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Rede des Präsidenten bei der Andacht am 9. November 2008

09.11.2008 10:30, Kapelle der Versöhnung (Gedenkstätte Berliner Mauer)

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Walter Momper
09.11.2008, Kapelle der Versöhnung (Gedenkstätte Berliner Mauer)

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, in der Kapelle der Versöhnung bei der Andacht am 9. November 2008 um 10.30 Uhr
(Gedenkstätte Berliner Mauer)
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- Es gilt das gesprochene Wort -

Der 9. November 1989 ist der glücklichste Tag der Deutschen im ganzen 20. Jahrhundert.

Die Menschen aus Ost und West strömten an der Grenze zusammen, dort wo die Mauer sie so lange so brutal getrennt hatte. Die Jahre der Trennung waren endlich vorbei. Kein anderes Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg hat Berlin, Deutschland und Europa so verändert wie die friedliche Revolution von 1989. Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa stand plötzlich am Beginn einer neuen Ordnung. Jahrzehnte des Kalten Krieges und damit die große Last der Teilung lösten sich in wunderbarer Form und ganz friedlich auf. Es war "Wahnsinn", wie die jungen Leute damals sagten. Sie meinten: Ein Wunder ist geschehen.

Das System der DDR war endgültig zusammengebrochen. Das Besondere daran war: Es war ein Staat im Machtbereich der Sowjetunion. Der friedliche Protest besiegte die Stasi, die Mauer und die SED.

Überall in der DDR wollten Bürgerinnen und Bürger sich nicht mehr dem Kuratel der Parteiführung fügen. Sie wollten die Freiheit, die für die westliche Welt ganz selbstverständlich war. Sie wollten eine andere Gesellschaftsordnung. Viele wollten eine freiheitliche und soziale DDR. Deshalb kam die Wendung, dass die Einheit plötzlich möglich war, für alle unerwartet und dann auch noch ganz schnell.

An jenem Abend gab Günter Schabowski die neue bürokratische Reiseregelung überraschend bekannt, die er schon bei einem Gespräch mit mir als Regierender Bürgermeister am 29. Oktober 1989 angekündigt hatte: DDR-Bürger sollten reisen und auf Dauer ausreisen können, ohne Vorliegen besonderer Voraussetzungen.

In der Abendschau des damaligen SFB Sender Freies Berlin habe ich gegen 19.40 Uhr diesen Beschluss interpretiert, um Dynamik ist die Situation zu bringen und die Ankündigung unumkehrbar zu machen. Nicht dass Schabowski eine Stunde später sagen könnte, er habe sich leider geirrt, es sei nicht so gemeint gewesen: Ich zitiere:
"Ich glaube, man darf für alle Berlinerinnen und Berliner sagen: Das ist ein Tag, den wir uns lange ersehnt haben - seit 28 Jahren. Die Grenze wird uns nicht mehr trennen. Wir sind froh, dass wir reisen können. Wir können hin- und herreisen, und auch alle Bürger der DDR können zu uns kommen. Ich glaube: Auch die, die das Land verlassen wollen, können das Land verlassen. Niemand braucht mehr über die CSSR zu reisen.

Ich glaube, dass das wirklich ein Tag der Freude ist. Das macht mich sehr froh, und ich glaube, es sollte uns alle sehr froh machen. Auch wenn wir wissen, dass daraus viele Lasten auf uns zukommen werden. Viele werden uns in den nächsten Tagen und Wochen, vor allen Dingen an den Wochenenden, aus der DDR besuchen. Viele diskutieren in unserer Stadt darüber, was das für uns bedeutet.

Ich möchte alle Berlinerinnen und Berliner in dieser Stunde auffordern und bitten, alle Besucher aus der DDR wirklich mit offenen Armen zu empfangen. Wir sollten es verstehen, wenn Menschen uns nicht haben besuchen können - 20, 28 Jahre lang nicht. Und wenn sie jetzt kommen, weil sie einfach sehen wollen, wie der Westen wirklich ist. Sie kennen unsere Stadt, unser Land über den Fernsehschirm. Sie wollen es mit eigenen Augen sehen. Sie wollen einmal, wie wir das ja auch tun, den Ku'Damm hoch- und runtergehen. Sie wollen einmal in Geschäften gucken. Sie werden das an den vor uns liegenden Wochenenden tun. Und ich denke, wir sollten uns darüber freuen, dass wir wieder zusammen kommen können, dass wir miteinander reden können.

Ich möchte bei der Gelegenheit auch den Bürgern der DDR sagen, die uns alle besuchen wollen: Bitte, wenn Sie zu uns kommen, kommen Sie mit der S-Bahn, kommen Sie mit der U-Bahn. Und ich will auch sagen in dieser Stunde, die uns so froh macht: Ich glaube aus dieser Entscheidung der SED, der DDR-Führung, sollten wir sehen, dass dort der Wille vorhanden ist, sich wirklich dem politischen Wettbewerb zu stellen. Ich glaube, dass dies ein wichtiger Schritt ist."

