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Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, anlässlich der Konferenz „The Cold War: History, Memory, Representation“

14.07.2011 19:10

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Walter Momper
14.07.2011,

-Es gilt das gesprochene Wort-

Herzlich Willkommen in Berlin! Wo, wenn nicht hier in Berlin, sollte eine Konferenz zum Thema Kalter Krieg auch stattfinden?

Der Kalte Krieg war ganz real und schuf doch ein surreales Lebensgefühl. In keiner anderen Stadt dieser Erde war der Kalte Krieg so präsent und zugleich so surreal wie in Berlin. Mit der Berliner Mauer wurde der Eiserne Vorhang in Beton und Stacheldraht gegossen. Die Mauer war tödlich. Sie zerriss Familien, Freundschaften und Liebende. Sie schränkte die Berlinerinnen und Berliner in ihrer Freiheit ein – und zwar auf beiden Seiten. So gesehen war die Berliner Mauer ganz real.

Die Mauer blieb aber auch immer surreal. Es mag sein, dass sich mancher in Kreuzberg oder im Prenzlauer Berg an die Mauer gewöhnt hatte. Aber Gewöhnung und Normalität sind nicht dasselbe. Ein Todesstreifen mitten in einer modernen Großstadt – eigentlich ist das nur etwas für Science- Fiction-Filme. Die Widernatürlichkeit der Mauer blieb immer klar erkennbar.

Das Absurde im Alltäglichen beschränkte sich nicht auf Berlin:
ob es Atombunker in fränkischen Vorgärten waren,
ob es die riesigen Investitionen in Waffensysteme waren, mit denen sich die Blöcke gegenseitig abschrecken wollten,
ob es die skurrilen Fälle von Doppel- und Dreifachagenten von Geheimdiensten waren, die sich meistens gegenseitig ausspionierten,
ob es der heute grotesk wirkende Versuch war, den zweiten deutschen Staat im Osten nicht beim Namen zu nennen, oder „Westberlin“ in einem Namen zusammenzuschreiben, um die „besondere politische Einheit“ damit zu bezeichnen.

Das Lebensgefühl im Kalten Krieg war geprägt von diesen seltsamen Lebensumständen.

Der Kalte Krieg war ganz heiß. Deshalb keine Nostalgie. Es ist doch ganz klar: Der Kalte Krieg war vielleicht seltsam – aber er war niemals harmlos! Weil die Gegenwart so unübersichtlich ist, kommt manchmal Nostalgie auf. Die Nachkriegszeit mit ihren klaren Fronten wird in der Erinnerung verklärt. Aber:
Der Kalte Krieg war oft heiß und mehrmals brandgefährlich.

Im Oktober 1961 standen sich die Panzer der Sowjets und der Amerikaner am Checkpoint Charlie gefechtsbereit gegenüber. Der Dritte Weltkrieg hätte ausbrechen können. 1962 in der Kubakrise allemal. Außerdem dürfen wir die Stellvertreter-Kriege nicht vergessen: Vom Korea-Krieg über den Vietnam-Krieg bis zum ersten Afghanistan-Krieg.

Deshalb wäre es arrogant, die Zeit des Kalten Kriegs heute zu verharmlosen – nur, weil wir Europäer vom Schlimmsten verschont geblieben sind. Deshalb sage ich: Nostalgie ist nicht angebracht. Die Nachkriegszeit war weder friedlicher noch sicherer als die Gegenwart.

Es gibt noch keine angemessene Erinnerungskultur für den Kalten Krieg.

Für eine ganze Generation junger Berlinerinnen und Berliner ist die Berliner Mauer so gut wie spurlos verschwunden. Anders als die Zeitzeugen bemerken sie es nicht mehr, wenn sie die Grenze überqueren. Sie wissen nicht genau, ob sie im Osten oder im Westen sind. In Berlin gibt es darüber eine schwelende Debatte. Es geht darum, ob die Mauer an mehr Stellen sichtbar gemacht werden soll. Dabei stehen sich zwei legitime Interessen gegenüber: Einerseits freuen wir uns darüber, dass die Stadt an den früheren Trennlinien so schnell heilt und wieder nahtlos wird. Andererseits befürchten wir zurecht, dass dabei allzu nachlässig mit der Geschichte der Teilung verfahren wird. Beides muss, beides wird immer wieder neu austariert werden müssen.

