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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Eröffnung der Ausstellung "Pflanzzeit. Die unabhängige Umweltbewegung in der DDR - Impulse und Wirkungen"

15.09.2015 18:00, Festsaal

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In zwei Wochen feiern wir zum 25. Mal die Wiedervereinigung unseres Landes. Und damit die Überwindung der deutschen Teilung und das Zusammenwachsen von Ost und West. Wir erinnern uns an das, was wir selbst erlebt haben oder an Bilder, die mittlerweile zum festen Bestandteil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden sind: an Silvesterraketen über dem Brandenburger Tor zur Jahreswende 1989/90, an Jubel, Euphorie und Korkenknallen.

Wir erinnern uns an den Mauerfall, der die Deutsche Einheit über Nacht in greifbare Nähe rückte. Wir erinnern uns natürlich auch an die Herbst-Demonstrationen in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin, die all das erst möglich machten. Wir erinnern uns auch daran, wie aus dem Ruf „Wir sind das Volk“ die Forderung „Wir sind ein Volk“ wurde.

An Bilder von zerstörten Wäldern, von vergifteten Flüssen oder gelbem Smog über ostdeutschen Großstädten erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit in der Regel nicht. Dabei war die Friedliche Revolution auch eine ökologische Wende.

Während die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, die der Deutschen Einheit vorrausging, vielen ein Begriff ist, weiß kaum jemand, dass sich die beiden deutschen Staaten schon im Mai 1990 zur „schnelle[n] Verwirklichung einer deutschen Umweltunion“ verpflichteten.

Oft genug wird es vergessen: Die Sorge um die fortschreitende Zerstörung der natürlichen Umwelt trug ihren Teil zur allgemeinen Unzufriedenheit im Osten Deutschlands bei und sorgte dafür, dass die Menschen im Herbst 1989 massenweise und landesweit auf die Straße gingen. Auch umweltpolitische Forderungen gehörten zum breitgefächerten Forderungskatalog der Demonstranten. Da gab es beispielsweise in Thüringen einen Demonstrationszug, der sich gegen eine ohne Rücksicht auf Tier und Umwelt errichtete Schweinemastanlage richtete. (Ein Foto davon ist in der heute zu eröffnenden Ausstellung zu sehen.) Und wer sich die Bilder der großen Ost-Berliner Demonstration vom 4. November 1989 genauer anschaut, entdeckt Forderungen nach einer ökologischen Erneuerung der DDR: „Umweltschutz statt Militärparaden“ oder „Umweltfragen sind keine Staatsgeheimnisse“ hieß es damals auf den Plakaten.

Tatsächlich hatte die SED-Führung Umweltdaten wie Staatsgeheimnisse behandelt, hätten diese doch allzu leicht als Beleg für eine fehlgeleitete Wirtschafts- und Umweltpolitik und für das Versagen der Partei insgesamt interpretiert werden können.

Die in manchen Landesteilen geradezu katastrophale ökologische Situation ließ sich auf Dauer jedoch nicht verheimlichen. Wer im mitteldeutschen Industrierevier um Halle-Bitterfeld oder im Talkessel von Dresden wohnte, wusste auch ohne exakte Messwerte, dass die Umweltsituation fatal war. Das Offensichtliche laut auszusprechen, kritische Fragen zu stellen, sich gar außerhalb der vorgegebenen und streng reglementierten staatlichen Strukturen für den Schutz der Umwelt einzusetzen – diesen Mut hatten vor dem Herbst 1989 jedoch nur wenige Menschen. Denn wer sich unabhängig von staatlicher Kontrolle für den Schutz der Umwelt einsetzte, musste mit beruflichen Nachteilen und Sanktionen bis hin zur strafrechtlichen Verfolgung rechnen. Dennoch fanden sich insbesondere unter dem Dach der evangelischen Kirche Gleichgesinnte zusammen, um auf eigene Faust etwas für den Schutz der Umwelt zu tun.

Die Palette ihrer Aktionsformen war breit: Sie reichte von Baumpflanzaktionen in Neubaugebieten über Exkursionen zu umweltgefährdenden Betrieben bis hin zur Entnahme von Gewässerproben – letzteres ein geradezu subversiver Akt im Land des staatlich verordneten Schweigens.  Mit Protest-Spaziergängen wie in Bitterfeld-Wolfen im Jahr 1984 – Sie sehen das Motiv hinter mir – loteten die unabhängigen Umweltaktivisten die Grenzen des Möglichen aus.

Drei dieser Aktivisten, die mit Mut und Kreativität für den Schutz der Umwelt und zugleich gegen die undemokratischen Strukturen des SED-Staates ankämpften, sind heute bei uns zu Gast. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Willkommen an Sie, Herr Beleites, Herr Dr. Jordan, Herr Dr. Matthes – sie alle haben in der unabhängigen DDR-Umweltbewegung ihre Spuren hinterlassen. Wenn wir heute eine Ausstellung über die unabhängige Umweltbewegung der DDR eröffnen, wollen wir auch den Beitrag dieser Bewegung zum Ende der SED-Herrschaft würdigen. Zugleich wollen wir daran erinnern, welche Sprengkraft umweltpolitische Themen in der Vergangenheit hatten und bis in die Gegenwart hinein immer noch haben.

25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es Zeit zu fragen, was von der unabhängigen DDR-Umweltbewegung geblieben ist. Welche ihrer Themen sind unter veränderten politischen Vorzeichen weiterhin aktuell? Welche Herausforderungen sind neu hinzugekommen? Was wurde erreicht? Und was ist noch zu tun? Dass wir heute Gelegenheit haben, uns intensiv mit der DDR-Umweltbewegung zu beschäftigen, haben wir auch Ihnen, sehr geehrter Herr Beleites, zu verdanken. Mit Ihrer Ausstellung haben Sie uns quasi eine Innenansicht dieser Bewegung überlassen und, wenn man so will, einen wichtigen Beitrag zur historischen Einordnung der DDR-Opposition geleistet.

Mein Dank geht abschließend auch an Peter Wensierski, ehemaliger Korrespondent in der DDR, und Herrn Sträter vom Deutschlandradio, der diesen Abend gewohnt sachkundig moderieren wird.

Ich freue mich auf eine anregende Diskussion und übergebe damit Ihnen, Herr Beleites, das Wort.

Vielen Dank!
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