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Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, für die Ausstellungseröffnung „Die Mauer muss... ist weg!“ der Künstlerin Hella De Santarossa

07.10.2009 17:30, Abgeordnetenhaus, Wandelhalle

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Walter Momper
07.10.2009, Abgeordnetenhaus, Wandelhalle

I- Es gilt das gesprochene Wort -

ch begrüße Sie im Abgeordnetenhaus von Berlin zur Eröffnung der Ausstellung „Die Mauer muss... ist weg!“ der Berliner Künstlerin Hella De Santarossa. Ganz besonders begrüße ich den ehemaligen Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Herrn Professor Dr. Stölzl und den Generalbevollmächtigten der Vattenfall Europe AG, Herrn Dr. Werner Süss.

Es ist mir eine besondere Freude, diese Ausstellung hier in unserem Haus eröffnen zu können. In diesem Jahr feiern wir den 20. Jahrestag der Maueröffnung. Viele von ihnen werden sich auch heute noch an die Abendstunden des 9. November 1989 erinnern. Ein paar von Günter Schabowski zögerlich vorgetragene Worte in einer bürokratischer Sprache brachten den Stein ins Rollen. Auf einer Pressekonferenz erklärte er auf die Nachfrage eines Journalisten, dass die Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik und nach West-Berlin „sofort“ und „unverzüglich“ möglich sei.

Die ganze Tragweite dieser Ankündigung haben zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nur Wenige erfasst. Und doch war dies das Zeichen, auf das viele Menschen ein halbes Leben lang gewartet und gehofft hatten; einer der bewegendsten und glücklichsten Momente in der Geschichte unseres Landes. Mehrere Tausend Bürger aus dem Ostteil und der DDR fuhren oder gingen noch in den Abendstunden zu den Grenzübergängen und verlangten die sofortige Ausreise.

Der Grenzübergang Bornholmer Straße war der erste Übergang, den die überraschten DDR-Grenzer nach Stunden des Zögerns öffneten. Der Druck der DDR-Bürger, die einfach rübergehen wollten, war zu groß. Bis Mitternacht hoben sich dann an den meisten Grenzübergängen im Berliner Stadtgebiet die Schlagbäume.

Die Bürger aus Ost-Berlin und der DDR wurden von den Westberlinern begeistert empfangen. Die meisten Kneipen in der Nähe der Mauer gaben spontan Freibier aus und auf dem Kurfürstendamm gab es einen großen Volksauflauf mit hupendem Autokorso und wildfremden Menschen, die sich in den Armen lagen. Wer an diesem Abend dabei war, wird sich an die Gesichter der Menschen erinnern: überglückliche Gesichter. Glücklich darüber, dass ein trauriges Kapitel deutscher, ja europäischer Geschichte zu Ende ging.

Als Regierender Bürgermeister von Berlin war es mir vergönnt, zu diesem Zeitpunkt an exponierter Stelle Beteiligter und unmittelbarer Handelnder in den sich überstürzenden Ereignissen zu sein. In dieser Nacht erfüllte sich ein lang gehegter Traum von Millionen Menschen in Ost und West im fröhlichen Gedränge und mit Freudentränen. Nachdem die Mauer einmal durchlässig geworden war, gab es kein Zurück mehr. Die einmal gewonnene Freiheit ließen sich die Menschen nicht wieder nehmen. Die Diktatur hatte seine Schrecken und die SED ihre Macht verloren.

Die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 kam überraschend und doch war sie die Konsequenz der Entwicklungen der Monate zuvor. Wochenlange Proteste und ein Strom von Flüchtlingen, die über Ungarn, Warschau und Prag in den Westen zu fliehen versuchten, waren jener denkwürdigen Pressekonferenz vorausgegangen. Viel Wut und Hoffnungslosigkeit hatte sich angestaut über ausbleibende Reformen und über eine Partei- und Staatsführung, die die Freiheit brutal unterdrückte und die Augen vor der wahren Lage im Land verschloss.

Die Menschen wollten das nicht länger hinnehmen. Sie gingen auf die Straße. Dazu gehörte Mut, ganz viel Mut. Niemand wusste, wie viel Protest die Machthaber tolerieren würden. Zahlreiche Oppositionelle wurden in diesen Wochen verprügelt und verhaftet und doch ließen die Menschen sich nicht von drohender Verhaftung und der Gewalt der Mächtigen abschrecken. Vielmehr setzten sie mit großer Entschlossenheit und Zivilcourage einen gesellschaftlichen Prozess in Gang, der nicht mehr aufzuhalten war. Die Öffnung der Grenze bahnte nicht nur einen Weg in bisher unerreichbare Länder, sondern auch zur späteren deutsch-deutschen Vereinigung. Und doch stand diese Bewegung unter der furchtbaren Drohung des Schießbefehls an der Mauer. Noch im Februar 1989 war Chris Gueffroy am Britzer Zweigkanal erschossen worden, als er nach West-Berlin flüchten wollte. Der letzte in einer langen Reihe von Mauertoten, die wir nicht vergessen dürfen und nicht vergessen wollen.