Die Diskussion um die Sichtbarkeit der Berliner Mauer zeigt etwas: Eine angemessene Erinnerungskultur an den Kalten Krieg ist noch nicht fertig – und sie ist keinesfalls einfach zu entwickeln.

Die Vermittlung des Kalten Kriegs ist schwierig, denn für die Spätgeborenen ist diese Zeit vielleicht zu unwirklich, um leicht verstanden zu werden. Für die Älteren war die Welt ein Schachbrett: Freiheit oder Unterdrückung, Ost oder West, Sozialismus oder Kapitalismus: Schwarze Felder und weiße Felder, die Erde ein Spielfeld für Strategen. Für die Jüngeren ist eine simple Aufteilung der Welt in Schwarz und Weiß unvorstellbar. Sie leben in vernetzten und entgrenzten Lebenswelten.

Wir müssen also über ein angemessenes Erinnern an die Zeit des Kalten Krieges nachdenken. Wie können wir das Lebensgefühl, die Gefahr, die Bedrohung der Nachkriegszeit angemessen vermitteln? Die Vermittlung fällt auch deshalb so schwer, weil es beim Kalten Krieg vor allem und gerade um das geht, was nicht passiert ist.

Nehmen wir nochmals jenen 27. Oktober 1961 als Beispiel – den Tag, an dem sich amerikanische und sowjetische Panzer mit laufenden Motoren am Checkpoint Charlie gegenüber standen und Krieg drohte. Heute wissen wir verhältnismäßig viel über diese Krise. Zwar hatten weder Kennedy noch Chruschtschow die Eskalation gewollt. Aber das SED-Regime hatte aus Geltungssucht die Alliierten-Zugangsrechte der Amerikaner für beide Teile der Stadt in Frage gestellt. Das setzte einen Mechanismus der Konfrontation in Gang. Am Ende wurde die Gefahr mühevoll abgewendet.

Das schwierige für die Vermittlung heute ist nun: Das, was diesen Tag zu einem wichtigen Tag in der Geschichte macht, ist das, was nicht passiert ist: Kein neuerlich brennendes Berlin, keine rollenden Panzer, keine Toten, keine Atompilze. Das macht den Kalten Krieg zu einer Herausforderung für die Vermittlung von Geschichte.

Ein wichtiger Schritt, um die Erinnerung an diese Zeit wach zu schaffen, kann ein „Zentrum Kalter Krieg“ am Checkpoint Charlie sein. An diesem Berliner Schicksalsort bleibt der Kalte Krieg spürbar. Der Kitsch und das Touristische mag zuweilen als störend empfunden werden. Aber das ist nur eine Begleiterscheinung für das Wesentliche: Der Ort bietet die Chance, den Kalten Krieg angemessen zu vermitteln.

Deshalb finde ich: Ein Museum über den Kalten Krieg am Checkpoint Charlie wäre eine Chance für Berlin und für seine Besucher. Das „Zentrum Kalter Krieg“ kann uns dabei helfen, die Logik von Konfrontation, Misstrauen und Sprachlosigkeit in Zukunft zu vermeiden. Für ein solches Museum am Checkpoint Charlie gibt es eine beeindruckende Liste an Unterstützern. Ihnen, liebe Initiatoren des „Zentrums Kalter Krieg“, möchte ich dafür meine Anerkennung und meinen Dank aussprechen. Ein solches Museum wäre ein Gewinn für Berlin und seine Besucher, aber auch für die angemessene Vermittlung der jüngsten Geschichte.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihre Konferenz viele neue Erkenntnisse, befruchtende Diskussionen und alles Gute.

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