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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, anlässlich des 120. Gründungsjahres des Arbeiter-Samariter-Bundes

10.10.2008 11:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal

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Walter Momper
10.10.2008, Abgeordnetenhaus, Festsaal

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, anlässlich des 120. Gründungsjahres des Arbeiter-Samariter-Bundes am 10. Oktober 2008, 11.00 Uhr, Abgeordnetenhaus, Festsaal
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- Es gilt das gesprochene Wort -

In diesem Jahr wird der Arbeiter-Samariter-Bund 120 Jahre alt. Dazu gratuliere ich sehr herzlich und begrüße Sie im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Ich freue mich, dass Sie das Jubiläum hier in Berlin feiern, wo der Arbeiter-Samariter-Bund gegründet wurde. 1888 legten sechs Berliner Zimmerleute den Grundstein für die heutige Wohlfahrtsorganisation. Ende des 19. Jahrhunderts gab es noch keine Arbeitsschutzvorschriften und deshalb war es keine Seltenheit, dass Arbeiter und Handwerker bei Arbeitsunfällen schwer verletzt wurden oder sogar ums Leben kamen.

Aus dieser Lage heraus wurden die Arbeiter selbst aktiv und ließen sich in Eigenregie von befreundeten Ärzten in Erster Hilfe ausbilden. So konnten sie bei Arbeitsunfällen die Versorgung eines Verletzten vor Ort selbst sicherstellen. 1909 schlossen sich verschiedene solcher Gruppen zum Arbeiter-Samariter-Bund zusammen.

Die Gründungsväter des Arbeiter-Samariter-Bundes um Gustav Dietrich ahnten nicht, welch große Organisation der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland einmal werden würde. Heute ist der ASB ein bundesweit tätiger großer Wohlfahrtsträger mit über 20.000 hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und weit über 10.000 ehrenamtlichen Helfern geworden. In den vergangen 120 Jahren begeisterten sich immer mehr Menschen für die Idee, Menschen in Not zu helfen. Der ASB war auf allen Gebieten der Volkswohlfahrt aktiv und setzte sich besonders für die Armen und Schwachen in der Gesellschaft ein.

1933 wurde diese Entwicklung jäh von den Nationalsozialisten unterbrochen. Das NS-Regime verbot den ASB und beschlagnahmte dessen gesamtes Eigentum. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Idee aber sofort wieder auf. Es bildeten sich an vielen Orten ASB-Kolonnen und nahmen die Arbeit auf. Der Arbeiter-Samariter-Bund beteiligte sich auf diese Weise intensiv am Aufbau der Bundesrepublik Deutschland.

An der Spitze des Berliner ASB stand in jenen Jahren Afred Klühs, an dessen 40. Todestag der ASB Berlin in diesem Jahr erinnern wird. Leider verstarb dieser Vordenker der sozialen Gerechtigkeit mit 48 Jahren viel zu früh.

Alfred Klühs wurde 1920 als Sohn des Journalisten Franz Klühs geboren. Franz Klühs war Redakteur bei VORWÄRTS, der SPD-Tageszeitung. Eine Straße in Kreuzberg erinnert an sein Lebenswerk. Auch Alfred Klühs wurde wie sein Vater Journalist, arbeitet nach dem Krieg bei der Agentur Reuters und stand der Sozialdemokratie nahe. Für ihn hieß es nach den Jahren der Zerstörung - wie für viele Deutsche damals: Mitarbeit beim Wiederaufbau der Heimat.

Beste Voraussetzungen dafür fand er beim Arbeiter-Samariter-Bund in Berlin. Zusammen mit seiner Frau Gabriele, von Beruf Ärztin, gehörte er als Landesvorsitzender ab 1951 dem Berliner ASB-Vorstand an. Er entwickelte Projekte mit Modellcharakter, die in den Gesamtverband hinein wirkten. Dazu gehörte die Gründung erster Flüchtlingsheime im Jahre 1953. Ein Meilenstein war 1954 die Eröffnung des „Hospitals für chronisch-kranke Frauen“ in Konradshöhe. 1956 wurde das größte bauliche Vorhaben in der ASB-Geschichte eingeweiht: Das Hospital Schwedenpavillon in Wannsee. Es folgte 1959 die Eröffnung eines Jugendgästehauses in der Berkaer Straße und 1960 die Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau des Schwedenpavillions. Die Einrichtung von Wohnheimen für westdeutsche Arbeitnehmer und die Grundsteinlegung des ASB-Verbandhauses Bülowstraße waren weitere wichtige Wegmarken. Es folgten zahlreiche Projekte, an deren Umsetzung Alfred Klühs leider nicht mehr beteiligt sein konnte, für die er aber die Grundlagen gelegt hatte. Mit Alfred Klühs verlor der ASB einen seiner profiliertesten Persönlichkeiten.

