Hier in der einstigen „Schaltzentrale der nationalsozialistischen Bewegung“, haben wir eine besondere Verantwortung, an die schrecklichen Verbrechen unserer Vorfahren zu erinnern – und an die, die ihnen zum Opfer fielen. Und wir erinnern uns aber auch an die Menschen, die anderen gefährdeten Menschen  geholfen haben. Essind die bekannten und unbekannten Helden, die – oft unter Gefahren für das eigene Leben – menschlich geblieben sind, Bedrängte unterstützt haben. Mit dem Berliner Gedenktafelprogramm ehrt das Land Berlin eben solche Menschen, die durch ihr Leben und Wirken, durch ihr mutiges Handeln zu „stillen Helden“ geworden sind und die wir deshalb als Land in Erinnerung behalten wollen.

Der Arzt Mod Helmy ist so ein „stiller Held“. Wir wissen heute im Grunde wenig über ihn. Ein bisschen davon haben wir gerade schon gehört. Igal Avidan wird uns gleich noch etwas mehr über ihn erzählen. Ich fasse mich deshalb kurz: Helmy, Sohn eines Ägypters und einer Deutschen, kam in den 20er Jahren nach Berlin, um Medizin zu studieren. Nach dem Examen arbeitete er am Krankenhaus Moabit und er wohnte ab 1934 hier im Haus. 1938 verlor er seine Stelle und hielt sich irgendwie über Wasser. Als Arzt arbeiten durfte er nicht mehr. 1939 und 1940 wurde er von der Gestapo
verhaftet und in ein Lager nach Nürnberg gebracht, aus dem er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes entlassen wurde. 1942 wurde er zwangsverpflichtet und durfte dann doch als Arzt in einer Praxis in Charlottenburg arbeiten.

Sich selbst unter solchen Umständenam Leben zu erhalten, ist an sich schon eine Leistung. Mod Helmy jedoch fand die Kraft, auch noch andere am Leben zu erhalten: drei Jahre lang, bis zur Befreiung 1945 versteckte er die junge Jüdin Anna Boros, versorgte sie und ihre ebenfalls versteckten Eltern mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. Wie er das gemacht hat - Arbeit in Charlottenburg, Wohnung in Moabit und Versorgung einer Untergetauchten in einer Laube in Buch und das als Gestapo-Verfolgter unter den Bedingungen des Bombenkrieges - wir wissen es nicht. Wie viele Momente der Angst und Gefühle der Hoffnungslosigkeit er erlitten hat - wir können es nur erahnen.  Wieviel Mut und Menschlichkeit sein Handeln erforderte -  wir, die wir in Demokratie und Freiheit leben, können es kaum nachzuvollziehen.

Helmy überlebte wie alle seine Schützlinge den Krieg, er blieb in Berlin und arbeitete bis zu seinem Tod 1982 als Arzt. 1998 starb seine Frau Emmy, die einzige nähere Angehörige.

Was wir über Mod Helmy wissen, verdanken wir den Aussagen von Anna Boros, die nach dem Krieg in die USA auswanderte. Durch sie ist seine Heldentat dokumentiert. Im letzten Jahr wurde er, als erster Ägypter überhaupt, in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Durch das zivilgesellschaftliche Engagement der heutigen Hausbewohner erinnern wir nun auch in Berlin, am Ort seines Wirkens, an seine Person. Er steht damit auch beispielhaft für die vielen „stillen Helden“, von denen wir wenig oder eben gar nichts mehr wissen, und die doch durch ihr Handeln Spuren der Menschlichkeit in der inhumanen Welt des nationalsozialistischen Deutschlands hinterlassen haben.

Mod Helmys Beispiel kann uns helfen, bei Ausgrenzung, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit im hier und heute sensibel zu bleiben. Nur wenn wir das schaffen, hat unsere ganze Erinnerungskultur einen tieferen Sinn.

Ich danke am heutigen Tag der Familie Mülder und der gesamten Hausgemeinschaft für ihr Engagement, das dem Andenken an Mod Helmy gewidmet ist. Dass diese Gedenktafel heute hier enthüllt werden kann, ist ihr Verdienst.

Ich danke ferner Igal Avidan, dass er über Mod Helmy geschrieben hat und uns nun das wenige, was wir über ihn berichten können, näherbringen wird.

Und ich danke dem Aktiven Museum, allen voran Christine Fischer-Defoy,  für die gesamte Organisation.

Der heutige Tag ist ein guter Tag für die Berliner Geschichtskultur. Herzlichen Dank!
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