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Laudatio bei der Überreichung der Louise-Schroeder-Medaille an Frau Dr. Hanna-Renate Laurien

21.04.1999, Berliner Rathaus

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Prof. Dr. Herwig Haase
21.04.1999, Berliner Rathaus
Überreichung der Louise-Schroeder-Medaille

Sehr verehrte, liebe Frau Dr. Laurien, meine Damen und Herren,

"Persönlichkeiten, nicht Prinzipien, bringen die Zeit in Bewegung" - formulierte schon Oscar Wilde, scharfzüngiger Beobachter der britischen Gesellschaft der Jahrhundertwende. Recht hatte er. Und Sie, sehr verehrte Frau Dr. Laurien, sind eine solche Persönlichkeit.

Wenn Ihnen heute die Louise-Schroeder-Medaille verliehen wird, verbindet sich die Erinnerung an eine der großen Frauen der Berliner Nachkriegszeit mit der Würdigung und Hochachtung für eine der herausragenden Politikerinnen der Gegenwart in unserem Land. Auch Sie sind Ihren Weg mit Selbstbewusstsein, großem Engagement und Durchsetzungsvermögen gegangen. Auch Sie sind eine resolute Kämpferin für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Immer wieder haben Sie darauf hingewiesen, dass Frauen - im Gegensatz zu den meisten Männern - gleichzeitig und damit auch doppelt in Beruf und Familie gefordert sind .

Ihr Lebensweg, sehr geehrte Frau Dr. Laurien, ist geprägt durch ein unbändiges Engagement, das seine Kraft aus dem christlichen Glauben bezieht.

Sie haben einmal gesagt: "Ich habe mich geweigert, in der Politik die Grundlagen meines Selbstverständnisses, das sich aus dem Christentum nährt, zu verschweigen. Ich habe mich geweigert, meine Kirche als apolitische Ansammlung von harmoniesüchtigen Jenseitsgläubigen zu verstehen. Ich habe mich geweigert, nur weil ich eine Frau bin, das Bußgewand der Selbstunterdrückung in Politik und Kirche zu tragen."

Nun, Sie, liebe Frau Dr. Laurien, sich in einem Bußgewand der Selbstunterdrückung vorzustellen, fällt allerdings schwer...

Ihr persönlicher Werdegang ist vielmehr das Gegenteil: Sie waren nacheinander Oberstudiendirektorin, Landtagsabgeordnete, Staatssekretärin und Kultusministerin in Ihrem geliebten Rheinland-Pfalz.

1981 wurden Sie - weit weg von jedem ordentlichen Weinberg, ziemlich am Rande der Bundesrepublik Deutschland, in Berlin, zunächst Senatorin für Schule, Jugend und Sport, ab April 1986 Bürgermeisterin von Berlin, 1989 Vorsitzende des Petitionsausschusses des Abgeordnetenhauses. Von 1991 bis 1995 waren Sie Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin. Darüber hinaus hatten und haben Sie zahlreiche Ehrenämter inne: in Ihrer Partei, der Christlich Demokratischen Union, in der Berliner Frauen-Union und in der Katholischen Kirche als Vorsitzende des Diözesanrates des Bistums Berlin.

Im Gegensatz zu manchen Männern in der Politik haben Sie sich stets durch Konsequenz ausgezeichnet - Konsequenz im Denken und auch im Handeln. Sie waren und sind bereit, auch durchzusetzen, was Sie für richtig erkannt haben. Sie beweisen Härte, wo dies geboten erscheint:

Man erinnere sich nur an Ihre Auseinandersetzungen als Berliner Schulsenatorin mit der GEW, und ich füge an dieser Stelle hinzu: Sie haben es auch Ihrer Partei oft nicht einfach gemacht. Auch wir haben uns erst zusammenraufen müssen.

Aber das ist vielleicht auch gut so. Denn Menschen ohne Kanten und Ecken, zumal wenn sie auch noch politisch tätig sind, gehen nur zu schnell in der Masse unter. Sie, liebe Frau Dr. Laurien hingegen, lassen kaum jemanden unbeeindruckt, Sie rufen noch immer stets und sofort eines von beiden bei den Menschen hervor: Zustimmung oder Ablehnung. Sie sind unverwechselbar.

Immer wieder haben Sie Denkanstöße über den Tag hinaus gegeben:

Früher als mancher andere haben Sie nach dem Hauptstadt-Beschluss des Deutschen Bundestages über die künftige Position und das Selbstverständnis Berlins nachgedacht. Sie haben darauf hingewiesen, dass Berlin sich daran gewöhnen muss, nicht mehr Mittelpunkt zu sein, sondern Mitte für die ganze Republik. Sie haben darauf hingewiesen, dass sich Berlin in seiner neuen Funktion verändern wird und verändern muss, und Sie haben aufgerufen - in erster Linie uns, die Berliner Politiker, sich rechtzeitig auf die neue Rolle der Politik in der Stadt vorzubereiten.

Im Herbst 1992 haben Sie die Berlinerinnen und Berliner aufgerufen, ihren Willen zur Toleranz gegenüber Ausländern zu bekunden. Am 8. November 1992 demonstrierten mehr als 350.000 Menschen friedlich gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Das war ein großer Erfolg. Das war die größte friedliche Demonstration, die unsere Stadt bis dahin gesehen hatte. Die Botschaft, die von ihr ausging, wurde in der Welt verstanden. Umso weniger nachvollziehbar und kritikwürdig war es, dass bestimmte Medien sich einäugig auf die Berichterstattung des Negativen konzentrierten.

