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Rede in der Plenarsitzung zum Gedenken an die Opfer der Terroranschläge in den USA

13.09.2001, Abgeordnetenhaus, Plenarsaal

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Reinhard Führer
13.09.2001, Abgeordnetenhaus, Plenarsaal
Terroranschläge in New York

Wir alle stehen unter dem Eindruck der Katastrophe, von der die Vereinigten Staaten von Amerika betroffen sind, und es fällt schwer, überhaupt Worte zu finden für das, was sich am Dienstag ereignet hat. Fassungslos und entsetzt haben wir die Bilder und Berichte zur Kenntnis genommen.

Wir alle sind erfüllt von tiefer Trauer um die Opfer dieses grauenhaften, beispiellosen Anschlags. Ihre Zahl geht vermutlich in die Tausende.
Fanatiker haben bisher Unvorstellbares getan. Ihre Menschenverachtung ist unfassbar. Dies war nicht nur ein Anschlag auf Amerika, sondern ein Attentat auf die Gemeinschaft der freien Völker.

Wir Berliner sind zutiefst betroffen, denn wir sind den USA durch die Nachkriegsgeschichte unserer Stadt besonders eng verbunden.

Wir fühlen mit den Menschen in Amerika, wir teilen ihren Schmerz. Die Amerikaner haben auch in schweren Stunden mit uns gefühlt und zu uns gestanden. Wir konnten uns auf die Vereinigten Staaten von Amerika immer verlassen, - nicht nur auf die jeweilige Regierung, sondern immer auch auf das Volk.

Hier in Berlin - auch im wieder vereinigten Berlin - ist nicht vergessen, was wir den Vereinigten Staaten verdanken.

Dass die Berliner in Ost und West heute gemeinsam in Freiheit leben können, ist den Vereinigten Staaten von Amerika und den beiden anderen ehemaligen Schutzmächten - Großbritannien und Frankreich - zu danken.

In den schwierigen Jahrzehnten der Berliner Nachkriegsgeschichte haben die Amerikaner aus ihrer Grundüberzeugung heraus, dass Freiheit und Demokratie erhalten werden müssen, die Existenz und Freiheit des westlichen Teils Berlins gegen jede Bedrohung von außen verteidigt. An einer der Nahtstellen des Kalten Krieges haben sie - ohne Wenn und Aber - für uns Flagge gezeigt.

Wenn das freie Berlin bedroht war, haben die Amerikaner - über alle innenpolitischen Differenzen hinweg - hinter ihrer Regierung gestanden. Tagespolitische Auseinandersetzungen waren vergessen, wenn es um gemeinsame Werte und Überzeugungen ging.

Wir erinnern uns an die Luftbrücke der drei Westalliierten, als 1948 die damalige Sowjetunion durch Sperrung der Landwege zum Westteil Berlins eine Blockade verhängte. Von Juni 1948 bis Mai 1949 brachten Flugzeuge tonnenweise Versorgungsgüter in die Stadt, deren Freiheit dadurch bewahrt wurde. Viele Piloten und Helfer der Luftbrücke kamen dabei ums Leben.

In Amerika, Großbritannien und Frankreich hörte man die Worte Ernst Reuters auf dem Platz der Republik am 9. September 1948: "Ihr Völker der Welt, ... schaut auf diese Stadt... Helft uns nicht nur mit dem Dröhnen Eurer Flugzeuge, nicht nur mit den Transportmöglichkeiten, die Ihr hierher schafft, sondern mit dem standhaften und unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale."

Die drei Mächte - an ihrer Spitze die Vereinigten Staaten - haben diese Standhaftigkeit vielfach und erfolgreich bewiesen.

In der Zeit der Blockade und der Luftbrücke ist in Berlin im gemeinsamen Kampf um die Freiheit jene tiefe Freundschaft gewachsen, die seither Amerikaner und Deutsche verbindet. Ein politisches Ziel und gemeinsame Ideale wurden in beiden Ländern zur Herzensangelegenheit. Das eindrucksvollste Symbol dafür ist die Freiheitsglocke: Sie war das Geschenk von 16 Millionen Bürgern der USA an die Berliner für deren Durchhalte- und Freiheitswillen während der harten Blockademonate. Die Freiheitsglocke war aber auch ein weiteres Bekenntnis zur Zukunft des freien Berlin. Denn die 16 Millionen Amerikaner hatten einen Freiheitsschwur unterzeichnet, der mit der Glocke nach Berlin geschickt wurde.

Unvergessen auch der Bau der Mauer im August 1961. Die wohl größte Herausforderung der Nachkriegszeit für alle Berlinerinnen und Berliner. Die Amerikaner konnten den Mauerbau nicht verhindern. In klarer Abwägung der komplizierten Vertragssituation in Berlin bewahrten sie aber ihre Rechte in der Stadt und ihre Anwesenheit, die allein die Freiheit garantierte.

Dann - im Juni 1963 - der Besuch von Präsident John F. Kennedy in Berlin: Hunderttausende an den Straßenrändern, Stunden der Euphorie, des Jubels und der Erleichterung. Schließlich Kennedys Worte vor dem Rathaus Schöneberg: "Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt West-Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner!"

