1. zur Suche
  2. zur Hauptnavigation
  3. zum Inhalt
  4. zum Bereichsmenü
Logo des Abgeordnetenhauses

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Eröffnung der Ausstellung "60 Jahre Bürgermeister Reuter Stiftung"

27.11.2013 17:00, Wandelhalle

nach unten
- Es gilt das gesprochene Wort -

Ich begrüße Sie im Abgeordnetenhaus von Berlin und freue mich, dass Sie zur Eröffnung der Ausstellung „60 Jahre Bürgermeister Reuter Stiftung“ erschienen sind.

Das Leben von Ernst Reuter, dem Namensgeber dieser Stiftung war gekennzeichnet durch manche Brüche und hatte keinen vorgezeichneten  Weg.

Nachdem der junge Ernst Reuter im Jahre 1913 seine Stelle als Hauslehrer in Bielefeld verloren hatte, nur weil er Sozialdemokrat war, ging er nach Berlin und konnte damals so gar keinen Gefallen an dieser Stadt finden, die später sein Leben so stark prägen sollte.

Der leidenschaftliche Pazifist Reuter lehnte sich gegen den Ersten Weltkrieg vehement auf, kritisierte die Vorkriegspolitik der Verantwortlichen und tat dies auch in der Öffentlichkeit.

Trotzdem meldete sich Ernst Reuter 1916 freiwillig zur Front und erlebte dort den mörderischen Stellungskrieg an Westfront und Ostfront. Schwer verwundet geriet er später in russische Kriegs-gefangenschaft, erlernte die russische Sprache und wurde zum Vertreter der Gefangenen gewählt.

Nach der Oktoberrevolution machten ihn die Sowjets zum Volkskommissar der deutschen Siedler an der Wolga. Am Gründungsparteitag der KPD zum Jahreswechsel 1918/1919 - hier im ehemaligen Preußischen Landtag -  nahm er als Gastvertreter der Komintern teil.

Nach der Rückkehr in die Heimat schloss sich Ernst Reuter der KPD an, wurde rasch Erster Sekretär der Berliner Parteiorganisation und 1921 zum Generalsekretär der KPD gewählt.

Von Anfang an aber kritisierte er den Einfluss der Komintern auf die KPD. Sehr rasch kam es zu unüberbrückbaren Konflikten mit der Partei und schon im folgenden Jahr schloss ihn die Partei aus. Noch im selben Jahr kehrte Reuter wieder in die SPD zurück.

In den Jahren danach erkannte Ernst Reuter, dass Deutschland nur als demokratischer Staat  die notwendigen, gesellschaftlichen Veränderungen herbeiführen kann. Als Stadtrat für das Berliner Verkehrswesen erkannte er Mitte der Zwanziger Jahre die Notwendigkeit des Ausbaus des öffentlichen Personennahverkehrs und schuf durch Einbindung aller Verkehrsträger das damals größte öffentliche Nahverkehrsunternehmen der Welt.

1931 wurde Ernst Reuter, auf Vorschlag des unvergessenen Otto Wels, zum Oberbürgermeister von Magdeburg gewählt.

In seiner Amtszeit versuchte er, den Haushalt der Stadt zu sanieren, begonnene Infrastrukturmaß-nahmen voranzutreiben und unterstützte Projekte der Arbeitslosen-Selbsthilfe. Im gleichen Jahr organisierte er auch eine erfolgreiche Winternothilfe. Ein Politikfeld also, dem er sich Jahre später noch intensiver widmen sollte.

Ernst Reuter gehörte zu denen, die als Mitglied des Reichstages das Ermächtigungsgesetz Hitlers im März 1933  ablehnten. Danach wurde er mehrmals von den Nazi-Schergen festgenommen.  Der Einsatz von englischen Freunden bewirkte aber die Freilassung von Ernst Reuter und über die Niederlande und Großbritannien konnte er in die Türkei emigrieren. Dort arbeitete er später Verkehrsexperte für die Regierung. Daneben war er Professor für Kommunalwissenschaft.

1946 kehrte Ernst Reuter in das zerstörte, von Not und Elend gezeichnete Berlin zurück und engagierte sich rasch wieder politisch in der Stadt, die er einst nicht so gemocht hatte. In eine Stadt, die nur wenig später zum Mittelpunkt des Ost-West-Konflikts, ja der Weltpolitik werden sollte.  In der Blockadezeit 1948/49 war er der gewählte – aber nicht amtierende – Oberbürgermeister der Stadt in einer Zeit der Bedrohung von außen. Er gewann das Vertrauen der Westmächte, wurde zum Hoffnungsträger der Berlinerinnen und Berliner und wurde mit seiner Weitsicht und seiner einzigartigen Tatkraft zum Symbol für den Freiheitswillen Berlins.

