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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der deutschen Uraufführung "Requiem für die Welt" anlässlich des 75. Jahrestages des Überfalls auf Polen

05.09.2014 20:00, Haus des Rundfunks, Großer Sendesaal

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- Es gilt das gesprochene Wort -

Tür an Tür leben Polen und Deutsche seit über 1000 Jahren, doch in keinem Jahrhundert ist ihre Beziehung so tiefgreifend erschüttert worden wie im 20. Jahrhundert. Mit dem 1. September 1939, dem Überfall Deutschlands auf den polnischen Nachbarn, und die darauf folgenden langen Jahre der Unterjochung, der Ermordung und Ausbeutung durch das Nazi-Regime und seine Schergen hatte Deutschland eine schwere Hypothek auf sich geladen.

Polen hat unter der deutschen Besatzung gelitten wie kein anderes Volk. Fast jede Familie hatte Opfer des apokalyptischen Schlachtens und Mordens zu beklagen. Krieg und Besatzung hinterließen am Ende des Krieges ein verwüstetes Land. Das wollen wir nicht vergessen und deshalb stehen wir Deutschen in der Schuld gegenüber dem polnischen Volk.

In diesem Jahr blicken wir auf den Ausbruch des Ersten  Weltkriegs  vor 100 Jahren  zurück, auf die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. In deren Folge entfesselte Deutschland bereits 25 Jahre später – 1939 – , nachdem Hitler sechs Jahre lang aufgerüstet hatte, den verheerendsten Feldzug der neueren Geschichte. Und vor 25 Jahren – auch dieses Ereignis werden wir in diesem Jahr  noch begehen – fiel endlich der Eiserne Vorhang. Mit den friedlichen Revolutionen des Jahres 1989 hatte die europäische Teilung ihr  Ende  gefunden. Für Polen und Deutschland waren das Momente großen Glücks und wir wissen, was wir den Vorkämpfern in Polen zu verdanken haben.

Doch der Weg, die Entwicklung hin zu diesen gemeinsamen Momenten des Glücks und hierher, wo wir heute in Europa stehen, war nicht selbstverständlich. Der "Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre Amtsbrüder" öffnete im November 1965 mit dem ebenso berühmten wie berührenden Satz "Wir vergeben und bitten um Vergebung" den Dialog. Die Geste des  Kniefalls in Warschau im Dezember 1970, als Willy Brandt  sich für das deutsche Volk am Denkmal der Helden des Ghettos vor den Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie verneigte und damit um Verzeihung und Vergebung bat, kann als Annahme dieses Angebots der polnischen Geistlichen um den Breslauer Bischof Kominek verstanden werden. Der entscheidende Schritt hin zu einer deutsch-polnischen Versöhnung war gemacht.

Die Ostverträge und vor allem auch die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie waren natürlich in dieser Zeit wichtige Marksteine. Der Prozess der Annäherung und Versöhnung hat lange gedauert, aber er ist gelungen. Der polnische Staatspräsident  Bronislaw Komorowski sprach  am letzten Montag bei der Gedenkveranstaltung auf der Westerplatte vom „Wunder der Entfeindung“. Besser kann man die Aussöhnung zwischen unseren Völkern nicht beschreiben. Heute  sind Polen und Deutschland ganz selbstverständlich gute Nachbarn und Partner in der Europäischen Union.

Das Wunder der Aussöhnung schlägt sich auch  in ganz realistischen Zahlen nieder: Eine Umfrage des  polnischen Meinungsforschungsinstituts CBOS hat im Jahr 2011 ergeben, dass 48 % der Polen eine positive Einstellung zu Deutschen haben und nur 14 % ein negatives Verhältnis attestieren. In diesem Kontext  steht das heutige Festkonzert zum 75. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Projekt ‚Requiem für die Welt‘ führen polnische und deutsche Künstler  gemeinsam das Lebenswerk von Roman Maciejewski das erste Mal in Deutschland auf.

Der Komponist selbst wollte mit seinem Werk den „tragischen Widersinn von Kriegen“ bewusst machen und er setzte alle Hoffnung auf den Weg von Vergebung und  Frieden.

Ich danke der Posener Philharmonie sehr für diese außergewöhnliche Idee, die Opfer aller Kriege zu ehren und gleichzeitig damit zu zeigen, dass sich die Hoffnung des Komponisten auf Vergebung und Frieden erfüllen kann.

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