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Rede des Parlamentspräsidenten Walter Momper bei der Eröffnungsfeier des Ausstellungspavillons der AG NS-Zwangsarbeit

24.04.2010 14:00, Kapelle Kirchhof der Luisenstadtgemeinde in Neukölln

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Walter Momper
24.04.2010, Kapelle Kirchhof der Luisenstadtgemeinde in Neukölln

in der Kapelle Kirchhof der Luisenstadtgemeinde in Neukölln
am Samstag, den 24. April 2010 um 14 Uhr
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Anrede,

wir haben uns an einem Erinnerungsort an die Zwangsarbeit in der Zeit der NS-Gewaltherrschaft versammelt. Neben den vielen Gedenkstätten, Museen und Archiven über die NS-Zeit ist die Eröffnung des heutigen Ausstellungspavillons etwas ganz besonderes. Es geht um sogenannte Fremdarbeiter, die für die Kirche auf den Friedhöfen in Berlin arbeiten mussten und in einem Lager auf dem Friedhof an der Hermannstraße lebten. In dem Barackenlager waren sogenannte "Ostarbeiter" aus den Ländern der damaligen Sowjetunion untergebracht.

Anrede,

viele in Deutschland haben es verdrängt, dass zwischen 1939 und 1945 sogenannten Fremdarbeiter in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft eingesetzt waren - auf Bauernhöfen, in Fabriken, auf dem Bau, zur Blindgängerbeseitigung und auch in Privathaushalten. Sie gehörten zum täglichen Leben dazu. Jeder wusste es, jeder kannte solche Fremdarbeiter. Da war nichts Geheimes und nichts Verborgenes.

Die Situation während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland war so, dass die Männer an der Front waren und die Frauen für die kriegswichtigen Arbeiten dienstverpflichtet wurden. Außerdem wurden in zunehmendem Maße angeworbene Arbeiter und Arbeiterinnen aus dem Ausland und Kriegsgefangene eingesetzt. Erst recht nach 1941 wurden die Fremdarbeiter und Gefangenen in den besetzten Ländern Osteuropas mit Zwang und schließlich mit roher Gewalt rekrutiert und nach Deutschland verbracht.

Anrede,

die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und den Ländern der Sowjetunion, die zwangsweise nach Deutschland gebracht worden waren, bildeten das untere Ende der menschenverachtenden und rassistischen Hierarchie der Nazis. Bereits im Sommer 1940 waren über eine Millionen Polen als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht worden. Es waren rechtlose Arbeitssklaven, die meist unter miserablen Bedingungen leben mussten, häufig unterernährt und oft auch misshandelt wurden.

Wegen des Arbeitskräftemangels begannen Einsatzstäbe 1941 ganz systematisch mit der zwangsweisen Rekrutierung von Millionen Zivilisten aus den Ländern der damaligen Sowjetunion. Sie wurden meistens in Lagern untergebracht und waren von der deutschen Bevölkerung isoliert. Oft waren sie in ihren Heimatländern brutal zusammengetrieben worden und in großen Transporten nach Deutschland verbracht worden. Alles, was das Leben ausmacht, war ihnen hier untersagt: Sie durften nicht in die Öffentlichkeit, sondern blieben in den Lagern eingesperrt.

Anrede,

auch die Kirche griff auf die sogenannten "Ostarbeiter" zurück, die Gräber ausheben und die Opfer der Bombenangriffe und die anderen Toten unter die Erde bringen mussten.

Bereits 1995 gab es Hinweise, dass es in Berliner Kirchenarchiven Akten zum Einsatz von Zwangsarbeitern gab. Dennoch führte erst die in der Bundesrepublik breit geführte Debatte um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern dazu, dass auch hier in der evangelischen Kirche in Berlin nachgeforscht wurde. Dem ehemaligen Bischof Huber gilt für sein großes Engagement in dieser Sache mein herzlicher Dank.

Anrede,

die heute eröffnete Dauerausstellung wird den Opfern ein Gesicht geben. 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollen wir uns damit zu den Taten und Verbrechen unserer Vorväter bekennen und unsere Scham über das Geschehen zum Ausdruck bringen. Wir bitten die betroffenen Völker Ostmitteleuropas und Osteuropas um Vergebung. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, die Erinnerung an das geschehene Unrecht zu bewahren. Unser kollektives Gedächtnis darf nicht vergessen, was damals geschehen ist. Nur wer aus der Geschichte lernt, begeht die gleichen Fehler nicht wieder.

Anrede,

ich wünsche, dass das neue Begegnungszentrum dazu beiträgt, die Menschen in unserer Stadt für das Thema der NS-Zwangsarbeiter zu sensibilisieren. Ich wünsche der neuen Ausstellung viele Besucher und ich danke der Kirche für diesen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung unserer Geschichte.

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