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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Initiative Berlin-USA

08.06.2016 18:00, Festsaal

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Sie haben mich gebeten, heute Abend die Festrede zum 30. Geburtstag der Initiative Berlin-USA zu halten.
 
Ich bin dieser Bitte natürlich gerne nachgekommen.  Einmal, weil ich die Beziehungen Deutschlands, die Beziehungen aber auch Berlins zu den USA als wichtigen Baustein unserer heutigen eigenen staatlichen Identität ansehe.  Sie sind für unser Land essentiell und existenziell. Und andererseits: Ich war Alexander Longolius, dem Gründervater der Initiative nicht nur politisch verbunden.
 
Wir haben uns auch menschlich gut verstanden. Und so empfinde ich durchaus eine Verpflichtung, auch für ihn heute Abend zu sprechen, um das zu würdigen, was er mit aufgebaut hat – Ihre Initiative Berlin-USA.
 
Sie haben mir für den heutigen Abend ein „kleines“ Thema gestellt.
 
Sie haben mich gebeten, mir ein paar Gedanken zu den Beziehungen Berlins zu den Vereinigten Staaten von Amerika zu machen.
 
Meine Damen und Herren,
 
ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie an die gegenwärtigen Beziehungen unseres Landes, unserer Stadt, zu den USA denken.
 
Mein Gefühl sagt mir jedenfalls: Da hat sich etwas verändert in den letzten zwei Jahrzehnten.
 
Wir leben immer noch mehrheitlich in großer Dankbarkeit gegenüber den Amerikanern, fühlen uns diesem Land innig verbunden, weil wir eine enge geschichtliche Bindung zu den USA haben und auch viele Werte, die diesem großen Land wichtig sind, teilen.
 
Die heutige junge Generation, ohne persönliche Erfahrungen aus dem Kalten Krieg, sieht dann schon eher Dinge, die sie an der amerikanischen Politik kritisiert.
 
Es gibt auch bei den Amerikanern Anzeichen, wie ich finde, die darauf hindeuten, dass sie Deutschland nicht mehr nur als Verbündeten sehen, sondern ebenso als Konkurrenten und zumindest als starken Mitbewerber.
 
Denken wir zum Beispiel an die NSA und die intensiven  Abhöraktionen gegenüber unserer Bundesregierung.
 
Oder nehmen wir die insgesamt rasant gestiegene Wirtschaftsspionage, die auch von amerikanischen Geheimdiensten betrieben wird.
 
Das sind nur zwei Beispiele.
 
Aber sie zeigen deutlich in eine Richtung: die Zeit des Beschützens ist vorbei.
 
Deutschland ist für die USA zu einem selbständigen Staat herangereift, den diese Weltmacht nicht nur bündnispolitisch wahrnimmt, sondern auch machtpolitisch.
 
Und es stimmt ja auch: Deutschland ist jetzt im vollen Sinne des Wortes souverän. Und wir gehören zu den führenden Nationen auf dem europäischen Kontinent.
 
Ökonomisch und politisch.
 
Übrigens, ob wir es wollen oder nicht, diese Rolle wird uns von unseren Partnern zugewiesen. Natürlich in der Erwartung, die daraus folgende Verantwortung auch wahrzunehmen.
 
Aber es ist meines Erachtens nicht nur die volle Souveränität unseres Landes, weshalb die USA Deutschland mit anderen Augen sehen, als vor der Vereinigung. Ein wirklich ernstzunehmender Vorgang war meines Erachtens für die USA die Einführung des Euro.
 
Dieses Projekt wurde ja gerade von Deutschland besonders forciert. Das hat und hatte rein europäische Gründe, um die europäische Vereinigung voranzutreiben und um Deutschland wirtschaftlich und fiskalisch stärker mit Europa zu verzahnen.
 
Aber jenseits des Atlantiks konnte dies auch als Angriff auf die Leitwährung der Welt, als Angriff auf den Dollar begriffen werden.
 
Zumal: Der Dollar schwächelte um die Jahrtausendwende.
 
