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"Historische Mitte Berlin"

26.01.2001, ehem. Staatsratsgebäude

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Reinhard Führer
26.01.2001, ehem. Staatsratsgebäude
Sitzung der Expertenkommission "Historische Mitte Berlin"

Das Berliner Parlament - seit genau 10 Jahren wieder das Abgeordnetenhaus von ganz Berlin - hat sich seit 1991 immer wieder mit dem Thema "Historische Mitte " beschäftigt. Bei den Beratungen und Debatten war allen bewusst, dass dieser zentrale Bereich nicht nur eine Aufgabe für die Stadt, sondern Aufgabe und Herausforderung für die ganze Bundesrepublik war und ist.

Was im Herzen der Hauptstadt gestaltet wird, ist immer überregional. Wir wollten es so, und wir wollen es so.

Aber jeder wird verstehen, dass die Berliner selbst - und ihre Abgeordneten im Landesparlament - mit besonderem Engagement diskutieren: Auch im Abgeordnetenhaus von Berlin sind - wie in der öffentlichen Diskussion - unterschiedliche Positionen vertreten worden.

Die Frage, ob das Stadtschloss wieder aufgebaut werden soll, stand auch dort im Zentrum der Debatten. Sie ist die Kardinalfrage: Denn das von Andreas Schlüter entworfene Schloss hat 300 Jahre lang - wenn auch immer wieder verändert - dort das Stadtbild und den Schlossplatz geprägt, - und auch das künftige Aussehen der Historischen Mitte wird durch die Entscheidung über das Schloss bestimmt.

Im Abgeordnetenhaus haben die Befürworter des Wiederaufbaues argumentiert, dass es bei dieser Frage um das Gesicht der Stadt und die Kontinuität unserer Kulturgeschichte gehe. Vor allem eine freie Gesellschaft habe das Recht und die Mittel, die Geschichte dort zu korrigieren, wo sie zerstört hat.

Es wurde darauf hingewiesen, dass Berlin das Glück hat, dass der Schlossplatz von Zeugnissen hoher architektonischer Qualität umgeben ist und diese historischen Bauwerke auf das Schloss ausgerichtet waren: das Alte Museum, der Marstall und - mit begründeter Aussicht auf Wiederaufbau - Schinkels Bauakademie und das Kommandantenhaus.

Die Wiederkehr des Schlosses sei nicht Disneyland, sondern Heilung und Wiedergutmachung des barbarischen Umgangs eines diktatorischen Systems mit Stadtoberfläche. Berlin müsse die Chance nutzen, mit dem Wiederaufbau des Schlosses seine Mitte wiederzugewinnen. Eine Mitte, die 1443 durch die ersten Schloßbauten begründet wurde.

Zu Recht wurde in der Debatte an das Beispiel anderer Städte erinnert: den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden und den entsprechenden Beschluss für das Stadtschloss in Potsdam, aber auch an Vorbilder in Warschau und St. Petersburg. Man könnte hinzufügen: Moskau, wo die Erlöser-Kirche aus dem Nichts heraus neu errichtet wurde.

Die Gegner des Schloss-Wiederaufbaues sprachen sich im Parlament zunächst für eine Zwischennutzung des Palastes der Republik aus - dieser Vorschlag ist inzwischen durch die Asbestsanierung nicht mehr aktuell. Dann wandten sie sich gegen einen, wie sie formulierten, "Rückbau in die Vergangenheit" und forderten, den Schlossplatz zu einem "öffentlichen Politikforum" zu machen.

In den vergangenen Monaten dann richtete sich auch im Abgeordnetenhaus die Aufmerksamkeit auf die angekündigte Expertenkommission, die nun heute hier zusammentritt.

Meine Damen und Herren,
Stadtgestaltung sollte in der Demokratie immer als gemeinsame Aufgabe - und Verpflichtung - empfunden und realisiert werden. Denn Stadtgestaltung ist auch Selbstdarstellung. Möglichst viele Bürgerinnen und Bürger sollten daran beteiligt werden, denn sie sind es, die das neugestaltete Stadtquartier später mit Leben und Urbanität erfüllen müssen. Es sind die Bürger und nicht - mit Verlaub - nur die Planer und Architekten , die darin leben und arbeiten.

Obwohl die Historische Mitte nicht mit anderen Teilen der Stadt vergleichbar ist: Auch in der Historischen Mitte muss Berlin Heimat sein.

