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Grußwort zur Eröffnung der Konferenz "1848 und Europa"

15.10.2012 19:00, Festsaal

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Ich freue mich, Sie heute Abend im Abgeordnetenhaus von Berlin begrüßen zu dürfen. Herzlich willkommen in unserem schönen Parlamentsgebäude, das ja ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammt, wenn auch aus dem späten 19. Jahrhundert. Als Ort für den Eröffnungsempfang Ihrer Konferenz ist das ganz gewiss ein guter Rahmen. Fühlen Sie sich also als Historiker oder historisch Interessierte hier ein wenig wie zuhause und lassen Sie sich für den morgigen Tag ein bisschen inspirieren. Auch das würde mich freuen.

Ich sage Ihnen auch gleich warum. Das 19. Jahrhundert wird meines Erachtens unterschätzt in seiner geschichtlichen Entfaltungskraft für unsere als modern deklarierte Gegenwart. Vieles von dem, was wir heute als Selbstverständlichkeit annehmen, hat seinen Ursprung in der Zeit von 1800 bis 1900. Das gilt für positive, aber auch für negative Zusammenhänge. Wir finden im 19. Jahrhundert in Deutschland Demokratisierungstendenzen, so wie in den meisten anderen europäischen Ländern ebenfalls. Und wir finden einen nationalistisch übersteigerten Hegemonieanspruch, der Kriege nicht ausschließt, und so ebenfalls das 19. Jahrhundert charakterisiert. Kein Geringerer als Henry Kissinger hat dies in seiner Dissertation „Großmacht Diplomatie“ so wortreich geschildert und aufgearbeitet, jedenfalls für das frühe 19. Jahrhundert.

Was bleibt, ist für mich der Eindruck, dass sehr viele, auch sich widersprechende Entfaltungsaspekte im 19. Jahrhundert angelegt waren. Oder um es prägnant zu sagen: Das 19. Jahrhundert war voller Widersprüche. Wie diese sich schlussendlich auflösten, zeigte sich dann in der nachfolgenden ersten Hälfte des 20. Jahrhundert mit seinen Katastrophen – vor allem in Deutschland.

Es gibt sehr schöne Beispiele, wie unausgeglichen sich das 19. Jahrhundert präsentieren konnte. Da ist unter anderem die Geschichtsschreibung in dieser Zeit. Auch wenn Leopold von Ranke alles mit seiner Historiographie zu überstrahlen schien, die sich nur mit den Herrschenden und dem „Weltgeist“ befasste, so gab es auch ganz andere Strömungen. Es gab schon relativ zeitig einen Paradigmenwechsel im 19. Jahrhundert hin zu einer Geschichtsschreibung „von unten“, hin zu einer Geschichtsschreibung, die von den Beherrschten handelte und diese zum Objekt nahm. Es waren im heutigen Sinne die Vorläufer einer Sozialgeschichte, angesiedelt im Umfeld der sehr populären bürgerlichen Geschichtsvereine, die wie „Pilze aus dem Boden schossen“ seit den 1820er Jahren. Also auch der sozialgeschichtliche Blick auf die Geschichte war nicht erst eine Erfindung der Geschichtswissenschaft nach 1945. Sozialgeschichtsschreibung gab es schon im frühen 19. Jahrhundert.

Auch wir heutigen Politiker in Deutschland fangen an, dass 19. Jahrhundert und im Speziellen die Revolution von 1848 neu zu entdecken. Das hat ohne Frage mit der neuen Selbstvergewisserung in Deutschland zu tun. Als geeinter demokratischer Nationalstaat stellt sich erneut die Frage nach unseren Wurzeln, auch im politischen Raum. Und so kommt das Demokratische in Deutschland, das sich seit dem Vormärz und der Revolution von 1848 sehr wohl artikulierte und auch zeigte, neu in den Blick. Das geeinte und demokratische Deutschland steht in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Das wird nun deutlich.

Es ist gut und klug, dass das wiedervereinigte Deutschland seine Zukunft in einem vereinigten Europa einbringen möchte. Mir scheint, dass die „verspätete Nation“ hier zum Vorreiter in Europa werden muss, zum Vorreiter einer konsequent demokratisch verfassten Europäischen Union. Denn nur so kann unser Kontinent dem globalen Wettbewerb auf Dauer standhalten. Die Krise, die wir derzeit im Westen Europas durchstehen, kann durchaus auch positiv gesehen werden. Wir sind zum Handeln gezwungen: Ohne politische Einheit bleibt die wirtschaftliche Entwicklung auf der Strecke. Europa ist eben mehr als nur Verteilungs-Bürokratie und Währungsraum.

Die Zwänge der heutigen Zeit sind eigentlich klar. Es gibt kaum Alternativen zum geeinten Europa, zur Europäischen Union. Das unterscheidet das 21. Jahrhundert vom 19. Jahrhundert.

In den Widersprüchen des 19. Jahrhunderts lag noch eine Menge Vielfalt. Das erzeugt eben jene Faszination, die die Beschäftigung mit diesem Jahrhundert so interessant und spannend macht. Auch wenn dadurch die Interpretation und Einordnung dieser Zeit so überaus erschwert wird. Vermutlich wird es Ihnen morgen im Rahmen Ihrer Konferenz in Ihren Diskursen häufiger passieren, dass sich die Phänomene nicht immer eindeutig erklären lassen, weil sie sich überlagern.

Mir bleiben noch zwei Dinge zu tun: Ich möchte Ihnen zusagen, wie mein Amtsvorgänger, mich für das Thema 1848 und für die Idee der nationalen Gedenkstätte zu engagieren. Und ich möchte Ihnen morgen
einen erfolgreichen Konferenzverlauf und einen interessanten Erkenntnisaustausch wünschen.

Ich freue mich, dass Sie da sind. Vielen Dank.

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