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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Eröffnung der Ausstellung "Herzflattern - Junge Kunst der 1990er Jahre in Berlin"

24.04.2013 18:00, Casino

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- Es gilt das gesprochene Wort -

Ich begrüße Sie im Abgeordnetenhaus von Berlin und freue mich, dass sie so zahlreich zur Eröffnung der Ausstellung „Herzflattern – Junge Kunst der 1990er Jahre in Berlin“ erschienen sind.

Darüber hinaus freue ich mich, dass auch der ehemalige Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Herr Reinhard Führer und der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Herr Andras Gram zu dieser Ausstellungseröffnung erschienen sind. Auch an Sie beide ein herzliches Willkommen.

Weiterhin begrüße ich den Leiter der Artothek der Sozialen Künstlerförderung, Herrn Rainer Ehrke, die Kuratorin dieser Ausstellung, Frau Dr. Simone Tippach-Schneider, die Abgeordneten und die ehemaligen Abgeordneten dieses Hauses, Herrn Staatssekretär Nevermann, die Stadtältesten und den Leitenden Architekten des Umbaus des ehemaligen Preußischen Landtags, Herrn Professor Rolf Rave und nicht zuletzt die anwesenden Künstlerinnen und  Künstler, ohne die diese Ausstellung nicht möglich gewesen wäre. Unserer jungen Künstlerin, Maralda Thon, möchte ich meinen besonderen Dank für diesen stimmungsvollen Auftakt aussprechen. Maralda hat beim diesjährigen Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ den 1. Preis in ihrer Altersgruppe erhalten und wird daher in diesem Jahr Berlin beim Bundeswettbewerb vertreten. Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg beim Bundeswettbewerb.

Kunst vermag etwas zu bewegen: Sei es die besondere Interpretation eines Musikstückes, die einzigartige Farbgebung eines Bildes, die Schaffung einer ausdrucksstarken Skulptur oder das unverwechselbare Licht- und Schattenspiel einer Fotografie. „Die Kunst“, hat der Maler Paul Klee einmal gesagt, die „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Sie macht sichtbar, was dem oberflächlichen, also dem Alltagsblick verborgen bleibt. Sie macht sichtbar, was hinter den Dingen liegt: verborgene Schönheiten, Zusammenhänge, tiefere Einsichten. Denn Künstlerinnen und Künstler haben ein feines Sensorium für das, was vorgeht in der Welt. Sie spüren dem nach, was die Menschen bewegt. Und sie suchen nach immer neuen Ausdrucksformen für das, was sie entdeckt haben und was für sie zählt. Wenn wir uns auf Kunst einlassen, erfahren wir mehr über uns selbst und unsere Welt. Jedes Werk, jede Ausstellung macht etwas sichtbar. Dabei ist Kunst so alt wie die Menschheit und doch hat ihre Bedeutung erheblich zugenommen, seit die Menschen ihrem Dasein Zeit zur Muße, Zeit für das Schöne, Zeit zum Leben abgerungen haben.

Auch das Abgeordnetenhaus von Berlin ist ein Ort, an dem Kunst und Kunstwerke ihren festen Platz haben. Ich denke dabei unter anderem an die Bilderserie „Rot-Blau-Grün“ von Gerhard Richter im Festsaal unseres Hauses, an die Gemälde von Karl-Horst Hödicke und die Büstengalerie im 3. Obergeschoss, an die Galerie der Ehrenbürger in den Gängen um den Plenarsaal und nicht zuletzt an das Triptychon von Matthias Koeppel „Die Öffnung der Berliner Mauer“ und die Replik seines Kunstwerkes „Senatsmannschaft vor dem Gropiusbau, 1987“, die sie hier im Casino des Abgeordnetenhauses betrachten können. Ich freue mich sehr, dass diese künstlerischen Arbeiten in den nächsten Monaten nunmehr durch ausgewählte Werke der Sozialen Künstlerförderung ergänzt werden.

Kunst braucht ebenso wie Politik Orte, an denen sie sich präsentieren kann, denn von der unterschiedlichen Auseinandersetzung mit der Realität profitieren sowohl die Parlamentarier als auch die Kunstschaffenden. Während der künstlerische Schaffensprozess durch die Entscheidung über das zu verwendende Material, und durch die Komposition von Farben und Formen geprägt wird, erfolgt die Positionierung in einer politischen Debatte in der Regel durch die Verwendung der Sprache, durch Kommunikation. Die Reflexion der jeweils anderen Ausdrucksform bei der Auseinandersetzung mit der Umwelt und der Gesellschaft soll dazu anregen, den eigenen Blick zu schärfen und mit offenen Augen und wachem Verstand Entwicklungen und Veränderungen wahrzunehmen.

