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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Eröffnung der Ausstellung „Das Vernichtungslager Kulmhof am Ner 1941 – 1945“

07.12.2011 18:00, Rotunde des Centrum Judaicum

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-Es gilt das gesprochene Wort-

»Das kann man nicht erzählen!«. – Dies ist einer der ersten Sätze, mit denen Szymon Srebrnik (Schimon Srebnick) seine Sorge ausdrückt, das Trauma seines Lebens nicht in Worte fassen zu können. Er ist einer von drei Überlebenden des Vernichtungslagers Kulmhof, in dem mindestens 150.000 deutsche, österreichische, tschechische und vor allem polnische Juden, aber auch Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene durch Autoabgase ermordet wurden.

Szymon Srebrnik (Schimon Srebnick) erzählte letztlich doch – und wir erfuhren durch ihn von den ungeheuerlichen Vorgängen in diesem Todeslager, dessen Name bis heute weithin unbekannt ist.

Gerade dies ist der Grund, warum die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, der Initiative »Tiergartenstraße 4 Association«, dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst und der Gastgeberin, der Stiftung Neue Synagoge Berlin Centrum Judaicum, daran ging, die unfassbaren Greultaten im damaligen sogenannten Warthegau zu erforschen.

Für die Stadt Berlin besitzt dieses Projekt eine außerordentliche Bedeutung. Wenn Sie anschließend den benachbarten Raum, die frühere Eingangsrotunde der Neuen Synagoge betreten, werden Sie an der Seite des dort ausgestellten Synagogenmodells eine unendlich lang erscheinende Liste finden – eine Liste mit über 2.600 Namen von jüdischen Kindern, Frauen und Männern aus Berlin, die in Kulmhof von deutschen SS-Schergen ermordet wurden.

Unter ihnen befanden sich Louise Schmelzer und Rosa Pollaczek, Mutter und Tochter, deren Schicksal in dieser Ausstellung erzählt wird. Sie lebten in der Nähe des Alexanderplatzes und waren, - wie alle Berliner Juden - nach 1933 von den nationalsozialistischen Ausgrenzungsmaßnahmen betroffen. Bis auf Rosa, die jüngste Tochter, gelang es Louise Schmelzer, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 begann, war Rosa gerade 18 Jahre alt geworden.

Louise Schmelzer und Rosa wurden am 24. Oktober 1941 vom Bahnhof Grunewald nach Łódź deportiert. Dort traf Rosa ihre Jugendliebe Werner Camnitzer wieder. Inmitten des Elends im Ghetto heirateten Rosa und Werner am 31. Dezember 1941 in einer religiösen Zeremonie. Werner Camnitzer starb Anfang März 1943 gerade einmal 30-jährig. Louise und Rosa wurden schließlich am 28. Juni 1944 nach Kulmhof verschleppt und dort ermordet.

Eine Angehörige der in den 1930er Jahren ausgewanderten Geschwister Rosa Pollaczeks hat den Kuratoren die in der Ausstellung gezeigten Photos zur Verfügung gestellt.

Anrede,

was Sie in der Rotunde sehen können, ist die erste Ausstellung zur Vernichtungsstätte Kulmhof in Deutschland. Am historischen Ort existiert lediglich ein kleiner Bungalow mit einigen Artefakten und Texten. Das wird der Bedeutung des Ortes in keiner Weise gerecht. Kulmhof war das erste Todeslager, in dem Juden systematisch mit Gas ermordet wurden. Das Verbrechen begann am 8. Dezember 1941 – also morgen vor 70 Jahren.

Die Opfer kamen zunächst in das Ghetto Lodz, in dem weit über 100.000 Juden unter elenden Bedingungen eingepfercht waren. Lodz war auch das erste Ziel der sogenannten Osttransporte aus dem Westen, als im Herbst 1941 die systematischen Verschleppungen begannen. Die meisten, die das Ghetto überlebten, wurden in Kulmhof oder Auschwitz ermordet.

Am 18. Oktober dieses Jahres haben sich über 3.000 Berlinerinnen und Berliner an einem der beiden Ausgangspunkte der Deportationen aus Berlin im Ortsteil Grunewald versammelt. Dieses beeindruckende Zeichen des Mitempfindens zeigt, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger der Vergangenheit unserer Stadt sehr bewusst sind.

Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung dazu beitragen kann, dass die zentralen, aber meist unbekannten Orte des Holocaust im Osten – wie das Todeslager Kulmhof – in der deutschen Erinnerung eine angemessene Rolle finden. Mein herzlicher Danke gilt den Initiatoren der Ausstellung: Cameron Munro und Artur Hojan – und insbesondere dem Hauptkurator Dr. Ingo Loose für diesen wichtigen Beitrag.

Opfern ihre Namen und Biographien wiederzugeben, der heutigen Generation an diese Schicksale damit greifbarer zu machen; dieser Ansatz ist richtig und wichtig.

Ich hoffe, dass diese Ausstellung viele Besucher haben wird und ich hoffe, sie wird auf die Menschen so wirken, wie sie auch mich beeindruckt hat.

Ich danke Ihnen.

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