Viele Vorbilder wie Alfred Klühs, die in Eigeninitiative Probleme aufnehmen, Lösungen entwickeln und Veränderungen herbeiführen, sind es, die den Arbeiter-Samariter-Bund prägen. Mein besonderer Dank aber gilt den vielen ungenannten aktiven hauptamtlichen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer im Arbeiter-Samariter-Bund. Sie sind als Sanitäter bei der Betreuung von Straßenfesten und Großveranstaltungen ehrenamtlich und in vielen anderen Bereichen hauptamtlich tätig.

Jeder Samariterin, jedem Samariter des Berliner ASB wird das Jahr 2006 mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Erinnerung bleiben. So viel Freude kann der Dienst am Gemeinwohl bringen.

Auch im Katastrophenschutz der Länder schreibt der ASB Erfolgsgeschichte. Denken wir zurück an das Oder- und das Elbehochwasser: Gemeinsam mit anderen unterstützen die ASB-Helfer den Katastrophenschutz mit ihren Betreuungsdiensten, den Fernmeldediensten und dem Wasserrettungsdienst.

Kompetente Unterstützung erfährt die Öffentliche Hand durch den ASB im Rettungsdienst. Auch bei weitgehender Professionalisierung sind heute noch viele ehrenamtlich Aktive im Rettungsdienst tätig. Insgesamt besetzt der ASB in Deutschland 181 Rettungswachen und 121 Lehrrettungswachen. Auch im Krankentransport, der Wasserrettung, der Luftrettung sowie des Krankentransportes ist der ASB ein zuverlässiger Partner.

Das sind nur einige Betätigungsfelder des Arbeiter-Samariter-Bundes, in denen ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger zum Wohle anderer aktiv sind. Die Kern-Aufgabe des ASB bleibt traditionell im Geiste Gustav Dietrichs die Ausbildung in Erster Hilfe. Heute bietet der Arbeiter-Samariter-Bund durch seine Bundesschule in Köln die volle Bandbreite der Sanitäts- und Rettungsdienst-Ausbildung an.

Neuere regionale Betätigungsfelder sind der Schulsanitätsdienst, der Besucherdienst in Seniorenheimen, die Betreuung von Menschen mit Behinderungen sowie die Hausaufgabenhilfe. Diese Aufzählung könnte schier endlos fortgeführt werden. Rund 12.000 Samariterinnen und Samariter arbeiten überall in Deutschland unentgeltlich und übernehmen freiwillige Dienste. Sie engagieren sich in ihrer Freizeit für das Gemeinwohl.

Der Arbeiter-Samariter-Bund hat sich aber auch als Wohlfahrtsverband kontinuierlich weiterentwickelt.
Alfred Klühs hatte damit begonnen, Krankenhäuser und Pflegeheime unter der Leitung des ASB zu eröffnen. Heute betreibt der Arbeiter-Samariter-Bund eine Vielzahl von Einrichtungen für Senioren, für pflegebedürftige Menschen, für Menschen mit Behinderungen und auch Einrichtungen für die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

Besonders nach der Wende im Jahr 1989 haben die ASB-Mitarbeiter in den neuen Bundesländern gemeinsam mit den Menschen vor Ort viele soziale Einrichtungen und Dienste aufgebaut. Dadurch ist der ASB eine feste Größe in den neuen Bundesländern geworden.