Ein Besuch, der den Berlinerinnen und Berlinern Mut gab - und die Gewissheit, dass sie auch weiterhin auf den Schutz der Weltmacht USA vertrauen konnten.

Aber es gab - auch in West-Berlin - eine Zeit, in der die Politik der USA nicht ungeteilte Zustimmung fand: Während des Vietnam-Kriegs fanden auch hier antiamerikanische Demonstrationen statt. Diese Kritik hielt bis in die 80er Jahre an. Doch es war eine Minderheit, die sich daran beteiligte. Die große Mehrheit der Berliner war auch in dieser Zeit den Vereinigten Staaten freundschaftlich verbunden.

1983 war der Berlin-Besuch des damaligen Präsidenten und späteren Ehrenbürgers Ronald Reagan von Demonstrationen begleitet. Dennoch hat sich Präsident Reagan nicht davon abhalten lassen, 1987 Berlin erneut zu besuchen und hier für die Einheit einzutreten. Seine Ansprache vor dem Brandenburger Tor war ein eindrucksvolles Zeugnis der deutsch-amerikanischen Verbundenheit. Unvergesslich seine Worte vor dem Brandenburger Tor: "Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!"

Wichtige Repräsentanten dieser Freundschaft waren übrigens die Soldaten der Alliierten in Berlin. Wie sehr sie mit den Berlinern verbunden waren, zeigte sich auch bei ihrem Abschied von der Stadt, der vielen Berlinerinnen und Berlinern auch persönlich sehr nahe ging.

Nahezu symbolisch für die Verbundenheit zwischen Amerikanern und Berlinern war es schließlich, dass 1990 der damalige Präsident der USA und heutige Ehrenbürger von Berlin, George Bush, es war, der durch sein klares Eintreten für die Einheit unseres Landes den Zweiflern einen klaren Weg vorgab.

Meine Damen und Herren, durch seine Nachkriegsgeschichte ist Berlin mit dem amerikanischen Volk stärker verbunden als jede andere Stadt in unserem Land. Die Chronik dieser Freundschaft umfasst Jahrzehnte gemeinsamer Herausforderungen, gemeinsamer harter Prüfungen und gemeinsamer Erfolge.

Ich scheue mich nicht, die Verbundenheit der Berliner mit den Amerikanern eine Herzensangelegenheit zu nennen. Wer die schweren Zeiten unserer Stadt miterlebt hat, weiß, dass hier etwas gewachsen ist, das uns auf Dauer verbindet.

Dies muss man wissen, um zu verstehen, dass die Bilder und Nachrichten von dem grauenhaften Verbrechen in den USA die Berlinerinnen und Berliner bis ins Mark getroffen haben.

Leid, das unseren Freunden zugefügt wird, ist auch unser Leid.

Aber die Menschen in unserer Stadt fragen jetzt auch danach, wie es nun weitergehen wird. Sie haben die Sorge, dass auch unser Land von Terroranschlägen betroffen sein kann, - oder dass es nach dem Anschlag von Dienstag nun Reaktionen und Gegenmaßnahmen geben könnte, an denen wir beteiligt werden. Dass auch Berlinerinnen und Berliner Angst haben, ist verständlich.

Wir nehmen diese Probleme und Sorgen ernst.

Nach dem grauenhaften Anschlag auf die USA ist nichts mehr so, wie es war. Wir müssen nun - noch entschiedener als früher - gemeinsam gegen Hass, Gewalt und Extremismus vorgehen, denn sie sind oft die Saat solcher Taten. Auch wenn nach den ersten Untersuchungen die Anschläge aus dem arabischen Raum zu kommen scheinen, ist es unsere Pflicht, pauschalen Verurteilungen deutlich entgegenzutreten.

Wir müssen auch im Alltag all jenen widersprechen und entgegentreten, die - offen oder verdeckt - Hass predigen und Gewalt für ein zulässiges Mittel zur Lösung von Problemen halten.

Wir müssen die jungen Menschen in unserem Land immer wieder darüber informieren, wie verhängnisvoll Extremismus jeder Art ist. Gerade Deutschland hat dies in der Vergangenheit schmerzlich erfahren. Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen wieder Werte vermitteln: Toleranz, Nächstenliebe, Achtung der Menschenwürde, Gerechtigkeit.

Meine Damen und Herren, noch immer sind die Ereignisse vom Dienstag für uns alle unfassbar.

Das Abgeordnetenhaus von Berlin trauert um die Opfer des Anschlags.

Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen, wir stehen an ihrer Seite.

Viele Berlinerinnen und Berliner haben in den vergangenen zwei Tagen an vielen Stellen der Stadt ihre große Anteilnahme gezeigt.

Morgen werden wir noch einmal bekunden, dass wir an der Seite des Volks der Vereinigten Staaten von Amerika stehen. Die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien haben für Freitag, 17.00 Uhr, vor dem Brandenburger Tor zu einer großen Kundgebung unter dem Motto "Keine Macht dem Terror - Solidarität mit den Vereinigten Staaten von Amerika" aufgerufen.

Ich rufe alle Berlinerinnen und Berliner auf, daran teilzunehmen.

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