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Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin anlässlich der Ausstellungseröffnung "Hans Bayer - Kriegsberichter im Zweiten Weltkrieg"

12.08.2014 19:00, Topographie des Terrors

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- Es gilt das gesprochene Wort -
 

Wir kennen alle die Macht der Bilder, wenn täglich im Fernsehen von den Kriegsschauplätzen und aus den Krisengebieten dieser Welt berichtet wird. Und wir  wissen um die Macht des Wortes, wenn wir Berichte, Kommentare und Einschätzungen in den Printmedien lesen, oft unterlegt mit Fotografien, die uns  emotional  sehr nahe gehen. Die uns einbeziehen.

In diesem Jahr gedenken wir in vielen Veranstaltungen und Ausstellungen der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, des 1. Weltkriegs. Die damalige Kriegsberichterstattung durch zivile Journalisten war nicht das, was NS-Propagandaminister Goebbels sich für seine kommenden Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge vorstellte. Für ihn waren Fotokamera und Schreibblock Waffen in der Hand von Soldaten.

Die Nationalsozialisten erfanden deshalb einen neuen Begriff: den Kriegsberichter als Soldaten, eingebunden in militärische Befehlshierarchien. Er sollte nicht „Gast, sondern kämpfender Kamerad der Truppe“ sein.

Eine ganze Reihe dieser Berichterstatter hatte im Nachkriegsdeutschland und bis in die 80er und 90er Jahre einen hohen Bekanntheitsgrad. Karl Holzamer, Jürgen Roland, Herbert Reinecker, Henri Nannen und Lothar-Günther Buchheim sind wohl die Bekanntesten unter ihnen. Ihre zweischneidige und nicht immer aufklärbare Rolle im 2. Weltkrieg hängt sicher auch mit Angst und Feigheit kurz nach Kriegsende zusammen. Einem untergegangenen Terrorregime propagandistisch von der Front aus gedient zu haben, war 1945 nicht gerade ein guter Ansatz, um bei einem alliierten Nachrichtenoffizier eine Genehmigung zum Publizieren einzuholen. Das verschwieg man lieber. Oder man versuchte, vermeintliche Beweise für den eigenen Widerstand herauszustreichen. Das war auch bei Hans Bayer nicht anders. Später hinderte der oft beachtliche berufliche Erfolg an weiterer eigener Aufarbeitung.

Die Journalisten der Propagandakompanien waren tatsächlich Soldaten, sie waren an der Waffe ausgebildet.

Obwohl ihre Berichte der Zensur unterlagen, schien das eigentlich überflüssig, da sie als Teil der militärischen Befehlskette ja gar nicht neutral hätten berichten konnten, wie Sandra Dietrich in ihrem Buch “Embedded Journalism“ bemerkt.

Bei der Beurteilung aus heutiger Sicht ist das unterschiedliche Alter zur damaligen Zeit zu betrachten. Die meisten waren schon zwischen 30 und 40! Sie wussten also, was sie taten. Für die erst Anfang 20-jährigen Buchheim und Roland gilt das weniger.

Auch Bayer war schon um die dreißig, man kann also nicht jugendliche Unwissenheit zum Maßstab machen. Wenn also bestimmte Bildunterschriften von Judenhass geprägt waren, dann ist die Verantwortlichkeit nicht wegzuwischen. Wie ging Bayer später mit dieser Verantwortlichkeit um? Selber offengelegt hat er offenbar wenig. Gibt es private, nicht-öffentliche Zeugnisse? Erst unmittelbar vor Ende des Krieges scheinen ihm Zweifel zu kommen. Spät, 1970, verfasste er zehn Jahre vor seinem Tod einen „Nachruf“, in dem er von Angst und Vertuschung in Bezug auf sein eigenes Verhalten sprach.

Ich denke, wir können in diesem Bereich von einer riesigen Dunkelziffer von Fällen ausgehen, die wohl nie aufgedeckt werden. Der Abstand zu den Ereignissen wird immer größer und damit die Chance immer kleiner, an Dokumente zu kommen. Bekenntnisse über  die eigene Rolle im NS-Regime blieben Mangelware.

Dennoch hat es immer wieder überraschende Veröffentlichungen gegeben, die unser Bild von berühmten und als moralisch integer geltenden Persönlichkeiten der bundesrepublikanischen Gesellschaft ins Wanken gebracht haben:

Ich denke an Joseph Beuys und seine in Nazi-Diktion gehaltenen Frontbriefe. Die traten erst nach seinem Tod zu Tage. Oder an Günther Grass. Der legte seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS sehr sehr spät, aber immerhin selbst  offen.

Es bleibt auch bitteres Unverständnis. Wenn Journalisten, Schriftsteller oder Künstler, die eigentlich ein ausgeprägtes Gespür für Reflektion und Wahrhaftigkeit haben sollten, ihr eigenes Versagen, ihre eigene Schuld nicht aufarbeiten konnten und wollten, wer gab ihnen dann das Recht, dies von Anderen zu verlangen. So wirft auch nach jahrzehntelangem Engagement für unsere Demokratie genau dieses Unvermögen Schatten auf einige beeindruckende Biographien Nachkriegsdeutschlands.

Hans Bayers Kriegsberichtung ist auch beredtes Beispiel dafür, wie die Wehrmacht es verstanden hat, den Mythos von einer sauberen Truppe zu glorifizieren, die sich im Befehlsnotstand befindend noch korrekt gegenüber dem Feind agiert. Die Zählebigkeit solcherart Legenden war enorm und wirkte auch nach dem Krieg weiter. Die stete Wiederholung diente dazu, Verantwortung abzuschieben,Verbrechen zu leugnen, aber auch der eigenen Karriere eine zweite Chance zu geben.

Das Ziel, die Wehrmacht vom Nazi-Regime abzugrenzen, wurde im Nachkriegsdeutschland nach Courths-Mahler-Manier in populärer Form auch von ehemaligen Reportern der Propaganda-Kompanien zum Beispiel in den Landser-Heften propagiert.

Nachdem dem Bauer-Verlag  im letzten Jahr – also 2013! – vom Simon Wiesenthal-Center der Vorwurf der Verherrlichung des Nationalsozialismus, der Verharmlosung der Waffen-SS und des Holocaust gemacht worden war und die Reihe im Herbst schließlich eingestellt wurde, erscheint nun ein Heft namens „Weltkrieg“, dass unverhohlen den gleichen Inhalten frönt. Internet-Anbieter wie Amazon und Ebay vertreiben weiter die alten Landser-Hefte. „Küstrin stemmt sich gegen die rote Flut“ gibt’s für drei-Euro-neuen-und-neunzig, „Panzer auf blutiger Rollbahn“ für drei-vierzig.

„Recherchen des NDR-Medienmagazins „Zapp“ haben ergeben, dass sich allem Anschein nach hinter einer verwinkelten Strohmänner-Camouflage der Verlag „Lesen & Schenken“ des norddeutschen Rechtsextremisten Dietmar Munier versteckt.“, schrieb der Tagesspiegel Ende Mai. So schließt sich der Kreis.

Ich bin der Stiftung Topografie des Terrors dankbar dafür, dass sie mit dieser Ausstellung über den bekannten und hoch geehrten schwäbischen Schriftsteller ThaddäusTroll exemplarisch den Weg eines jungen Mannes in die NS-Propaganda-Maschinerie und die damit verbundene Verstrickung und Schuld, nachzeichnet.

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen die Ausstellung besuchen werden und danke besonders der Kuratorin Frau Dr. Steur, die großartige Arbeit geleistet hat.
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