Zugleich erhielt die „Arbeiter-Samariter-Bewegung“ durch die Internationalisierung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weiteren Aufschwung. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der ASB begonnen mit den Samaritern in der Schweiz, Frankreich, Österreich, Dänemark, Norwegen, Schweden gemeinsam zusammen zu arbeiten. Nun gründeten sich nach 1989 in Ungarn, Tschechien, Russland, Weißrussland, Lettland, Litauen mit aktiver Unterstützung der deutschen Samariter ebenfalls Samariter-Vereine.

Am 11. August 1994 wurde die internationale Organisation SAINT gegründet. SAINT besteht heute aus dem Samariter-Vereinen in Deutschland, Österreich, der Slowakei, Frankreich, Südtirol, Lettland, Litauen, Polen und der Ukraine. Weitere Samariter-Vereine gibt es in Rumänien, Slowenien und in Südafrika.

Eine große Bedeutung für das Bekanntmachen der Arbeiter-Samariter-Idee weltweit hat die Auslandshilfe des ASB. So wurden im Jahr 2006 für Nothilfemaßnahmen vom ASB fast drei Millionen Euro aufgewendet. Mit diesen Mitteln unterstützte der ASB Erdbebenopfer in Pakistan und Indonesien, Flüchtlinge und vertriebene Menschen im Tschad, in Gambia und in Uganda, aber auch unterernährte Kinder in Honduras, Lesotho und im Niger.

Der Wiederaufbau lokaler Infrastrukturen ist ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit bei der ASB-Auslandshilfe. Familien in Indien und Sri Lanka, die besonders vom Tsunami betroffen waren, erhielten nicht nur Wohnhäuser, die in weiten Teilen in Eigenleistung erbaut wurden, sondern es wurden auch Gesundheitszentren und Jugendeinrichtungen errichtet. Zusammen mit den Berliner Philharmonikern sammelte der ASB Spenden und bauten damit drei Schulen in Sri Lanka.

Das umfangreiche Entminungsprogramm in Kroatien wurde ebenso fortgeführt wie das Engagement in Bosnien-Herzegowina. Über neun Million Euro wurden für Wiederaufbaumaßnahmen bereit gestellt. Im Rahmen von internationalen Partnerschaften unterstützt der Verband Projekte in Lettland, Litauen, Polen, Russland, der Slowakei und der Ukraine. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf dem Ausbau von sozialen Einrichtungen, der Ausbildung in Erster Hilfe sowie der Unterstützung von besonders bedürftigen Kindern, alten Menschen und von Menschen mit Behinderungen. Bürger anderer Länder lernen den ASB durch seine Hilfeleistungen kennen und sind begeistert von der Idee, die dahinter steckt.

Freiwilliges Engagement und das Ehrenamt spielen in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle. Beides sind Eckpfeiler einer Bürgersolidarität, die wir in unserer Gesellschaft nicht hoch genug wertschätzen können. Aus freiwilliger Arbeit und Ehrenämtern erwächst eine Kultur der wechselseitigen Achtung, der Zugehörigkeit und des Gemeinsinns. Dieses soziale Kapital hält unsere Zivilgesellschaft im Inneren zusammen.

Das alles wäre aber nicht möglich, wenn es nicht die über 1,1 Millionen Mitglieder des ASB gäbe, die mit ihren kleinen und großen monatlichen Mitgliedsbeiträgen und Spenden Ihre Arbeit fördern würden. Die große Spendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung bei großen Schadensereignissen erlaubt es Hilfsorganisationen wie dem ASB sofortige Hilfe vor Ort zu leisten! Die Idee der „selbstlosen Hilfe“ hat in unserer heutigen Zeit - 120 Jahre nachdem Arbeiter und Handwerker ihr Schicksal in die eigene Hand genommen haben - nichts an Aktualität verloren.

In einer Zeit, die von Kinderarmut, Jugendkriminalität und der Verarmung von Teilen der Gesellschaft geprägt ist, sind Ideenreichtum und soziales Engagement gefragter denn je. Wir leben in einer Zeit der Globalisierung und des Klimawandels. Trotz des wirtschaftlichen Fortschrittes in der Welt werden die Probleme nicht weniger, im Gegenteil. Die Bereitschaft, dem Mitmenschen zu helfen und sie zu unterstützen ist heute genauso nötig wie 1888!

HELFEN IST UNSERE AUFGABE – das ASB-Motto ist so aktuell wie schon immer.

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