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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, zur Gedenkveranstaltung aus Anlass des 70. Jahrestages des Überfalls auf Polen am 1. September 1939

27.08.2009 18:00, Abgeordnetenhaus von Berlin, Festsaal

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Walter Momper
27.08.2009, Abgeordnetenhaus von Berlin, Festsaal

- Es gilt das gesprochene Wort! –

In diesem Jahr jähren sich viele bedeutsame Ereignisse europäischer und deutscher Geschichte. Wir erinnern an dunkle Kapitel und an helle Momente, an Aufbrüche und Abgründe, die das vorige Jahrhundert prägten. Dieses 20. Jahrhundert stand oft im Zeichen von mehr Demokratie und neuen Rechten für die Einzelnen oder die Völker. Aber es war auch von kaum vorstellbaren Grausamkeiten, Unterdrückung und Kriegen gekennzeichnet, von unheilvollen Entwicklungen, die bis heute nachwirken.

Eines dieser geschichtlichen Ereignisse jährt sich in wenigen Tagen zum 70. Mal. Sechs Jahre nach ihrer Machtübernahme und 25 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs entfesselten die Nazis am 1. September 1939 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen den Zweiten Weltkrieg.

Das Erste, was im Krieg nur zu häufig auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Im Zweiten Weltkrieg hat sich dies bereits gleich in der ersten Stunde auf bittere Weise bewahrheitet. Als vermeintliche Begründung für den heimtückischen Angriff auf Polen führte Hitler an, Polen hätte zuvor die Grenze zu Deutschland verletzt und zwei schlesische Zollstationen sowie den Sender Gleiwitz überfallen. Doch diese angeblichen Übergriffe hatten keine Polen verübt, sie waren vielmehr von deutscher Seite selbst inszeniert worden. Wie so vieles, was vom verbrecherischen, nationalsozialistischen Regime ausging, war auch dieses nur eine Propagandalüge.

Dieser Lüge folgte in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 der Beschuss durch das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“, das ohne Kriegserklärung das Feuer auf die Westerplatte vor Danzig eröffnete. Kurz darauf überschritten deutsche Soldaten die Grenze zu Polen und flog die Deutsche Luftwaffe ihre ersten furchtbaren Angriffe. Hitler wollte den Krieg, daran hat er nie Zweifel gelassen.
Sein Programm, das auf einen Krieg abzielte und das von Feindschaft gegenüber dem jüdischen Volk, der Eroberung der Nachbarstaaten sowie von der Ablehnung der Demokratie gekennzeichnet war, konnte jeder lange vor der sog. Machtübernahme in seinem Pamphlet „Mein Kampf“ nachlesen. Der erste Band dieser Schrift war schon 1925 erschienen.

Unser Nachbarland Polen und seine Bevölkerung sollten in den folgenden 6 Jahren auf grausame Weise erfahren, welche Folgen die Eroberungspläne Hitlers haben sollten. 20 % der damaligen Bevölkerung Polens, 6 Millionen Polen wurden Opfer der menschenverachtenden Besatzungspolitik Deutschlands, sie wurden ermordet. Der Krieg und die Besatzung hinterließen am Ende des Zweiten Weltkrieges ein verwüstetes Land. Unvergessen ist dabei der Widerstand der polnischen Soldaten, aber auch der Widerstand, den das tapfere polnische Volk in den Jahren der deutschen Besatzung leistete. Der Kampf der Heimatarmee und die beiden Warschauer Aufstände sind und bleiben Ruhmesblätter in der Geschichte des polnischen Volkes.

Im Mai 1945, nach fast sechs Jahren Krieg, kapitulierte das Deutsche Reich bedingungslos vor den Alliierten. Polnische Soldaten hatten zusammen mit der Roten Armee und im Verbund mit britischen Truppen mitgekämpft und auch Berlin mit befreit. Der von Deutschland entfesselte Krieg hatte Millionen Zivilisten und Soldaten das Leben gekostet. Und mit dem Holocaust hatte das NS-Regime einen bis dahin unvorstellbaren Zivilisationsbruch begangen.

Als Folge des Zweiten Weltkriegs mussten etwa 20 Millionen Menschen aus ihrer Heimat fliehen oder wurden vertrieben oder deportiert. Überall lagen die Städte in Trümmern, überall irrten Menschen umher auf der Suche nach Angehörigen oder nach einer Bleibe.
Zigtausende Kinder waren zu Waisen geworden, zahllose Menschen, Soldaten wie Zivilisten, Heranwachsende wie Erwachsene durch schwere Verletzungen oder traumatische Erlebnisse für ihr Leben gezeichnet.