Dem damaligen Abgeordneten Dr. Dieter Biewald ist es zu verdanken, dass bereits 1973 im Rathaus Schöneberg – gleich zu Beginn seiner Abgeordnetentätigkeit – belebende Ausstellungen an den Plenartagen für zusätzlichen Gesprächsstoff unter den Abgeordneten sorgten. Er initiierte diese nicht nur, sondern setzte sich mit Beharrlichkeit für die Fortführung und Weiterentwicklung der Kunstausstellungen persönlich ein.

Diesem uneigennützigen Engagement ist es zu verdanken, dass die „Galerie im Parlament“ zu einer eigenständigen ‚Institution‘ wurde. Zuerst in der Brandenburghalle, später in der Eingangshalle des Rathauses Schöneberg, wurden durch den Kunst- bzw. später den Kulturausschuss – dessen Vorsitzender Dr. Biewald lange Zeit war – ausgewählte Ausstellungen zu verschiedenen Themen gezeigt, die auch der Öffentlichkeit zugänglich waren. Nach seinem Ausscheiden aus dem Abgeordnetenhaus 1999 übernahmen seine Nachfolgerinnen diese Aufgabe. Mit dem Umzug vom Rathaus Schöneberg in das Gebäude des ehemaligen Preußischen Landtags am 28. April 1993 erhielt die „Galerie im Parlament“ nunmehr feste Ausstellungsräumlichkeiten im 2. Obergeschoss des Hauses. Bereits während der Umbaumaßnahmen des Gebäudes wurden auf Initiative von Dr. Biewald die breiten Flure mit Hängevorrichtungen und Beleuchtungsschienen ausgestattet. Diese Präsentationsflächen wurden später durch die Wandelhalle und die Flure im 1. Obergeschoss ergänzt. Da insbesondere bei Besucherführungen die Wandelhalle regelmäßig durchquert wird, wurden auch hier zunehmend Kunstwerke präsentiert und erreichten – aufgrund der einfacheren Erreichbarkeit für die Besucher des Hauses – eine noch stärkere Außenwirkung.

Aber auch die Kunstwerke, die fester Bestandteil  des Abgeordnetenhauses sind, werden gern von Besucherinnen und Besuchern besichtigt. Ich denke dabei besonders die Werke von Gerhard Richter im Festsaal dieses Hauses.

Die dort präsentierten Gemälde sind letztendlich dem Engagement der ehemaligen Präsidenten Dr. Hanna-Renate Laurien zu verdanken. Sie kannte den Künstler bereits aus ihrer Kölner Zeit und bat ihn daher, sich mit einem Entwurf am Wettbewerb „Kunst am Bau“ zu beteiligen. Seine Idee wurde schließlich von der eigens eingesetzten Expertenkommission ausgewählt und die Bilder – genau ein Jahr nach dem Einzug in das Gebäude des ehemaligen Preußischen Landtags – der Öffentlichkeit präsentiert.

Da wir heute mit der Eröffnung dieser Ausstellung auch an den 20. Jahrestag des Einzuges des Berliner Parlaments in das Gebäude des  ehemaligen Preußischen Landtages erinnern wollen, möchte ich in diesem Zusammenhang auch an die Parlamentspräsidentin Dr. Hanna-Renate Laurien erinnern, die in ihrer Amtszeit für den Umbau und die denkmalgerechte Wiederher-stellung des Gebäudes des ehemaligen Preußischen Landtags und auch für die Aussstattung des Gebäudes mit Kunstwerken verantwortlich war. Mit großem Engagement und Entschlossenheit leitete sie persönlich die Sitzungen der Parlamentarischen Baukommission und kontrollierte immer wieder den jeweiligen Baufortschritt.

Nach einer Umbauzeit von nur 22 Monaten wurde der Umzug des Abgeordnetenhauses vom Rathaus Schöneberg in den Preußischen Landtag vollzogen. Mit der gleichen ruhigen aber kraftvollen Art, mit der sie das Bauprojekt vorantrieb, leitete sie als Präsidentin die Sitzungen des Parlaments und schaffte es, auch politisch schwierige Situationen hervorragend zu meistern.