Diese Botschaft wurde den ganzen Abend über die westberliner Sender und das Fernsehen laufend wiederholt.

Und die Ostberlinerinnen und Ostberliner gingen ab 20.00 Uhr an die Grenze, um einzufordern, was sie gehört hatten. Unter dem Druck der Tausenden, die dort drängten und ohne klare Anweisungen zu haben, öffneten die Grenzsoldaten gegen 23.00 Uhr den Grenzübergang Bornholmer Straße. Jubelnde Menschenmassen, manche vor Glück weinend, quollen über den Übergang hinein in den Wedding. Die Stimmung war euphorisch. Menschen prosteten sich zu. Absperrgitter wurden niedergerissen, die Grenzsoldaten waren ohne Autorität. Der realexistierende Sozialismus war durch eine friedliche Revolution zu Fall gebracht worden. Die Montags-Demos in Leipzig, die Flüchtlinge über die Botschaft in Prag, die Flüchtlinge über Ungarn, all das führte zu dem Schicksalstag hin, an dem ein neues Kapitel unserer Geschichte wurde.

Wenn wir heute über den 9. November 1989 sprechen, dann erinnern wir uns an den Mut und die Tapferkeit der Bürgerbewegung in der damaligen DDR. Und wir erinnern uns an das tapfere polnische Volk, das mit der Solidarnosc seit 1980, trotz Kriegsrecht und nicht enden wollender Entbehrungen, die Bresche schlug. Und wir wollen die Ungarn nicht vergessen, die ihre Grenzen nach Österreich hin schon im Sommer 1989 für die DDR-Bürger geöffnet hatten.

28 Jahre lang waren die Menschen in der DDR eingesperrt. Während im Westen der Marshallplan und die Demokratisierung die Menschen in ein besseres Leben führte, wurden die DDR-Bürger über Jahrzehnte durch eine uneffektive Staatswirtschaft, durch Bevormundung und Entrechtung durch Polizei und Staatssicherheit eingeschüchtert und bevormundet. Der berühmte Ruf: "Wir sind das Volk" wurde zum Symbol für die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Heute nach 19 Jahren- erscheint uns die Deutsche Einheit ganz selbstverständlich. Trotzdem ist es wichtig, dass wir diesen bedeutenden Tag in der Geschichte unseres Landes feiern und - wie am heutigen Tag - überall in Deutschland auch an die Geschichte erinnern. Wir erinnern damit an die Freiheit für alle Deutschen. Und wir wollen nicht vergessen: Die Ursache der Teilung bestand ja gerade darin, dass Deutschland durch Diktatur, Krieg und Holocaust diese Freiheit selbst verspielt hatte.

Deshalb ist der 9. November nicht nur ein Tag der Erinnerung und der Freude, er ist auch ein wichtiger Gedenktag, der eine Geschichte erzählt vom Kampf um Demokratie, um Freiheit und um die Selbstbestimmung des Menschen.

Natürlich ist der langsame und mühevolle Prozess des geduldigen Aufeinanderzugehens und des Zusammenwachsens von Ost und West noch lange nicht zu einem Abschluss gekommen: Darüber hinaus müssen neue Herausforderungen bewältigt werden: Terrorismus, Globalisierung, Wirtschaftskrise und die immer tiefer gehende Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich. Das sind gigantische Aufgaben die gemeistert werden müssen, aber die Arbeit an der Herstellung der inneren Einheit darf darunter nicht leiden.

Der 9. November 1989 ist ein Tag, der sehr gut dazu geeignet ist, die nachwachsende Generation an geschehenes Unrecht, an die Opfer der Mauer, zu erinnern, aber auch die gelungene Revolution zu feiern. Aus den Fehlentscheidungen der deutschen Geschichte lernen und sich an den Vorbildern von Zivilcourage und Bürgermut zu orientieren. Das ist die Erinnerungskultur, die wir pflegen wollen. So lernen wir den aufrechten Gang, an dem es in der deutschen Geschichte zu oft gefehlt hat.

Gerade in einer globalen Welt, in einer Welt, die auch von Unsicherheiten und Ängsten geprägt ist, haben wir mit dem 9. November 1989 ein Ereignis der gemeinsamen deutschen Geschichte auf das wir mit Stolz schauen können. Die Deutsche Einheit ist ein großes Geschenk für uns Deutsche. Sie ist ein wunderbares Beispiel für Zivilcourage, für den Mut und die Entschlossenheit und dafür, dass es sich lohnt, sich für seine Ideale einzusetzen. Mit dem Fall der Mauer begann auch für Europa eine neue Geschichte. Und auch diese Geschichte nimmt einen glücklichen Verlauf. Trotz aller Mühen und Lasten: Wir Deutschen sind immer noch ein glückliches Volk.

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