Aber Sie, liebe Frau Dr. Laurien, haben immer auch ein beträchtliches Maß an Menschlichkeit in die Politik eingebracht. Sie haben immer wieder gesagt: "Lächeln befreit vom Fanatismus" - das ist nicht nur ein "echter" Laurien-Ausspruch, das ist auch eine der Erkenntnisse, nach denen Sie führen und einen.

Auch für sie gilt, was man einst über Louise Schroeder sagte: Die Sorgen der "kleinen Leute" sind Ihnen ebenso wichtig wie die großen politischen Entscheidungen, von denen Sie nur zu gut wissen, dass sie nicht im luftleeren Raum, sondern immer im Bezug auf die Menschen getroffen werden. Auch deshalb waren Sie eine hervorragende Vorsitzende des Petitionsausschusses. Die Bürgerinnen und Bürger vertrauten Ihnen, ja sie strömten geradezu in das Bürgerbüro, das Sie als Abgeordnete Laurien viele Jahre lang unterhielten. Sie kümmerten sich um die Sorgen der Menschen, nutzten für sie Ihre vielfältigen politischen Verbindungen, Ihr Ansehen und Ihren Einfluss. Sie taten es mit jener persönlichen Souveränität, die ihre Hilfe und Unterstützung gewährt, ohne nach dem politischen Standort des Betroffenen zu fragen. "Die Mutter", so werden Sie, liebe Frau Dr. Laurien, ja von vielen nicht ohne Grund genannt, sorgte und sorgt noch immer dafür, dass auch die "kleinen Leute" zu ihrem Recht kommen.

Sie sind auch die erste Frau, die Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin wurde. Sie haben das Amt einmal als "krönenden Schlussstein" Ihrer politischen Karriere bezeichnet. Und doch kann man es zu Recht auch andersherum betrachten: Sie haben dem Amt Glanz gegeben. Sie haben Ihre jahrelange politische Erfahrung eingebracht, aber auch die Fähigkeit zum Ausgleich über politische Gegensätze hinweg. Und Ihre Liebe zur Kunst - zur modernen insbesondere! - hat dem Hohen Haus sogar ein ganz beträchtliches Tafelsilber in Form von fünf Richter-Bildern eingebracht. Das kann Ihnen wohl keiner von uns so schnell nachmachen.

Sie, liebe Frau Dr. Laurien, haben das Kunststück fertiggebracht, uns allen - quer durch die politischen Lager - zu einem interfraktionellen Gemeinschaftserlebnis zu verhelfen: Vor Beginn Ihrer letzten Plenarsitzung sang Ihnen zu Ehren in der Wandelhalle des Parlaments ein Chor von Abgeordneten aller Fraktionen.

Wo es nötig schien, waren Sie auch als Präsidentin eine strenge Schulmeisterin. Wir alle erinnern uns mit Vergnügen an die anschauliche Lektion, als die Präsidentin uns Abgeordnete mit der neuen Abstimmungsanlage im Plenarsaal vertraut machte. Unter Bezug auf einen Roman Volker Brauns ließen Sie das Parlament statt mit Ja oder Nein didaktisch verständlich über Rippchen mit Sauerkraut oder Vanille-Nudeln entscheiden. Die Rippchen erhielten übrigens damals die Mehrheit... Sicherlich war auch der persönliche Charme der Präsidentin die Erklärung dafür, dass sich die Parlamentarier auf eine solche Abstimmung überhaupt einließen.

Meine Damen und Herren, wir alle wissen nur zu gut: Hanna-Renate Lauriens Karriere ist nicht exemplarisch für die beruflichen und politischen Möglichkeiten von Frauen in unserem Land. Sie hat ihre Grundlage zweifellos in großer Begabung und starker Persönlichkeit, aber auch in dem unbeirrbaren Willen zum Erfolg.

Doch auch heute ist es nie allein der Charme, der eine Frau in Führungspositionen bringt und dort hält. Auch heute ist es notwendig, dass Frauen bei verfassungsrechtlich verankerter Gleichberechtigung ihre Rechte einfordern und immer wieder in einer von den Herren der Schöpfung dominierten Gesellschaft verteidigen.

Dass Sie von solcher "Verteidigung" sehr wohl etwas verstehen, haben wir "Herren der Schöpfung" gelegentlich deutlich zu spüren bekommen. "Hanna-Granata" sagt eigentlich alles...

Meine Damen und Herren, an diesem besonderen Tag möchten wir Ihnen, sehr verehrte Frau Dr. Laurien, Dank sagen, Dank sagen ganz einfach dafür, dass es eine solch außergewöhnliche Persönlichkeit, eine in solch außergewöhnlichem Maß für die Menschen und ihre Wünsche und Hoffnungen offene Politikerin gibt. Wir wären ärmer, wenn es Vorbilder wie Sie es sind, nicht gäbe.

Die Entscheidung, Sie mit der Louise-Schroeder-Medaille auszuzeichnen, bedarf keiner weiteren Begründung: Der Name Hanna-Renate Laurien, der ja zuerst in Rheinland-Pfalz, dann erst bei uns Berlin zu einem Markenzeichen geworden ist, spricht für sich.

Herzlichen Glückwunsch!

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