Als Präsidentin des ersten Gesamtberliner Parlaments gelang es ihr auch, die Menschen in beiden Hälften der Stadt zusammenzuführen. Für Berlin und auch für das Parlament war dies eine einmalige Situation. In jener historischen Sitzung am 11. Januar 1991 in der Nikolaikirche, in der für das Berliner Parlament eine neue Ära begann, sprach sie wichtige und wohlüberlegte Worte, die ich hier gern zitieren möchte:

„Politik heißt auch, einander widerstreitende Interessen zur Kenntnis zu nehmen, sie aber unverbrüchlich unter der Verpflichtung des Gemeinwohls gegeneinander abzuwägen und nüchtern zu wissen: Politik ist die Kunst des Möglichen, die immer wieder das Einbeziehen der Meinung des anderen erfordert.“

Dieser Herausforderung hat sie sich klar gestellt. Sie hat gestritten und gekämpft, aber sie hat Ihre politischen Gegner stets geachtet und akzeptiert. Ihre Auffassungen vertrat sie geradlinig und konsequent und erwarb sich damit über Parteigrenzen hinweg Achtung und Autorität. Als Politikerin hat sich Hanna-Renate Laurien daher große Verdienste um Berlin erworben.

Ich würde mich freuen, wenn sie am Ende des heutigen Abends, eine der ausliegenden Broschüren über  Dr. Hanna-Renate Laurien mitnehmen würden.

Neben ihrer Ansprache zur Wahl als Parlamentspräsidentin 1991 und ihrer Reden während ihrer letzten Sitzung in der 12. Wahlperiode im September 1995 sowie beim feierlichen Festakt zum Einzug in das Gebäude des Preußischen Landtags 1993, finden sie in der Broschüre zahlreiche weitere Beiträge von politischen Weggefährten und Begleitern. Bei den Autoren dieser Beiträge möchte ich mich ebenfalls in diesem Rahmen noch einmal ganz herzlich bedanken. Ich hoffe, dass nicht nur die heute anwesenden Gäste diese Broschüre in die Hand nehmen, sondern viele Berlinerinnen und Berliner sowie Gäste unserer Stadt.

Die Eröffnung der heutigen Ausstellung schließt sich der langen Tradition an, künstlerische Arbeiten im Abgeordnetenhaus zu präsentieren und diese nicht nur den Abgeordneten sondern auch den Besucherinnen und Besuchern des Hauses zugänglich zu machen. Ich freue mich besonders, dass diese Ausstellung nunmehr den Beginn einer mehrjährigen Kooperation mit der Artothek der Sozialen Künstlerförderung begründet, die für jährlich wechselnde Ausstellungen in unserer Galerie auf hohem künstlerischen Nivau sorgen wird.

Über 14.000 Kunstwerke sind derzeit im Bestand der Artothek der Sozialen Künstlerförderung zu finden, zu denen Gemälde, Grafiken, Aquarelle, Zeichnungen, Drucke, Fotos, Skulpturen und Installationen gehören. Mit der Ausstellung „Herzflattern – Junge Kunst der 1990er Jahre“ werden insbesondere Kunstwerke präsentiert, die in der Zeit nach dem Mauerfall entstanden sind. Gerade für den jungen künstlerischen Nachwuchs aus dem Ostteil der Stadt war es schwierig, die Umbruchsituation zu bewältigen und sich den Lebensunterhalt durch den Verkauf von Kunstwerken zu finanzieren. Das 1990 beschlossene „Sonderprogramm für Künstler in wirtschaftlicher Not“ leistete hier enorme Unterstützung und sorgte in hohen Maße für eine Förderung des künstlerischen Nachwuchses.

Die Aufbruchstimmung jener Zeit, die Veränderung der persönlichen Lebensumstände, die Unsicherheit und die Suche nach einem Halt in dieser bewegten Zeit, spiegeln sich deutlich in den Kunstwerken wieder. Um mit den Worten des Dichters Jean Paul zu enden: „Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens“ wünsche ich Ihnen, verehrte Anwesende, eine anregende Begegnung mit der „Jungen Kunst der 1990er Jahre“.

Ich überlasse nun nochmals unserer jungen Musikerin das Podium und übergebe im Anschluss das Wort an die Kuratorin der Ausstellung, Frau Dr. Simone Tippach-Schneider.

Nochmals herzlich Willkommen im Abgeordnetenhaus von Berlin.

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