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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland bei der zentralen Gedenkveranstaltung am Gedenkort "Station Z"

04.05.2014 15:30, Gedenkstätte Sachsenhausen

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- Es gilt das gesprochene Wort -

Wir gedenken heute der Tage des Jahres 1945, an denen polnische und sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Sachsenhausen erreichten und die Überlebenden befreiten. Stellvertretend für die Zeitzeugen und Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, die heute hierher gekommen sind, danke ich Ihnen, lieber Herr Bordage als Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees. Sie haben die anstrengende Anreise erneut auf sich genommen  und sind an den Ort des Grauens zurückgekehrt.  Ich empfinde es als besondere Ehre, an diesem besonderen Tag zu Ihnen allen zu sprechen. Dass so viele Überlebende und Familienangehörige an der heutigen Gedenkveranstaltung teilnehmen, sehe ich als besonderes Zeichen der Versöhnung mit den Nachgeborenen. Und dafür danke ich Ihnen.

Die bleibende Existenz dieses authentischen Ortes hier in Sachsenhausen ist ein wichtiger Markstein unserer Erinnerungskultur. Deshalb gilt mein nachdrücklicher Dank Herrn Prof. Morsch und seinem Team, die wirklich unermüdlich forschen, erhalten, rekonstruieren – kurzum, das gesellschaftliche Gedächtnis nicht nur der Deutschen, sondern auch weit darüber hinaus – ergänzen, korrigieren, bewahren.

Wir alle wissen, es gibt keine feststehende Gebrauchsanweisung für die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Mir scheint es aber immens wichtig zu sein, dass die Denkzeichen der Unmenschlichkeit konkret bleiben wie hier am Gedenkort „Station Z“. Nur die konkrete Konfrontation mit dem Leid, dem Tod, schützt uns davor, vom Singulären der ungeheuerlichen Nazi-Verbrechen in eine universelle Betrachtung überzugehen. Nur wenn es uns gelingt, die jetzigen und die folgenden Generationen auch emotional für das unendliche Leid der Opfer zu sensibilisieren und im wahrsten Sinne des Wortes Mit-Leid zu bewirken, ist der Weg offen dafür, den Vernichtungscharakter der nationalsozialistischen Herrschaft  zu erkennen und daraus politische Konsequenzen für das eigene Handeln zu ziehen.

1933 wurde Hitler die Macht in den Schoß gelegt. Wie ein bösartiges Geschwür wucherte die braune Bewegung in wenigen Monaten und fraß sich binnen Kürze durch alle Bereiche des Lebens.

Dieser 30. Januar 1933 markierte den Anfang des Untergangs und den Beginn einer uneingeschränkten Diktatur in einem Land, das bis dahin als Land der Dichter und Denker bewundert wurde, das rechtsstaatlich und sozialstaatlich organisiert war. Übrigens, unser Parlamentsgebäude, in dem mein Amtssitz ist, in dem das Abgeordnetenhaus von Berlin tagt, ist nur eine Straßenbreite von der Gedenkstätte „Topografie des Terrors“ auf dem Gelände der ehemaligen Zentrale der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo, entfernt. So dicht liegen Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander. Die Häftlinge wurden von dort direkt und jeden Tag in das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt, eben hierher gebracht. Sachsenhausen war das Lager für Berlin. Es lag kurze acht Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt und 45 S-Bahn-Minuten von der Gestapo im Zentrum Berlins.

Sehr geehrte Damen und Herren,
unter Ihnen sind heute  an dieser so zynisch betitelten Station Z  Überlebende dieses Terrorregimes. Sie sind die Zeugen der Gräueltaten, aber auch der Befreiung und der Entwicklung Deutschlands und Europas über die letzten 69 Jahre zu einer demokratisch zusammengewachsenen Union.

Die verhängnisvolle Geschichte, die hier an diesem Ort so besonders präsent ist, mahnt an die große Verantwortung, die insbesondere wir Deutschen haben. Die Zeit des  Nationalsozialismus ist eine Schlüsselepoche der europäischen Geschichte. Ein Vergleich mit anderen Diktaturen des 20. Jahrhunderts wäre nicht adäquat. Es geht um einen Geschichtsabschnitt, der unser Land und Europa mehr geprägt hat als jede andere Epoche.

Als am 1. August 1936 die Olympischen Sommerspiele in Berlin eröffnet wurden, mussten Häftlinge das KZ Sachsenhausen selber errichten. Aus dem KZ Esterwegen im Emsland und aus dem Berliner KZ Columbia-Haus am Flughafen Tempelhof verlegte die SS im Sommer  Häftlinge nach Oranienburg.

