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Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin zur Eröffnung der Ausstellung "Anders Bauen, Wohnen und Leben in Genossenschaften"

07.04.2014 17:00, Wandelhalle

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Ich begrüße Sie recht herzlich im Abgeordnetenhaus von Berlin zur Eröffnung der Ausstellung „ Anders Bauen, Wohnen und Leben in Genossenschaften“. Besonders begrüßen möchte ich den Vorstandsvorsitzenden des Genossenschaftsforums  e. V., Herrn Wolfgang Lössl, und das Vorstandsmitglied des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V., Frau Maren Kern, die im Anschluss etwas näher auf diese Ausstellung eingehen werden.

Doch bevor ich mich dem Thema der heutigen Ausstellung zuwende, möchte ich unsere jungen Künstlerinnen, Mara, Hannah und Elisa von der Pankower Musikschule Belá Bartok herzlich willkommen heißen. Ihr drei habt die heutige Ausstellungseröffnung mit euren Klarinetten wirklich fröhlich eingeleitet. Es hat viel Spaß gemacht euch zuzuhören! Vielen Dank dafür und herzlichen Glückwunsch für euer hervorragendes Abschneiden beim diesjährigen Wettbewerb „Jugend musiziert“.

Es ist mir eine besondere Freude, die Ausstellung „Anders Bauen, Wohnen und Leben in Genossenschaften“ im Abgeordnetenhaus eröffnen zu dürfen, da ich nicht nur das Anliegen dieser Ausstellung ausdrücklich unterstütze, sondern auch, weil ich mich einige Jahre beruflich mit städtebaulichen Projekten befasst habe. Ich weiß aus eigener Anschauung um die Bedeutung und Verantwortung in diesem Bereich. Gerade in einer wieder wachsenden Stadt wie Berlin, einer Metropole mit magischer Anziehungskraft auf Jung und Alt, ist der Bedarf an Wohnraum, vor allem an bezahlbarem Wohnraum, groß. Daher haben Wohnungsgenossenschaften eine wichtige, eine stabilisierende Funktion -  für den Bau und Erhalt von Wohnungen und für die Bereitstellung preiswerter Mietwohnungen. Wenn es die Genossenschaften als Gesellschaftsform noch nicht gäbe, man müsste sie augenblicklich erfinden.

Dabei liegen die Anfänge der Genossenschaften schon im 19. Jahrhundert, im Zeitalter der industriellen Revolution mit ihren tief greifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen. Die ersten Genossenschaften wurden gegründet, um Menschen zu unterstützen, die nur über ein geringes Einkommen verfügten. Die industrielle Revolution trieb die Wirtschaft voran, die Bevölkerung wuchs und immer mehr Menschen zogen in die Städte. Gleichzeitig brachte dieser Fortschritt aber auch große Armut.

Das hatte zur Folge, dass überall Wohnungen fehlten. Deshalb zog man schnell Mietskasernen hoch, die jedoch erhebliche Mängel aufwiesen. Das bedeutete konkret: Es gab kaum gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen für Ärmere. Unmittelbar betroffene Arbeiter und Handwerker, aber auch Bessergestellte, die sich um das Gemeinwohl bemühten, riefen die ersten Wohnungsbaugenossenschaften ins Leben. Sie sorgten so für angemessenen Wohnraum für Familien mit niedrigem Einkommen. Ende des letzten Jahrhunderts waren dann in Genossenschaften auch Kindergärten, Bibliotheken und Freizeitvereine verbreitete Einrichtungen.

Nach einem erfolgreichen Start vieler Genossenschaften, verursachten die verheerenden Auswirkungen der beiden Weltkriege nicht nur eine Einstellung der Bautätigkeit und einen Mitgliederschwund sondern auch, dass zahlreiche genossenschaftliche Bauten in Schutt und Asche fielen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges mussten daher die demokratischen Strukturen der alten Genossenschaft mühsam wieder aufgebaut werden. In der gesamten Bundesrepublik bauten gemeinnützige Wohnungsunternehmen zwischen 1950 und 1985 etwa ein Viertel aller neuen Wohnungen. Genossenschaften waren also ganz unmittelbar und in großem Ausmaß am Wiederaufbau beteiligt.

