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Rede zur Veranstaltung zum Gedenken an Jürgen Fuchs

15.06.2009 19:00, Abgeordnetenhaus von Berlin, Festsaal

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Walter Momper
15.06.2009, Abgeordnetenhaus von Berlin, Festsaal

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, zur Veranstaltung zum Gedenken an Jürgen Fuchs am Montag, dem 15. Juni 2009 im Festsaal des Abgeordnetenhauses von Berlin
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- Es gilt das gesprochene Wort -

Ich begrüße Sie alle herzlich im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Wir sind hier im Festsaal des Abgeordnetenhauses zusammengekommen, um an Jürgen Fuchs, den Dichter, Schriftsteller, Psychologen und Bürgerrechtler zu erinnern, der am 9. Mai 1999 im Alter von nur 48 Jahren starb.

Zu dieser Gedenkstunde begrüße ich ganz besonders Frau Lilo Fuchs, die nachher Texte von Jürgen Fuchs lesen wird. Ich begrüße den Ehrenbürger von Berlin, Herrn Wolf Biermann, einen Freund von Jürgen Fuchs, der nachher mit seinem Lied an Jürgen Fuchs erinnern wird, und ich begrüße den Historiker Dr. Kowalczuk, der über Jürgen Fuchs und das Unrechtregime in der DDR nachher zu uns sprechen wird.

Mit dem viel zu frühen Tod von Jürgen Fuchs haben wir eine authentische Stimme verloren, die mit Beharrlichkeit aber auch Sensibilität das banale, zugleich aber auch so gefährliche menschenverachtende System der Unterdrückung und Drangsalierung im SED-Staat und seiner willfährigen Vollstrecker von der Stasi dokumentiert und demaskiert hat.

Jürgen Fuchs eckte schon mit seinen frühen Texten Anfang der siebziger Jahre im vorigen Jahrhundert bei den Machthabern der DDR an und wurde kurz vor seinem akademischen Abschluss vom Studium ausgeschlossen. Er hatte es gewagt, in seinen Texten die Verhältnisse in der DDR, die Herrschaft der Bürokraten und die kleinbürgerliche Sichtweise der Mächtigen bloßzustellen. Jürgen Fuchs wurde als Konterrevolutionär und Verleumder der DDR mit einem Verbot seiner Texte belegt. Er musste als Transportarbeiter und später in einem kirchlichen Kinderheim als Pfleger arbeiten.

Wenige Tage nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR wurde Jürgen Fuchs im November 1976 auf offener Straße, aus dem Auto von Robert Havemann heraus verhaftet. Neun Monate lang hat ihn die Staatssicherheit im Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen vernommen und drangsaliert. Aber die Verhörmethoden, das Wartenlassen, die Einschüchterungen der Stasi brachten nicht die gewünschten Ergebnisse.

Jürgen Fuchs, der sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen, beugte sich nicht seinen Peinigern, er tat ihnen nicht den Gefallen, etwas zu gestehen, was er nicht getan hatte. Er belastete niemanden, er verriet niemanden und er distanzierte sich nicht von denen, die zu ihm gehörten. Sein Schweigen in den Verhören wurde zu einer erfolgreichen Waffe gegen die, die ihn zum Staatsfeind machen wollten. Und als er sich zu Aussagen auf konkrete Fragen einließ, diktierte er den Verhörspezialisten seine politischen Auffassungen. Ans Ziel kamen sie damit nicht.

Während seiner Haftzeit im Stasi-Gefängnis, erschien im Westen sein Buch „Gedächtnisprotokolle“. Das Werk wurde im Mai 1977 in Nizza mit dem Internationalen Pressepreis ausgezeichnet. Eine Ohrfeige für das Unrechtsregime der SED. Aber auch seine Kraft ging einmal zu Ende. Gemeinsam mit Gerulf Pannach, Christian Kunert, Prof. Dr. Nitsche und Dr. Karl-Heinz Nitschke kam Jürgen Fuchs aus der Stasi-Haft frei und wurde nach West-Berlin abgeschoben.

Im Westen wurden in den folgenden Jahren weitere Werke von Jürgen Fuchs veröffentlicht, die eine große Leserschaft fanden. In ihnen dokumentierte er den Stasi-Terror, die Verhörmethoden, aber auch die menschenverachtende Art und die Kälte und Gleichgültigkeit des SED-Staates.

Jürgen Fuchs Werke und sein Eintreten für Freiheit und Menschenrechte in der DDR veranlassten die Stasi, Jürgen Fuchs und seine Familie auch im Westen zu verfolgen und einzuschüchtern. Sie scheuten sich nicht, ihm und seiner Familie nach dem Leben zu trachten. Das war nicht der einzige Versuch ihn zu töten, schon in der DDR hatte die Manipulation an seinem Auto zu einem schweren Unfall geführt.

Jede dieser Aktionen war abstoßend und widerwärtig. Die Aktionen zeigten immer wieder aufs neue, wie groß die Angst der DDR-Machthaber vor diesem klugen Menschen Jürgen Fuchs war und wie klein und rachsüchtig der Geist des kommunistischen Unrechtsstaates war.

Jürgen Fuchs war auch im Westen kein Angepasster. Häufig genug stieß er auch hier mit seinen Aussagen auf Unverständnis. Und im wiedervereinigten Deutschland wurde Jürgen Fuchs mit einer ganz merkwürdigen DDR-Nostalgie konfrontiert, die die Drangsalierung durch Stasi und SED ausblendete und bei der in aller Öffentlichkeit der Versuch unternommen wurde, die Geschichte umzuschreiben. Da wird manchmal der Gewaltcharakter der SED-Herrschaft geleugnet und Unrecht nicht mehr Unrecht genannt, sondern geschönt.

Bis zu seinem Tod hat sich Jürgen Fuchs für die Aufklärung über das DDR-Regime eingesetzt. Er wusste sehr genau, wovon er sprach, wenn er eine vollständige Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur und deren Unmenschlichkeit anmahnte.

Die Stimme von Jürgen Fuchs verstummte am 9. Mai 1999, aber seine Worte leben und wirken in seinen Büchern weiter.

Deshalb bin ich dankbar dafür, dass seine Witwe, Frau Lilo Fuchs, Herr Dr. Ilko Sascha Kowalczuk und unser Ehrenbürger Wolf Biermann heute Abend zu uns gekommen sind, um an den Schriftsteller und Bürgerrechtler und an den Menschen Jürgen Fuchs zu erinnern.

Ich heiße sie alle nochmals herzlich willkommen im Abgeordnetenhaus von Berlin.

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