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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Warschauer Ghettos

04.05.2016 17:00, Jüdisches Gemeindehaus

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Wir blicken seit einiger Zeit auf rassistische Entgleisungen in Deutschland, die erschrecken. Erinnerungen werden wach – Erinnerungen an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. An manchen Orten in Deutschland geht der Mob  wieder auf die Straße und findet politische Unterstützung für menschenverachtende Parolen. Der Feind sind wieder Menschen, die nicht zu unserer Gesellschaft gehören sollen.
 
Es sind Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen. Es sind Menschen, die Schutz suchen. Es sind Menschen, die wieder einmal durchatmen wollen, die sicher sein wollen.
 
Aber all das zählt nicht in den Augen der Leute, die sich verharmlosend Wutbürger nennen. Es sind gefährliche Antidemokraten. Es sind Feinde unserer Demokratie. Es gab Morde rechtsextremer Terroristen.
 
All das macht eines deutlich: Unsere Demokratie steht vor einer neuerlichen Herausforderung. Und wir müssen diese Herausforderung annehmen.  Der demokratische Rechtsstaat ist nicht wehrlos. Wehrlos sind im Zweifel immer nur die Opfer. Das lehrt uns die Geschichte. Diese Lehre können wir auch ziehen, wenn wir den Kampf im Warschauer Ghetto in unser Blickfeld nehmen.
 
Zu Ehren der Opfer des Warschauer Ghettos sind wir heute – wie in jedem Jahr – zusammengekommen.
 
Wir würdigen so den Mut und die Tapferkeit derjenigen, die nicht ohne Gegenwehr in den Tod gehen wollten. Und wir erinnern mit Schaudern an den grausamen Völkermord an Millionen europäischer Jüdinnen und Juden. Die Verbrechen der Nationalsozialisten sind ohnegleichen.
 
Sie stehen für das Unvorstellbare – für Demütigungen, für Hunger, für Todesangst. Das mahnt uns Deutsche, derartiges Unrecht nie wieder zuzulassen.
 
Nie wieder.
 
Wunden sind geblieben.
 
Aber es ist auch etwas Versöhnendes geschehen nach dem Zweiten Weltkrieg. Was aus einem verantwortungsvollen Umgang mit der Vergangenheit erwachsen kann, das zeigt das heutige freundschaftliche Verhältnis zwischen Israel und Deutschland.
 
Wenn ich heute – wie fast in jedem Jahr - bei Ihnen bin, dann erscheint es mir immer noch wie ein Wunder. Der Weg dorthin war überhaupt nicht einfach. Viel Geduld und Zeit waren nötig, damit Vertrauen wachsen konnte, hinweg über die Gräben der Vergangenheit. Möglich wurde ein gemeinsamer Weg, weil das Land der Opfer dem Land der Täter die Hand gereicht hat - erst zögernd, dann entschieden.
 
Der Weg wurde auch deshalb möglich, weil mein Land sich zu seiner historischen Schuld bekannte und bekennt, und weil wir zur Verantwortung für das Existenzrecht Israels stehen. Heute verbindet uns - 73 Jahre nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto, 71 Jahre nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern, nach dem Ende des NS-Terrors - eine besondere und  einzigartige Freundschaft.
 
Getragen wird sie von Menschen auf beiden Seiten. Vor allem, und das freut mich ganz besonders, von jungen Menschen. Jedes Jahr nehmen rund 9.000 Jugendliche an Austauschprogrammen teil. Und jeder, der in Berlin dieser Tage in die U-Bahn steigt, der weiß, wie es sich anhört, wenn israelische Besucher voller Begeisterung über ihre Berliner Erlebnisse diskutieren.
 
Jeder vierte Israeli hat Freunde in Deutschland; fast jeder zweite in der jüngeren Generation war selbst hier – so zeigen es jedenfalls Umfragen.
 
Es freut mich sehr, dass in Deutschland das jüdische Leben wieder blüht. Dass bei uns wieder Rabbiner ordiniert werden. Und dass junge Juden ihre Kultur und Religion hier feiern. Dass das so ist, und dass so viele junge Israelis neugierig sind auf das Land, in dem ihren Familien so viel Leid zugefügt wurde, das sollte uns zugleich mit Demut und mit Freude erfüllen.
 
Meine Damen und Herren,

Erinnerung hat kein Verfallsdatum.
 
So sagte es jüngst unser Außenminister Frank-Walter Steinmeier.
 
Und deshalb kommt dem Geschichtsunterricht in unseren Schulen eine besondere Bedeutung zu.
 
Es hängt viel davon ab, wie wir unserer jungen Generation den verantwortlichen Umgang mit unserer deutschen Vergangenheit vermitteln.  Natürlich: Es wird jedoch immer schwieriger, diese Erinnerung zu erhalten. Denn leider können immer weniger Überlebende des NS-Grauens von ihren Erlebnissen selbst berichten.  Die Arbeit, die viele andere in Stiftungen und Organisationen für die Erinnerungsarbeit leisten, ist deshalb unheimlich wertvoll: Sie und deren Mitarbeiter sorgen dafür, dass die persönlichen Geschichten jener, denen furchtbares Leid geschehen ist, nicht ungehört verhallen. Und dass uns die Stätten des nationalsozialistischen Grauens überall in Deutschland und darüber hinaus  als sichtbare Mahnung erhalten bleiben.
 
Damit wir daraus lernen können. Wenige Menschen haben uns dazu so eindrücklich gemahnt, wie der berühmte polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski. Er wurde als junger Mitkämpfer am Warschauer Aufstand nach Sachsenhausen verschleppt und gehörte zu den 3.000 Menschen, die im April 1945 befreit wurden.
 
Vor 21 Jahren hielt er in Sachsenhausen ein bewegendes Plädoyer gegen das Vergessen.
 
„Eines weiß ich“, so sagte er damals, „dass das künftige Europa ohne Gedenken an all diejenigen …. nicht existieren kann, die in der damaligen Zeit voller Verachtung und Hass umgebracht, zu Tode gefoltert, ausgehungert, vergast, verbrannt, aufgehängt wurden und auf den Schlachtfeldern gefallen sind. Deswegen sind wir heute hier.“
 
Diese Sätze bleiben als Mahnung immer stehen.
 
Shalom!
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