Ab den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ging es dann weniger um den Neubau als vielmehr darum, den vorhandenen Wohnraum instand zu halten und nach neuen, auch ökologischen Bedürfnissen zu modernisieren. Nach dem Fall der Mauer kamen zahlreiche historische Genossenschaftsbestände wieder in Besitz ihrer Alteigentürmer und hatten einen hohen Instandsetzungs- und Modernisierungsbedarf.

Heute, im 21. Jahrhundert hat sich vieles verändert. Genossenschaften sind moderne Dienstleistungsunternehmen geworden. Sie stehen vor neuen Herausforderungen, hervorgerufen durch den demografischen Wandel und soziale Umbrüche.

Wohnungsgenossenschaften fördern daher nicht nur nachbarschaftliche Netzwerke sondern übernehmen eine neue, aktive Rolle bei der Gestaltung des Wohnumfeldes. Nicht umsonst haben daher die Vereinten Nationen das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen, weil gerade diese Form gemeinsamen Wirtschaftens zeigt, dass soziale Verantwortung und Produktivität vereinbar sind. Die Weltorganisation propagiert damit ein Modell, dass aufgrund seiner Wertorientierung gerade in unsicheren Zeiten viel zu bieten und darüber hinaus in aller Welt viel zur sozioökonomischen Entwicklung beigetragen hat. Und das verdient – wie ich finde – mehr Beachtung. Wer weiß schon, dass Wohnungsbaugenossenschaften in Deutschland zehn Prozent aller Mietwohnungen bewirtschaften? Ich finde, das ist ein beachtliches Ergebnis nach einer gut 100-jährigen und durchaus wechselvollen Geschichte. "Schöner Wohnen", ist der Titel Europas größter Wohnzeitschrift. Und sie bringt es auf den Punkt, was für viele Menschen von hohem Wert ist. Denn eine Wohnung zu haben, die den eigenen Wünschen entspricht, die bezahlbar ist und sich in einer guten Lage befindet – das bedeutet Lebensqualität. Und über ein lebenslanges, krisenfestes Wohnrecht zu verfügen – das bringt Sicherheit in die Lebensplanung. Genau diese Sicherheit und Lebensqualität bringen Wohnungsgenossenschaften.

Zu guter Letzt möchte ich mit dieser Ausstellung den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, aber auch den Besucherinnen und Besuchern zeigen, welchen Anteil die Genossenschaften am heutigen Wohnungsmarkt haben. Sie ermöglichen einen „Dritten Weg“ zwischen persönlichem Eigentum und dem Wohnen zur Miete.

Auch wenn sie als Wirtschaftsunternehmen arbeiten, so steht nicht die Gewinnmaximierung sondern der Zweck, die demokratische Teilhabe ihrer Mitglieder, im Vordergrund. Sie erfüllen daher eine wichtige gesellschaftspolitische Funktion, sorgen für soziale und kulturelle Integration. Die staatliche Förderung und Unterstützung der Wohnungsgenossenschaften stellt daher ein wichtiges und notwendiges Instrumentarium dar und muss – das möchte ich ganz deutlich sagen – unbedingt verbessert werden. Wohnen ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Die Vereinten Nationen haben das Wohnen sogar als Menschenrecht definiert. Es ist in vielen Verfassungen  verankert, auch in der Verfassung von Berlin. Bevor ich nun das Wort an Herrn Wolfgang Lössl übergebe, möchte ich noch drei weitere junge Musikerinnen von der Musikschule  Belá Bartok ankündigen, die zum Abschluss der heutigen Ausstellungseröffnung spielen werden. Es sind Friederike, Amanda und Anika, die mit ihren Klarinetten den musikalischen Abschluss bilden werden. Euch möchte ich ebenfalls zu eurer erfolgreichen Teilnahme am Wettbewerb „Jugend musiziert“ gratulieren und freue mich mit ihnen allen auf einen beschwingten Abschluss.

Noch einmal herzlich Willkommen im Abgeordnetenhaus von Berlin.
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