Meine Damen und Herren,
 
wie auch immer: die USA gehen mit Deutschland, gehen mit dem kontinentalen Europa anders um, als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
 
Und wenn es noch einen Hinweis braucht, um diese Beobachtung zu stützen, dann reicht ein Blick auf das heutige Flüchtlingsproblem.
 
Die USA sind nicht bereit, Europa in dem Maß bei der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen zu unterstützen, wie wir das vielleicht erwarten und erhoffen.
 
Übrigens anders als Kanada.
 
Wie auch immer das zu verstehen ist, es zeigt, dass Europa mehr denn je auf sich selbst zurückgeworfen ist.  Oder anders formuliert: Europa muss selbständiger die Aufgaben lösen, die uns gestellt werden.
 
Das hat nicht nur Nachteile.
 
Europa muss eben lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Das gilt ebenso für Deutschland. Und es gilt für Berlin.
 
All das sollte aber über ein Grundempfinden der Berlinerinnen und Berliner nicht hinwegtäuschen: In Berlin werden wir die USA vor allem als Schutzmacht ansehen und diesem Land auf unabsehbare Zeit dankbar bleiben. Und ohne das Engagement der USA im geteilten Berlin gäbe es heute kein freies Berlin.
 
Dessen sollten wir uns immer bewusst bleiben.
 
Ich weiß: Dankbarkeit mag keine historische und auch keine außenpolitische Kategorie sein – wir in Deutschland empfinden aber so in unseren Beziehungen zu den USA.
 
Warum das so ist, wird deutlich, wenn wir auf unsere Stadt Berlin blicken und die Jahrzehnte gedanklich Revue passieren lassen, in denen die Amerikaner Berlin sicherten.
 
Was war das für eine wechselvolle Geschichte seit 1945, die wir gemeinsam durchlebten.
 
Die Luftbrücke, der Besuch John F. Kennedys nach dem Mauerbau – diese Bilder sind in unser  kollektives Gedächtnis eingebrannt.
 
Der Wiederaufbau der Stadt, die Freie Universität Berlin, die Amerika-Gedenkbibliothek, das Amerika-Haus, die Kongresshalle – dies sind bis heute Symbole einer Freundschaft, die genau genommen schon knapp 250 Jahre existiert. 
 
Bereits mit der Geburtsstunde der US-amerikanischen Demokratie im Jahre 1776 schickten die Aufständischen Gesandte nach Berlin. Sie sollten Handelsbeziehungen mit Preußen aufbauen.
 
Und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der jungen Demokratie USA und der aufstrebenden Monarchie Preußen datierte auf das Jahr 1797, als der damalige amerikanische Rechtsanwalt und Politiker John Quincy Adams in Berlin Botschafter wurde.
 
1825 wurde er übrigens der sechste US-amerikanische Präsident.
 
Doch es sind weniger die staatlichen Beziehungen, die das Verhältnis von Berlinern und Amerikanern prägten und noch heute prägen.
 
Die Tiefe des Verhältnisses wird vielmehr durch kulturelle Einstellungen bestimmt.
 
Dafür gibt es unzählige Beispiele.
 
So war die Berliner Universität am Anfang des 19. Jahrhunderts ein Anziehungspunkt für angehende Akademiker aus Amerika. Unter ihnen war auch der renommierte Historiker und Autor George Bancroft.
 
Bancroft schrieb das Standardwerk ‚History of the USA‘.
 
Auch Bancroft kehrte nach Berlin zurück, um hier von 1867 bis 1874 sein Land als Botschafter zu vertreten. 
 
 In der Kaiserzeit war es vor allem die technische Modernität, die Berlin so interessant für Amerikaner machte.
 
So bezeichnete etwa Mark Twain, der von 1891 bis 1892 in Berlin wohnte, die prosperierende Preußenmetropole als ‚Chicago Europas‘, hielt aber die Aura Berlins für viel jünger als die Chicagos, was ja ein wenig überrascht.
 
Doch Twain scheint ein ähnliches Empfinden gegenüber Berlin entwickelt zu haben, das 1910 dann der Kunstkritiker Karl Scheffler Berlin ins Stammbuch schrieb: Berlin sei dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein.
 