Die Öffnung der Mauer ist bereits Geschichte. Und die Jüngeren unter uns, die Kinder, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen – sie haben die Mauer nie gesehen, sie haben die Teilung Deutschlands und Europas nicht mehr oder nicht bewusst erlebt. Sie sind in einem vereinten Deutschland aufgewachsen und sehen vielleicht, wenn sie nach Berlin kommen, die Reste oder Spuren der Mauer.

Wir können Ihnen noch erzählen, wie das Leben im geteilten Berlin, im gespaltenen Deutschland aussah, wie es zuging in der DDR und in der Bundesrepublik, was der Kalte Krieg zwischen Ost und West bedeutete. Aber das Wissen darüber schwindet. Deshalb braucht die junge Generation heute die Kenntnisse über die damaligen Ereignisse, um das Gestern zur begreifen und das Heute zu verstehen.

Und noch eines ist wichtig: Geschichte kann nicht nur in Worten erzählt werden, sondern sie muss und sollte immer Raum auch für Bilder lassen. Bilder sprechen eine eigene Sprache. Sie setzen Emotionen frei, die dem Betrachter einen eigenen Raum für seine Phantasie und für seine Vorstellungskraft bieten. Sie erinnern sich sicher alle an die Bilder jener Tage im November 1989. Bilder, die um die Welt gingen.

In Bildern findet der aufmerksame Betrachter eine ganz eigene Sicht – nämlich die Sicht des Beobachters, des Fotografen oder Künstlers - auf die Ereignisse und Geschehnisse jener Tage.

Die Ausstellung „Die Mauer muss ... ist weg“ bietet dem Besucher dazu bis zum 9. November die Gelegenheit, Einblicke in diese Sichtweise zu bekommen. Denn auch die Künstlerin Hella De Santarossa befand sich in den aufregenden freuden- und tränenreichen Stunden des 9. November 1989 an einem der Brennpunkte Berlins. Mit einem Diktafon und einem Fotoapparat verfolgte sie vom an der Mauer gelegenen Café Adler am Checkpoint Charlie die Entwicklung der Ereignisse jener Nacht und verarbeitete das Geschehen fotografierend, zeichnend und malend. Zahlreiche Bilder, Fotografien und - darauf möchte ich besonders hinweisen – drei außerordentlich beeindruckende Glaskunstwerke sind in jenen Novembertagen entstanden. Sie sind Teil dieser Ausstellung, die sich jedoch über den 9. November 1989 hinaus erstreckt und auch die Sicht auf das heutige Berlin zulässt.

Ich freue mich daher, die Arbeiten von Hella De Santarossa im Abgeordnetenhaus von Berlin zeigen zu können. Die Ausstellung „Die Mauer muss... ist weg!“ leistet einen eigenen Beitrag, um an wichtige Momente in unserer Geschichte zu erinnern. Sie bietet die Chance zurückzublicken und ermöglicht gleichzeitig die Veränderungen Berlins, die in der Zwischenzeit erfolgt sind, mit offenen Augen zu sehen.

Von der einst geteilten Stadt an der Nahtstelle zwischen Ost und West ist Berlin zu einem kulturellen und politischen Knotenpunkt avanciert, der jedes Jahr tausende von Besuchern anlockt. Unsere Stadt ist zu einer pulsierenden Metropole in einem zusammenwachsenden Europa geworden, in dem Menschen aus aller Welt leben und sich begegnen.

Ich danke Ihnen, Frau De Santarossa, für die Bereitstellung der Bilder und Werke, die hier an einem bedeutenden Ort dieser Stadt den Besuchern präsentiert werden und natürlich auch Ihnen Herr Wewerka, denn Ihre Unterstützung hat zum Gelingen dieser Ausstellung beigetragen.

Mein Dank geht auch Herrn Friedrich Kurz von der Redaktion Frontal 21, für die Bereitstellung des Filmes "Das Wunder von Berlin" von Professor Guido Knopp. Dieser Film zeigt die Ereignisse kurz vor und während des Falls der Mauer. Die Besucherinnen und Besucher können den Film während der Dauer dieser Ausstellung ansehen.

Mein weiterer Dank geht an die Kulturprojekte GmbH, die hilfreich für den Transport und den Aufbau der Ausstellungsstücke gesorgt hat und ich spreche Herrn Dr. Werner Süss, dem Generalbevollmächtigten der Vattenfall Europe AG meinen herzlichen Dank aus, denn durch die Unterstützung der Vattenfall Europe AG konnte auch ein Katalog von dieser Ausstellung hergestellt werden.

Ich wünsche der Ausstellung einen großen Erfolg, viele interessierte Besucherinnen und Besucher und übergebe nun das Wort an Dr. Werner Süss.

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