Noch leben unter uns Menschen, die den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt haben als Kinder, die gar nicht recht begriffen, was vor sich ging, oder als junge Erwachsene. In diesen Tagen können wir, sei es in den Medien oder in der eigenen Familie, ihren Berichten über jene Zeit zuhören. Sie haben das Erlebte nie vergessen und manchmal sprechen sie erst jetzt darüber, nach langen Jahrzehnten des Schweigens oder Verdrängens.

Warum erinnern an längst Vergangenes – so wird manchmal gefragt. Meine Antwort darauf lautet: Die Erinnerung lässt die Betroffenen selbst nicht los. Das gilt für die Deutschen, die an den Fronten oder in den Bombennächten zu Hause Schreckliches erlebten, die aufgrund ihrer Religion oder politischen Überzeugung verfolgt wurden oder die fliehen mussten. Und das gilt in besonderer Weise für die Bürgerinnen und Bürger der Staaten, die unter der deutschen Besatzung litten und Familienangehörige und Freunde durch den Krieg und die deutsche Besatzung verloren. Was wir häufig schon vergessen haben, steht ihnen oft noch klar vor Augen. Was bei uns nicht mehr alle wissen, ist dort ins kollektive Gedächtnis geschrieben. Gerade wir Deutschen dürfen die dunklen Kapitel unserer Vergangenheit nicht einfach ausblenden, sondern haben uns unserer ganzen Geschichte zu stellen. Und wir können die Gegenwart nur verstehen und unsere Zukunft gestalten, wenn wir die Vergangenheit kennen. Denn das Gestern prägt das Heute, es ragt bis in unsere Zeit hinein.

1945 waren große Teile Europas zerstört, die Menschen vom jahrelangen Krieg gezeichnet und tiefe Gräben zwischen den Deutschen und ihren Nachbarn entstanden. Dabei muss festgestellt werden, dass Deutschland sich nicht selbst vom NS-Regime befreite, sondern im Frühjahr 1945 von den alliierten Truppen befreit wurde und erst dadurch eine Chance zu einem Neuanfang erhielt. Und es gehört auch zur geschichtlichen Wahrheit, dass die Vertreibung von Millionen Deutscher die unmittelbare Folge des von Deutschland entfesselten Krieges war.

In den 40 Jahren nach 1945 war Europa als Folge des Kalten Krieges geteilt. Das geteilte Deutschland entwickelte in den Nachkriegsjahrzehnten vor dem Hintergrund der Blockbildung zwischen Ost und West neue, friedliche Beziehungen zu den einstigen Kriegsgegnern. Dabei spielte die Annäherung an unsere polnischen Nachbarn eine besonders wichtige Rolle. Erinnern möchte ich hier an die ersten Schritte einer Annäherung an Polen durch die neuen Ostpolitik Willy Brandts, Anfang der siebziger Jahre und an seinen berühmten Besuch in Warschau. In Verlauf der nächsten Jahre konnten die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern immer weiter vertieft werden.
Nie werden wir Deutschen es dem tapferen polnischen Volk vergessen, dass Polen es war, das in den 80er Jahren mit großem Mut die sowjetische und kommunistische Herrschaft abgeschüttelt hat. Dadurch wurde der Weg zur Wende in der DDR erst freigemacht und die deutsche Einheit möglich gemacht. Die Dankbarkeit für diese Leistung hat Bestand.

Ich bin sehr froh, dass heute, fast 20 Jahre nach Überwindung der Teilung Europas, Polen und Deutsche feste Partner sind, die gemeinsam in der Europäischen Union auf vielen Gebieten eng zusammenarbeiten. Zahlreiche staatliche und nichtstaatliche Organisationen in unseren Ländern sorgen mit ihren Aktivitäten dafür, dass diese Partnerschaft tagtäglich mit Leben erfüllt wird. Besonders möchte ich dabei an die Städtepartnerschaft zwischen Warschau und Berlin erinnern, die seit August 1991 besteht. Wie wichtig uns Berlinern die Partnerschaft und Freundschaft zu Polen ist, zeigt sich auch daran, dass eine hochrangige Delegation des Abgeordnetenhauses von Berlin in der nächsten Woche an den Gedenkfeiern in Danzig teilnehmen wird. Deshalb ist es für uns eine Auszeichnung und eine große Ehre, dass Sie, sehr geehrter Herr Präsident Borusewicz, als hochrangiger Vertreter der Republik Polen heute zu uns nach Berlin gekommen sind, um zu uns zu sprechen.

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