Schefflers Anmerkung zu Berlin war sehr kritisch gemeint. Für ihn blieb Berlin gesichtslos.
 
Twain hingegen war begeistert vom juvenilen Berlin.
 
Diese Begeisterung für Berlin teilten viele Amerikaner, die dann nach dem Ersten Weltkrieg mit dazu beitrugen, dass in Berlin die Goldenen Zwanziger Jahre anbrachen.
 
Besonders die Jahre zwischen 1924 und 1929, dem Jahr der einsetzenden Weltwirtschaftskrise, werden als die ‚Goldenen Zwanziger‘ bezeichnet. Das Berliner Nachtleben war in dieser Zeit geprägt von amerikanischer Musik. Die amerikanischen Künstler, die nach Berlin kamen, präsentierten Gospelgesänge, Ragtime und Cakewalk.
 
Aber auch der Jazz hielt Einzug in die Konzertsäle der Reichshauptstadt. Ein freiheitliches Lebensgefühl machte sich breit, das dann jäh unterbrochen wurde durch die Wirtschafts- und Sozialkrise im Endstadium der Weimarer Republik.
 
Doch ebenso der Aufstieg der Nationalsozialisten setzte dem internationalen urbanen Leben in Berlin ein abruptes Ende. Wie ernst es den Nationalsozialisten war, auch kulturell internationale Einflüsse zurück zu schrauben, zeigte früh im Jahr 1933 die öffentlich inszenierte Bücherverbrennung.
 
Sie war Kulturbarbarei der niederträchtigsten Art und betraf auch internationale Schriftsteller. Und natürlich waren amerikanische Autoren betroffen.
 
Ich nenne nur: Theodore Dreiser, Ernest Hemingway, Jack London, John Reed und Upton Sinclair.
 
Berlin hat damals viele Freunde und Gönner verloren. Ja, Freunde wurden zu Feinden deklariert.
 
Doch wir können froh sein: manchmal ist die Geschichte eben doch eine Instanz der Gerechtigkeit.
 
Als Besatzer kamen sie dann im Juli 1945 wieder in die Stadt zurück.
 
Flankiert durch die Truman-Doktrin und wegen der besonderen geopolitischen Lage Berlins im Kalten Krieg sicherten die westlichen Alliierten ihre Sektoren in Berlin.
 
Und für die Berlinerinnen und Berliner schufen sie so Sicherheit.
 
Aus Besatzern wurden schließlich Schutzmächte – und später auch wieder Freunde.
 
Meine Damen und Herren,
 
viele Präsidenten der USA besuchten Berlin.  Die meisten kamen aus ehrlicher Verbundenheit mit unserer Stadt zu uns.
 
Mich persönlich hat auch sehr beeindruckt, dass der Präsidentschaftskandidat Obama im Juli 2008 nach Berlin kam und an der Siegessäule eine Rede hielt.  Hunderttausende säumten die Straßen an der Siegessäule.  Die Menschen hingen an seinen Lippen, weil sie an seine Botschaft glauben wollten: A world that stands as one.
 
Dass Obama diese Botschaft von Berlin aus verkündete, hat uns Berlinerinnen und Berliner stolz gemacht.
 
Das war das erste Mal, dass ein Präsidentschaftsbewerber Berlin zur Plattform seiner internationalen Botschaften machte.
 
Für mich persönlich war natürlich dann sein Berlin-Besuch als Präsident im Jahr 2013 ein prägendes Ereignis.
 
Amerikaner in Berlin – das hat Tradition, wie ich in aller Kürze anzudeuten versuchte.
 
Sie lebt fort.  Da bin ich mir sicher.
 
Dazu hat auch die Initiative Berlin-USA in den vergangenen dreißig Jahren beigetragen.  Sie wird es auch künftig tun.  Und dafür gebührt Ihnen Dank.
 
Meine Damen und Herren,
 
eines wissen wir ganz sicher: Ohne die Amerikaner wäre Berlin heute nicht frei und Berlin wäre nicht demokratisch. Diese Geschichtslektion sollten wir niemals vergessen.
 
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
 
 
 
 
 
 
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