Dort bauten sie auf einem ca. 80 Hektar großen Forstgelände das Konzentrationslager. Ein politischer Häftling, der überlebte, erinnerte sich: „Es wurden Wälder abgeholzt. Das Zusammenschleppen der Baumstämme, fünf bis sechs Meter lang, musste im Laufschritt geschehen.“ Die SS-Männer vertrieben sich – perfide und roh - die Zeit damit, auf die auf der Erde schleifenden Baumkronen zu springen und die Häftlinge so aus dem Tritt zu bringen und zu Boden zu reißen.

Ein „modernes, vollkommen neuzeitliches Konzentrationslager“ sollte Sachsenhausen werden, so hatte der SS-Reichsführer und Polizeichef Heinrich Himmler das Lager charakterisiert. Eine „Geometrie des totalen Terrors“ sollte es sein, mit Mauer, Elektrozaun und Wachtürmen – allein das Häftlingslager 18 Hektar groß! Niemand sollte entkommen können, dafür sorgte zusätzlich ein Maschinengewehr auf “Turm A“. Die ständige Erweiterung des Lagers auf rund 400 Hektar hieß auch: Ein Drittel der Fläche der Stadt Oranienburg bestand aus diesem Konzentrationslager. Und es schloss sich – man kann es kaum fassen – direkt an die Einfamilienhaussiedlungen Oranienburgs an.

Der Schriftsteller Heinrich Mann warnte 1936 aus dem Exil: Sportler der Olympiade in Berlin würden dort missbraucht als „Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr der Welt fühlt“. Aber: Die internationale Gemeinschaft schenke den Warnungen keine Beachtung. Die Olympiade konnten die Nazis als Welterfolg verbuchen und während sich Sportler aus der ganzen Welt feiern ließen, waren deutsche Truppen schon nach Spanien unterwegs. Den Tod dort brachte die Legion Condor. Die Wehrmacht zerstörte die baskische Stadt Guernika. Die spanische Republik wurde mit Hilfe der Nazis niedergerungen.

Massenmord, Terror und Rassismus waren in Deutschland kein „Betriebsunfall“. Sie waren tödlicher Ausbund einer Gedankenwelt, in der Menschenwürde nicht unantastbar war. Damit sich das nicht wiederholt, auch deshalb sind wir heute hier. Denn die stetige Mahnung, aus der Verantwortung Schlüsse zu ziehen für konkretes Handeln, ist hochaktuell. Der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund konnte im Deutschland des 21. Jahrhunderts unbemerkt morden!

Heute halten wir beklommen inne vor einer Grausamkeit, die sich nicht in Worte fassen lässt. Ich verneige mich vor Ihnen, den Opfern. Und ich bin zutiefst beschämt  über das, was Ihnen angetan wurde. Das Satanische am NS-Regime, das war die Zerstörung jeder Rechtsstaatlichkeit  und  Menschlichkeit. Überlegenheitsphantasien und der Anspruch des Herrenmenschentums wurden von den Nationalsozialisten bis in jede einzelne Familie hineingetragen. Schnell zerbrachen alle Regeln von Anstand und Moral. Die Gesellschaft nahm mindestens billigend in Kauf, dass Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Überzeugungen, ihres Aussehens zuerst öffentlich verhöhnt und später einfach abtransportiert wurden.

Nationalsozialistische Vernichtungslager brachten den massenhaften Tod. Lager sind ein Phänomen, dem sich auf der ganzen Welt politische Systeme bedienen. Die Welt der Lager – das ist auch eine schlimme Erfahrung - ist bis heute Realität. Nationalsozialistische Vernichtungslager waren Vernichtungsmaschinerien, Todesstätten, die der Ausrottung sogenannter „schädlicher Elemente“ dienten.

Mit der Errichtung des Konzentrationslagers Sachsenhausen  ging eine neue Qualität von Terror einher. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich seit 1938 auch die „Inspektion der Konzentrationslager“, die zentrale Verwaltung aller Lager. Direkt vor den Toren der Reichshauptstadt hatte bereits das KZ Oranienburg nach der Machtübernahme eine Schlüsselstellung bei der Verfolgung der Opposition in Berlin eingenommen. Ca. 3000 Häftlinge waren schon dort zusammengepfercht und gefoltert worden.

