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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der Einführung von Pfarrerin Ulrike Trautwein in das Amt der Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin

26.11.2011 14:30

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-Es gilt das gesprochene Wort-

Ich darf Sie im Namen des Abgeordnetenhauses von Berlin, aber auch ganz persönlich sehr herzlich an Ihrer neuen Wirkungsstätte willkommen heißen und wünsche Ihnen für Ihre neue Aufgabe in unserer Hauptstadt alles Gute, Fortune und allezeit die Unterstützung Ihrer Gemeinden.

Sie kommen in eine lebendige und offene Stadt mit all ihren Vorzügen und Problemen. Eine Stadt, die neugierig macht und deren Menschen neugierig sind. Und sie werden feststellen, dass man schnell Berlinerin werden kann, ohne hier geboren zu sein. Dazu braucht es nur etwas Verständnis für den rauen Charme des Berliner Alltags und die - manchmal etwas schroffe - Mundart der Berlinerinnen und Berliner. Die Direktheit dieser Stadt kann gelegentlich anstrengen, sie ist aber immer ehrlich.

Berlin hat zwar 12 Verwaltungsbezirke, die alle einer Großstadt entsprechen, aber der Berliner lebt in seinem Kiez. Der Kiez ist für ihn Mittelpunkt der Welt. Dieses Bewusstsein darf nicht mit Provinzialismus verwechselt werden.

Es hat vielmehr etwas mit der Sehnsucht der Menschen nach Heimat zu tun. Insofern hoffe ich, dass Sie, Frau Generalsuperintendentin, für sich einen Kiez erobern und dort heimisch werden. Eines Tages werden Sie dann plötzlich Berlinerin sein.

In der Evangelischen Kirche in Berlin werden Sie sich ganz neuen Aufgaben zu stellen haben. Jeder Amts-wechsel bedeutet einen Neuanfang. Das gilt auch in einer so traditionsreichen und feststehenden Ritualen folgenden Institution wie der Kirche. Denn jeder von uns übt sein Amt etwas anders aus.

Jeder Wechsel bringt neue Akzente, so wie Sie, sehr geehrte Frau Generalsuperintendentin, diese in den kommenden Wochen und Monaten setzen werden. Und die Erwartungen sind groß.

Sinkende Mitgliederzahlen, aber auch unterschiedliche Wünsche der Gläubigen an Ihre Kirche gehören zu den zentralen Themenfeldern. Dabei werden Sie es nicht immer leicht haben, denn Strukturreformen brauchen Kraft und viel Zeit. Der Erklärungsbedarf ist hoch. Der Wunsch nach Veränderung stößt immer auch auf das Beharrungsvermögen des Althergebrachten. Aus Ihrem Vortrag in der St.-Bartholomäus-Kirche vom Mai dieses Jahres entnehme ich, dass Sie sich dem annehmen möchten. Im Bewusstsein, dass Reformen schmerzlich sein können, haben sie in diesem Vortrag formuliert: „Bewegung tut uns gut.“ Das gilt in der Kirche genauso wie in der Politik.

Aber dieser Satz passt auch sehr gut zu Berlin. Die Stadt ist immer in Bewegung und man darf seine Zweifel haben, ob das „Projekt Berlin“ jemals abgeschlossen sein wird. Gerade das macht den Reiz Berlins aus. Das macht es aber für die Kirchen – wie für jede große Organisation – in einer Millionenstadt wie Berlin besonders schwer.

Sie, sehr geehrte Frau Generalsuperintendentin, treten Ihre neue Aufgabe in einer Zeit an, in der in unserer Gesellschaft in Bezug auf religiöse Fragen, zwei in gewisser Weise gegenläufige Tendenzen bestehen. Einerseits wenden sich immer mehr Menschen von den traditionellen Kirchen ab, andererseits steht die Beschäftigung mit Religion oder existenzphilosophischen Fragen hoch im Kurs.

Von der Institution Kirche wird erwartet, was der Großstädter im weltlichen Leben vermisst: Denn wir leben in einer Epoche der Unbeständigkeit: Befristete Arbeitsverträge, Fernbeziehungen, zum Teil über Länder hinweg verstreute Familien und Freundeskreise, flexible Arbeitszeiten.

Die geforderte Modernität, Mobilität und Flexibilität des Lebens bringt nicht nur Vorteile mit sich: Die junge Generation profitiert zwar von einer nie gekannten Weltläufigkeit und einem reichen Schatz an Erfahrungen und Wissen.

Aber es wächst auch der Wunsch vieler Menschen nach Beständigkeit und Verlässlichkeit, nach Ruhe, Nachdenklichkeit und Besinnung, die bei der Kirche, beim Seelsorger, bei der Gemeinde und im Gottesdienst zu finden sind. Darin liegt für Ihre Kirche in Berlin auch eine Chance.

Besonders dringlich empfinde ich den Wunsch junger Menschen nach Orientierung. Deshalb möchte ich gerade die Arbeit der Gemeinden mit Kindern und Jugendlichen betonen. Beim anstehenden Europäischen Taizé-Jugendtreffen in Berlin am Ende dieses Jahres wird wieder deutlich werden, dass junge Christen große Erwartungen an ihre Kirchen und an die Gesellschaft insgesamt haben. Nicht umsonst soll es in diesem Jahr um „Wege des Vertrauens“ gehen.

Die Kirchen sind einer der Grundpfeiler unseres Gemeinwesens. Berlin ist – auch das gilt es auszusprechen – keine Stadt, die von einer einzigen Religion geprägt wird. Dabei verfügt Berlin über eine große protestantische Tradition.
Aber sie war auch immer eine Stadt, in der zahlreiche Menschen entschieden haben, ohne Religion zu leben. Ganz besonders prägend war dabei die Idee der preußischen Toleranz gegenüber den Religionen.

Unsere Stadt zeichnet heute eine große Vielfalt der Kulturen und Lebensstile aus. Sie ist ein Ort unterschiedlicher religiöser Bekenntnisse. Diese Vielfalt braucht Toleranz.

Die Berliner Landespolitik hat sich in den vergangenen Jahren der Aufgabe gestellt, diese Toleranz stetig neu zu schaffen und zu sichern. Aber mir ist wichtig zu betonen: Toleranz ist kein antireligiöser Reflex. Das Christentum hat seinen Platz in Berlin und die Stimmen der Kirchen finden das Gehör der Verantwortlichen.

Ich freue mich auf Ihre Beiträge zur öffentlichen Debatte und über die Sichtbarkeit der Evangelischen Kirche in Berlin. Für Ihre Aufgabe wünsche ich Ihnen, Frau Generalsuperintendentin, alles Gute und heiße Sie nochmals herzlich willkommen in Ihrer neuen Heimat Berlin.

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