1951, nach Inkrafttreten der Verfassung von Berlin und den Wahlen vom Dezember 1950 wurde er im Januar 1951 zum ersten Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt.

Aber auch nach der Schaffung des Landes Berlin war eines der Hauptanliegen Reuters, des Senats, des Parlaments sowie der politisch Verantwortlichen in Haupt- und Bezirksverwaltung, die Not in der Stadt und seiner Bürgerinnen und Bürger zu lindern, den Wiederaufbau voranzutreiben und den Menschen wieder Hoffnung und Perspektive zu geben.

Und so war es ganz typisch für seine Regierungszeit, dass er sich mit großem Elan für die im April 1953 gegründete Bürgermeister-Reuter-Stiftung einsetzte. Anlässlich einer USA Reise im März des gleichen Jahres verstand es Reuter , mit seiner Überzeugungskraft und Autorität, mit seiner Schilderung der Situation der Stadt,  die Menschen in den USA  zu beeindrucken und sorgte mit diesem  persönlichen Engagement vor allem dafür, dass eine Million US-Dollar  für das Stiftungskapital der Bürgermeister-Reuter-Stiftung eingeworben werden konnten.

Die Aufgabe der Stiftung damals war es, hilfebedürftige Flüchtlinge, politisch Verfolgte,  die aus der Sowjetischen Besatzungszone in den West-Teil Berlins gekommen waren, zu unterstützen.

Im Zuge der Hilfsprogramme wurden u. a. Kaffee-Milch-, Näh- und Bügelstuben eingerichtet und Studenten, Jugendliche und Senioren gefördert. Hierzu wurden im Laufe der Zeit eine Reihe von Häusern eigenständig betrieben. Die Stiftung bemühte sich zugleich, preiswerten Wohnraum für Schüler, Auszubildende, Studenten sowie Sport- und Jugendgruppen zur Verfügung zu stellen.

Im Laufe der Jahre wurde die Bürgermeister-Reuter-Stiftung zu einem festen, gesellschaftlichen Bestandteil des westlichen Teils Berlins.

Aber auch in dieser damals geteilten Stadt blieb die Zeit nicht stehen. Nach den Jahren des Wiederaufbaus in den fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts machten die gesellschaftlichen Veränderungen nach 1967 auch nicht Halt vor der Stiftung. So manche Krise galt es in den folgenden Jahren zu bewältigen und manche grundlegende Veränderung in der inhaltlichen Ausrichtung der Arbeit und der Finanzierung der Stiftung waren notwendig.

Was aber letztendlich zählt ist die Tatsache, dass die Stiftung die Transformation in das 21. Jahrhundert bewältigt hat und heute auf sicherem Grund steht. Eingedenk der Ideale ihres Namensgebers Ernst Reuter, bietet die Stiftung heute jungen Menschen aus aller Welt bezahlbaren, sicheren Wohnraum, indem sie sich geborgen und zu Hause fühlen können.

Gleichzeitig trägt sie damit mit dazu bei, im Sinne Ernst Reuter, die Völkerverständigung, tagtäglich mit Leben zu erfüllen. Deshalb freue ich mich, heute die Ausstellung über „60 Jahre Bürgermeister-Reuter-Stiftung“ hier im Abgeordnetenhaus von Berlin eröffnen zu können. Gleichzeitig danke ich auch allen, die zu dieser Ausstellung in unserem Hause beigetragen haben.

Ich bedanke mich ebenso sehr herzlich bei unserem Blockflötentrio Anna und Paula Pinn sowie Catharina Demske, die seit 2009 gemeinsam Musik machen und schon auf eine beachtliche Zahl von Konzerten verweisen können. Alle drei haben bereits mehrere Preise beim Landes- und Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" gewonnen und waren auch erfolgreich beim Wettbewerb "Jugend komponiert". Herzlichen Glückwunsch euch dreien und weiterhin viel Freude beim gemeinsamen Musizieren.

Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, wünsche ich einen interessanten Rundgang durch die Ausstellung und heiße Sie alle nochmals herzlich willkommen im Abgeordnetenhaus von Berlin. Ich darf nun Sie, sehr geehrter Herr Huber bitten, zu uns zu sprechen.
nach oben

Auf dieser Website ist die Webstatistik Piwik datenschutzkonform installiert. | Mehr Infos & Datenschutz