1945 wurde das KZ Sachsenhausen von polnischen und russischen Truppen befreit. Die Soldaten fanden nur wenige Menschen, die trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben hatten. Die blutgetränkte Erde gab Zeugnis von dem namenlosen Grauen. Heute leben nur noch wenige Zeitzeugen, die von diesen Ereignissen berichten können. Ihre Erinnerungen sind unendlich kostbar. „Es ist geschehen, und folglich kann es weiterhin geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben“, das sagte Primo Levi. Wachsamkeit ist geboten!

Für das Unrechtssystem des Nationalsozialismus waren die Konzentrationslager die wichtigsten Einrichtungen, um ihre Politik der ständigen Drohungen, der Aussonderung, der Ausbeutung und schließlich der Vernichtung durchzusetzen. Der Name Sachsenhausen steht symbolisch dafür, da es das erste sozusagen „offizielle“ Konzentrationslager war. Hier haben politische Gegner und Widerstandskämpfer gelitten, Juden, Sinti und Roma. Zeugen Jehovas, Homosexuelle und sogenannte „Asoziale“. Nicht zu vergessen die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen. Wir gedenken aller Opfer aus mehr als 40 Nationen. Wie viele ehemalige Konzentrationslager ist auch Sachsenhausen eine eindrückliche Gedenkstätte geworden, die auch in großer Zahl von den jungen Menschen aufgesucht wird. Besucherzentrum, Publikationen und Führungen, all das hilft, im Gedächtnis zu behalten, was nie vergessen werden darf. Geschichte wiederholt sich nicht, aber bekannte Probleme können in anderem Gewand wieder auftauchen. Wer sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst, wird damit konfrontiert, wohin Vorurteile und Verblendung, wohin Rassenwahn und Hass führen können. Aber er lernt auch, die Anfänge zu erkennen, jene Anfänge, denen es von vornherein zu wehren gilt.

„Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“ Diese Überzeugung formulierte einst Fritz Bauer, der als hessischer Generalstaatsanwalt den Auschwitz-Prozess vorbereitete. Dieser Prozess, der 1963 begann, stellte eine überhaupt erste Auseinandersetzung der bundesrepublikanischen Justiz und Öffentlichkeit mit den nationalsozialistischen Verbrechen dar. Spät genug, wie ich finde.

Zwischen der damaligen Reichshauptstadt Berlin und Sachsenhausen gab es viele Verbindungen, die ich hier nur in einem kleinen Ausschnitt benennen kann. Zum einen war es ganz formal das „Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt“. Es war das Konzentrationslager, in das die verhafteten  Berliner Juden im Zuge der Pogrome vom November 1938 eingeliefert wurden, ungefähr 7.000 Menschen. Zum anderen befanden sich in Berlin zahlreiche Außenlager des KZ Sachsenhausen. Der kurze Weg nach Berlin war ausschlaggebend dafür, dass die Ermordeten von Sachsenhausen auf Dutzenden von Berliner Friedhöfen verscharrt wurden und in Berliner Krematorien stadtweit verbrannt wurden, bis im KZ selbst das erste Krematorium gebaut wurde. Häftlinge des Konzentrationslagers schufteten für die größenwahnsinnigen Vorstellungen Speers von einer Welthauptstadt Germania in der riesigen Ziegelei Klinkerwerk Oranienburg, bis sie entkräftet zusammenbrachen.

Die Berliner Gestapo sperrte hier Sonderhäftlinge ein wie Pfarrer Martin Niemöller oder den Hitler-Attentäter Georg Elser. Auch Fritz Elsas fand hier im Januar 1945 den Tod. Im April 1931 hatten ihn die Berliner Stadtverordneten zum Bürgermeister gewählt. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er 1933 in den Ruhestand versetzt. Nachdem das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 scheiterte, versteckte er  den früheren Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler. Bereits im August wurde er verhaftet und später erschossen.

Schon dieser kurze Anriss zeigt die Bedeutung von Sachsenhausen für Berlin.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich danke nun den Überlebenden, die Jahr für Jahr hierher kommen, um ihrer toten Mitgefangenen zu gedenken. Sie haben in all den Jahren nie von Rache und Vergeltung gesprochen, sondern immer  auf Versöhnung gesetzt. Dafür müssen wir Ihnen alle dankbar sein und diesen Dank will ich ganz bewusst als Präsident des Abgeordnetenhauses und für das Land Berlin aussprechen. Danke!
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