Sicherlich wird sich dort nicht das für Berlin so typische Kiez-Milieu entwickeln, - aber auch dort muss sich der Bürger mit seiner Stadt identifizieren können. Dort - und ganz besonders dort - müssen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft städtebaulich sinnvoll und für jedermann erkennbar miteinander in Einklang gebracht werden.

Meine Damen und Herren, in ihrer Dauer, Breite und Intensität entsprach die Diskussion der Bedeutung des Projekts. Zugleich war sie ein demokratischer Meinungsbildungsprozess.

Vor dem Hintergrund der rasanten städtbaulichen Entwicklung in anderen Stadtbereichen - Potsdamer Platz, Friedrichstraße - hat die fast zehnjährige öffentliche Auseinandersetzung über die "Mitte der Mitte" bei vielen verständlicherweise Ungeduld ausgelöst.

Auch ist nicht immer deutlich geworden, dass es um mehr geht als die Frage nach einem möglichen Wiederaufbau des Stadtschlosses. Dennoch kann man dem "Förderverein Berliner Stadtschloss" bestätigen, dass er hervorragende Informations- und Öffentlichkeitsarbeit geleistet und sich auch um das Gesamtprojekt "Historische Mitte" verdient gemacht hat.

Mit der Aufstellung der provisorischen Schloss-Fassade hat er Perspektiven und Maßstäbe in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, für den ganzen zentralen Bereich am Schlossplatz Dimensionen deutlich gemacht und die Bürger zur Stellungnahme herausgefordert. Dass der Förderverein darüber hinaus umfangreiches, wissenschaftlich fundiertes Material zur Rekonstruktion des Schlosses und Vorschläge zur Finanzierung vorgelegt hat, - auch dies war ein Motor für das öffentliche Nachdenken über die Berliner Mitte.

Mit den Debatten über das Schloss war naturgemäß die Auseinandersetzung über den Palast der Republik verbunden. Dabei ist auch versucht worden, dieses Bauwerk hochzustilisieren: zum angeblichen Symbol der Identifikation der Berliner im ehemaligen Ostteil der Stadt.

Der Palast der Republik war jedoch, obwohl dort auch die Volkskammer ihren Sitz hatte, nicht ein DDR-Herrschaftsbau ; der "Palast" war in erster Linie ein Veranstaltungsbau, ein öffentliches Kultur- und Kommunikationszentrum, zu dem die Bevölkerung Zugang hatte.

Von den meisten Berlinern im ehemaligen Ostteil der Stadt wurde er nicht als Staatssymbol empfunden: Mit dem Gebäude verbinden sich für viele von ihnen Erinnerungen an Veranstaltungen und an Erlebnisse im privaten Bereich.

Unter diesem Gesichtspunkt wurden im Verlauf der öffentlichen Schloss-Debatten dann auch Überlegungen zu einer möglichen Kombination von Alt und Neu, von Schloss und "Palast", ins Gespräch gebracht.

Während der jahrelangen Diskussion sind ungezählte Vorschläge gemacht worden. Auch der "Internationale Städtbauliche Ideenwettbewerb Spreeinsel" von 1994 und das "Interessenbekundungsverfahren" von 1997/98 haben Ideen und Konzepte gebracht: Zu einem konkreten Ergebnis haben sie alle nicht geführt.

Sicherlich war es wichtig und hilfreich, eine ausführliche und breit angelegte Auseinandersetzung zu führen, doch jetzt ist - nicht nur im Empfinden der Bevölkerung, sondern auch angesichts der fortgeschrittenen städtbaulichen Entwicklung allgemein in Berlin - die Zeit reif für Entscheidungen.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle eine persönliche Anmerkung: Ich habe mich vor einigen Tagen - gemeinsam mit Vertretern der
Stiftung Denkmalschutz Berlin - über die Restaurierung des Brandenburger Tores informiert. Der Blick vom Tor herab auf die Berliner Mitte zeigte eindrucksvoll, dass die große Straßenachse "Unter den Linden" an ihrem östlichen Ende - am Schlossplatz - endlich wieder einen repräsentativen Abschluss braucht, der der Geschichte und Bedeutung des Ortes gerecht wird.

Meine Damen und Herren, die Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" wird ein umfangreiches Arbeitspensum zu bewältigen haben. Wenn ihr Bericht vorliegt, werden die politisch Verantwortlichen gefordert sein, die Gestaltung der historischen Mitte der Hauptstadt auf den Weg zu bringen und zu realisieren. Und sie sollten dies dann schnell tun.

Ich wünsche der Kommission - zugleich im Namen des Abgeordnetenhauses von Berlin - für ihre Arbeit Glück und Erfolg.

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